Er war für Mercedes ein Milliardengrab und für die meisten seiner Fahrer eine Zumutung. Denn bei allem Charme der radikalen Reduktion aufs Wesentliche, bei aller Vernunft und der diebischen Freude bei der Parkplatzsuche wollte sich bei Smart nie so wirklich ein Erfolg oder wenigstens Entspannung einstellen. Von Erlösen und Erträgen ganz zu schweigen.
Das hat nicht beim revolutionären, weil ultra-kurzen Fortwo geklappt, und das hat erst recht nicht funktioniert beim Forfour, der für einen Bonsai zu groß und für eine Viersitzer zu klein war.
Deshalb haben die Schwaben nach 20 Jahren die Notbremse gezogen, die Hälfte der Marke und vor allem die Verantwortung für künftige Produkte, deren Entwicklung und Produktion an ihren chinesischen Großaktionär Geely übertragen – und ihr blaues Wunder erlebt. Denn smart im ursprünglichen Sinne mögen die Autos vielleicht nicht mehr sein. Aber seitdem die Verantwortung bei den Chinesen liegt, läuft es bei Smart: Die auch weiterhin ausschließlich elektrischen Autos sind besser und obendrein billiger als alles, was Mercedes in den jeweiligen Segmenten zu bieten hat.
Und während die alten Modelle so langsam aus dem Straßenbild verschwinden, machen sie die neuen immer breiter. Und zwar nicht nur, weil der #5 der bis dato größte Smart aller Zeiten ist und den letzten GLB deutlich überragt. Für die ersten zehn Monate weist die KBA-Statistik allein in Deutschland immerhin 4.000 Zulassungen aus.
Smart #2 (Vorserie)
Was die neuen Modelle zu bieten haben, zeigt exemplarisch der #3, der als buchstäblich schräger Vetter des Erstlings #1 um die Lifestyle-Kundschaft der Generation E buhlt. Er startet bei 40.490 Euro und hat für 3.500 Euro Coupé-Aufschlag die coolere Kehrseite, bietet aber bei 4,40 Metern Länge und 2,79 Metern Radstand trotzdem noch immer mehr Platz für Kind und Kegel als jeder Smart vor ihm. Selbst Erwachsene sitzen in der zweiten Reihe bequem und der Kofferraum fasst 370 Liter.
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Smart: Fuchs als Avatar
Aber mehr noch als bei den Abmessungen spürt man die Unterschiede zur alten Smart und zur aktuellen Mercedes-Welt beim Ambiente. Regierte beim alten Smart immer der Rotstift und zwang Entwickler und Designer zu einem verspielten Plastik-Look, der ein bisschen an einen Kaugummi-Automaten auf Rädern erinnerte, gibt es jetzt reichlich Lack und Leder und ein Infotainment auf der Höhe der Zeit. Die animierten Instrumente hinter dem Lenkrad sind zwar winzig, doch flimmert darüber ein großes Head-up Display und über dem Mitteltunnel prangt ein Bildschirm, der größer ist als in der Mercedes C-Klasse.
Und die Software darauf funktioniert mindestens genauso so gut wie bei der Konkurrenz, ist aber ganz nach chinesischem Geschmack ein bisschen verspielter. Deshalb leistet sie sich zum Beispiel einen Fuchs als Avatar, der zum virtuellen Beifahrer werden will. Die aktuelle Generation der Mercedes A-Klasse oder der GLA sehen dagegen fast schon angestaubt aus und der neue CLA macht mit seinem Superscreen auch nicht viel mehr her.
Smart #3 Brabus wird zur Rakete
Der Antrieb katapultiert den einsteigen Liebling der verwöhnten Weltverbesserer und Selbstbeschränker gar vollends in neue Sphären. Denn schon im Basismodell dreht die Hinterachse eine E-Maschine mit 272 PS und 384 Nm, die einen Sprintwert von 5,8 Sekunden ermöglicht und den #3 auf bis zu 180 km/h beschleunigt. Da sind die alten Smarts längst im Rückspiegel verschwunden - genau wie elektrische Konkurrenten vom Schlage eines EQA oder Mokka. Und wo man bislang allenfalls beim City-Slalom und im Parkhaus seinen Spaß haben konnte, lockt nun auch die Landstraße, wo sich der #1 erwachsen und souverän anfühlt, wie es sich für ein Auto dieser Größe gehört.
