Bei zahlreichen Fahrschulen in Deutschland herrscht Alarmstimmung: Viele Betriebe berichten von Einbrüchen bei den Anmeldungen von bis zu 70 Prozent. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter Fahrlehrerverbänden. Die Entwicklung sei für zahlreiche Betriebe wirtschaftlich "hochproblematisch", sagte Reiner Nuthmann, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Sachsen-Anhalt.

Der "Schnieder-Effekt"

"Wir haben einen deutlichen Schnieder-Effekt", sagte der Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Nordrhein, Kurt Bartels. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hatte im vergangenen Oktober Reformvorschläge für eine kostengünstigere Fahrausbildung vorgestellt. Viele Schüler warteten derzeit ab, weil die Pläne eine mögliche Preissenkung suggerierten, erklärte der Vorsitzende des saarländischen Fahrlehrerverbandes, Daniel Boßlet.

Wann die Reform umgesetzt wird, ist jedoch unklar – ebenso, ob der Führerschein dann tatsächlich deutlich günstiger wird.

Eine bundesweite Umfrage der Moving International Road Safety Association unter rund 2.400 Fahrschulen im Januar ergab: Rund 84 Prozent meldeten seit November 2025 einen Rückgang der Neuanmeldungen – durchschnittlich um rund 54 Prozent.

Schnieder will Kosten senken – Zeitplan offen

"Mobilität darf kein Privileg sein", sagte Schnieder im Oktober. Für einen Pkw-Führerschein der Klasse B werden laut Ministerium derzeit im Schnitt rund 3.400 Euro fällig. Der Weg zum Führerschein solle einfacher und bezahlbarer werden – bei weiterhin höchsten Sicherheitsstandards. Geplant sind unter anderem Vereinfachungen und digitale Lösungen in Theorie und Praxis. So soll die Pflicht zum Präsenzunterricht entfallen und Wissen künftig über Apps oder Lernplattformen vermittelt werden können.

Verpflichtende Sonderfahrten – etwa auf Autobahnen oder Überland – sollen reduziert werden. Teils sollen diese Fahrten in Simulatoren absolviert werden können.

Mit Blick auf die sinkenden Anmeldezahlen dämpfte Schnieder im Januar Erwartungen an eine schnelle Umsetzung: "Es lohnt sich nicht abzuwarten, sondern wer den Führerschein machen will, der soll es jetzt machen." Erst nach einer Einigung mit den Ländern soll das Gesetzgebungsverfahren beginnen.

Große Unterschiede zwischen Stadt und Land

Der Rückgang sei vor allem in größeren Städten "beträchtlich", sagte Bartels. "Manche Fahrschulen haben ein Minus von 50 bis 70 Prozent, andere haben gar kein Minus." In ländlichen Regionen seien die Zahlen stabil, weil der Führerschein dort besonders wichtig sei. Auch andere Verbände berichten von einem deutlichen Stadt-Land-Gefälle.

In Sachsen-Anhalt ist ebenfalls von Rückgängen bis zu 70 Prozent die Rede. Joachim Einig, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Rheinland, berichtet, dass seit der Reformankündigung vielerorts Anmeldungen und laufende Ausbildungen um mehr als die Hälfte eingebrochen seien. Rund 70 Prozent der Fahrschulen seien betroffen.

Weitere Gründe für die Anmeldeflaute

Neben dem "Schnieder-Effekt" gebe es strukturelle Ursachen: "Wir beobachten bereits seit Beginn des Jahres 2025 einen deutlichen Rückgang", sagte Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg. Grund sei vor allem die schlechte wirtschaftliche Lage. Viele potenzielle Fahrschüler und deren Eltern schieben die Kosten derzeit auf.

Kritik an den Reformplänen

Vor allem die geplante Abschaffung des Präsenz-Theorieunterrichts sorgt für Kritik. "Wenn man beim Theorieunterricht auf Online-Schulung statt auf Präsenz setzt, ist der Lerneffekt schwächer – das dürfte dazu führen, dass mehr Menschen durch die Theorieprüfung fallen", sagte Bartels.

Auch die Reduzierung der Sonderfahrten stößt auf Ablehnung. Nuthmann sagt: "Simulatoren können unterstützen, aber sie ersetzen keine reale Autobahnfahrt bei 120 km/h, keine Dunkelheit, keine Witterungseinflüsse und keine echten Verkehrsdynamiken."

Werden die Preise wirklich sinken?

Ob die Reform zu niedrigeren Preisen führt, ist stark umstritten. "Es ist nicht ansatzweise belegt, dass die Preise sinken würden", sagte Boßlet. Auch Bartels zweifelt: "Wenn eine Fahrschule künftig einen Simulator kaufen muss, dann kostet der 30.000 bis 40.000 Euro." Einsparungen durch kleinere Büros seien ebenfalls unrealistisch.

Schnieder entgegnete in der ARD, er schreibe den Fahrschulen nichts vor, sondern schaffe "Möglichkeiten, die den Führerschein günstiger machen würden".

Wirtschaftliche Folgen für die Branche

"Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer verlieren ihre Arbeitsplätze oder wechseln in Betriebe mit noch ausreichender Auslastung", so Nuthmann. Viele Fahrschulen arbeiteten weit unter ihrer wirtschaftlichen Belastungsgrenze. Fixkosten blieben konstant, während die Einnahmen massiv sänken – besonders kleinere Betriebe auf dem Land hätten kaum finanzielle Reserven.

Boßlet berichtet von Kündigungen angestellter Fahrlehrer. In Hessen müssen einige Fahrschulen Personal reduzieren oder den Fuhrpark verkleinern. In Thüringen gingen ältere Fahrlehrer teilweise früher in Rente, weil es nicht genug Schüler gebe. Das Abwarten auf die Reform führe zu weiteren Umsatzeinbußen – und am Ende womöglich zu steigenden Preisen.

Kostentreiber beim Führerschein

Verbände nennen steigende Personal-, Fahrzeug- und Betriebskosten. Auf Schülerseite kommen längere Ausbildungszeiten und mehr benötigte Fahrstunden hinzu.

Klima erklärt: Jugendliche seien heute weniger verkehrserfahren, da sie beim Mitfahren häufiger mit Smartphones beschäftigt seien und oft von den Eltern transportiert würden. Dazu kämen volle Terminkalender mit Schule, Sport und Hobbys – für den Führerschein bleibe wenig Zeit.

Wer zahlt am wenigsten?

Die Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Christin Knochenhauer, sagt: "Am wenigsten zahlen die Fahrschüler, die motiviert und konsequent in 3 bis 6 Monaten ihre komplette Ausbildung absolvieren und am besten bereits während der theoretischen Ausbildung mit der praktischen Ausbildung beginnen."

Mehr zum Thema entdecken Politik Führerschein zu teuer: Verkehrsminister will handeln Autohandel Billigere Führerscheine: Verkehrsminister macht Vorschläge SchadenBusiness AK VI: Führerschein – Verzweifelte Suche nach Lösungen

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.