Und das ist ja nur der Einstieg. Genau wie früher bei Fortwo und Forfour ist auch Brabus wieder an Bord, putzt den #3 heraus und baut einen zweiten Motor ein, mit dem der #3 gar vollends zum China-Kracher wird: 428 PS und ein Sprintwert von 3,7 Sekunden machen ihn zum GTI-Schrecken, das stramme Fahrwerk schürt Lust und Leidenschaft und der Allradantrieb macht die Leistung beherrschbar. Und weil‘s dazu wie immer bei Brabus ach was fürs Auge gibt und ein paar Finessen für den Innenraum, tun die 53.490 Euro nur halb so weh.
Smart #5 (Fahrbericht)
Die Energie liefert immer ein Akku mit 47 oder 66 kWh, die Reichweite von bis zu 455 Kilometern ermöglichen. Auch damit fährt er nicht nur seiner Vergangenheit davon, sondern auch der schwäbischen Verwandtschaft. EQA & Co jedenfalls kommen da nicht mit und man muss schon auf den elektrischen GLB warten, wenn man bei den Schwaben einen konkurrenzfähigen Stromer kaufen will. Nur dass der dann halt deutlich größer und deutlich teurer ist, eher mit dem #5 verglichen werden muss und der Stern auch da nicht alles überstrahlt.
Klar sieht Mercedes in diesem Spiel nicht wirklich gut aus. Aber die Schwaben können sich trösten, denn sie sind mit dieser Rolle nicht alleine. Eine ganze Reihe europäischer Marken verdanken ihren Erfolg oder zumindest ihre Existenz mittlerweile vor allem den Chinesen.
MG erfolgreicher denn je
Das prominenteste Beispiel ist ganz sicher Volvo. Die Schweden sind 2010 von Geely für 1,8 Milliarden Dollar aus dem Ford-Imperium heraus gekauft worden, haben seitdem ihre Modellpalette teilweise schon zum zweiten Mal erneuert und sind mittlerweile vergleichsweise stabil. Erst recht, wenn man sie mit Saab vergleicht, die einst bei General Motors zu Hause waren und mittlerweile nur noch in der Geschichte weiterleben.
Ebenfalls nur durch chinesisches Engagement hält MG und ist mittlerweile zumindest außerhalb Englands erfolgreicher denn je. Denn als Rover-Anhängsel früher nur bei Roadster-Fans und anglophilen Sonderlingen überhaupt auf dem Einkaufszettel, ist „Morris Garage“ als Marke des SAIC-Konzerns mittlerweile im Mainstream angekommen und einer der erfolgreichsten Chinesen auf dem Kontinent.
Der jüngste und zumindest aus deutscher Sicht vielleicht prekärste Fall der umgekehrten Entwicklungshilfe ist aber Audi. Nein, keine Sorge, noch können sich die Herren der Ringe allein über Wasser halten. Doch zumindest auf ihrem wichtigsten Auslandsmarkt China lassen sie sich jetzt von SAIC helfen. Nachdem sie als erster westlicher Nobelhersteller jahrzehntelange Aufbauarbeit geleistet haben, hilft ihnen jetzt ihr einstiger Schüler beim Aufbau einer eigens für China entwickelten Submarke und macht Audi mit neuem Schriftbild und ohne Ringe plötzlich wieder sexy.
Allerdings klappt die Entwicklungshilfe offenbar nicht immer. Lotus jedenfalls ist trotz der Milliarden und Modelle von Geely auch weiterhin ein englischer Patient unter der Renditegrenze und auch Smart musste seine globalen Ziele wiederholt eindampfen.
Und trotzdem oder gerade deshalb steht die größte Herausforderung für das deutsch-chinesische Joint-Venture erst noch bevor. Mit dem kleinsten Auto. Denn sechs Jahre nachdem Geely die Verantwortung übernommen hat, wagen sich die Chinesen jetzt an just jenen Smart, der die Marke für Mercedes zum Problemfall gemacht hat und wollen im nächsten Jahr mit einem neuen #2 beweisen, dass auch ein ultrakleiner Zweisitzer zu großem berufen ist.
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