Wie behauptet sich der Handel in Zeiten steigender Kosten, neuer Marken und sinkender Kundenloyalität? Wie bleibt Mobilität bezahlbar? Diese Fragen standen im Fokus des 22. puls Automobilkongresses, der am 2. und 3. März im KORN’S in Nürnberg stattfand. Vertreter aus Industrie und Handel zeigten in Vorträgen und Panels, wo Chancen liegen, welche Risiken dabei bestehen und warum gerade das Aftersales-Geschäft zum entscheidenden Stabilitätsfaktor der kommenden Jahre werden dürfte.
Schon in der Begrüßung machte Gastgeber und puls-Geschäftsführer Stefan Reiser deutlich, wie angespannt die Stimmung vieler Autofahrer ist: 48,3 Prozent der Pkw-Halter spüren eine deutlich höhere Kostenbelastung. Das wirke sich auch auf Kaufentscheidungen und die Loyalität gegenüber Markenbetrieben aus. Für den Handel heißt das im Umkehrschluss, dass Problemfelder aufgedeckt und Lösungen entwickelt werden müssen, um sich auch in Zukunft eine sichere Position in diesem derzeit sehr dynamischen Marktumfeld aufzubauen.
Aftersales im Fokus
In diesem Zusammenhang rückte Imelda Labbé, Präsidentin des VDIK, gleich zu Beginn der Veranstaltung das Aftersales-Geschäft ins Scheinwerferlicht. Gerade in diesem Bereich würden Autohäuser ihr Potenzial noch nicht voll ausschöpfen. Zudem zeige sich die Tendenz, dass Kunden immer häufiger freie Werkstätten anstelle von Markenbetrieben aufsuchen.
Um dem entgegenzuwirken, müsse man als Autohaus das Aftersales-Geschäft weiter in den Fokus rücken, die dazugehörigen Daten im eigenen Betrieb genau analysieren und trotz derzeit noch hoher Werkstattauslastung handeln. "Abwarten ist unter den derzeitigen Umständen keine Option", so Labbé. Chancen sieht die Expertin künftig vor allem in den Bereichen Flotten und Connected Cars.
Ähnlich sieht dies auch Kai Vogler, Generalbevollmächtigter für Vertrieb und Marketing bei VWFS. In seinem Vortrag über die Rolle der Autobanken in der Zukunft des Automobilhandels schrieb auch er dem Aftersales-Geschäft eine große Bedeutung zu. Vonseiten der Autobanken lasse sich dies mit passenden Service- und Wartungspaketen unterstützen. Damit könne man zudem die Kundenbindung im GW-Geschäft erhöhen.
Boris Dähne, geschäftsführender Gesellschafter bei DieAutohausberater / DieAbrechner, veranschaulichte in seinem Vortrag, wie Autohäuser es schaffen können, auch Fahrzeuge aus den Segmenten II und III in den eigenen Werkstätten zu halten. Fahrzeughalter dieser Kategorien würden ansonsten dazu neigen, freie Werkstätten aufzusuchen.
22. puls Automobilkongress in Nürnberg
Digitale Unterstützung
Wie ein digitales Produkt den Aftersales-Prozess vereinfachen und gleichzeitig effizienter gestalten kann, zeigte Paul Beer, Leiter After Sales Digital Services bei Emil Frey Digital, in seinem Beitrag. Seine Abteilung steht vor der Herausforderung, eine Schnittstelle zwischen Herstellern, Handel und Kunden abzubilden. Gleichzeitig gelte es, Prozesse zu verschlanken, um wieder näher am Kunden sein zu können. Um dies zu ermöglichen, wurde die sogenannte "INSiDE Workbench" entwickelt. Dieses System kann laut Beer alle Arbeitsschritte in der Werkstatt abbilden und verhindert Systembrüche.
Auf smarte Unterstützung setzt auch die Kunzmann-Gruppe. Serviceleiter Marten Kalmbach beschrieb in seinem Vortrag den Einsatz zeitsparender Tools wie der Online-Terminbuchung oder der Vorqualifizierung von Werkstattaufträgen. Weitere große Hebel im Hinblick auf Effizienzsteigerungen im Aftersales sieht Kalmbach in der Disposition und der Rechnungsschreibung. Hier könne man mithilfe von KI und Automatisierung wertvolle Zeit und Kosten sparen.
Nichtsdestotrotz dürfe man sich nicht ausschließlich auf Digitalisierung verlassen. "Die Digitalisierung wird uns helfen, aber nicht all unsere Probleme lösen", so Jens Sörensen, Mitglied der Geschäftsleitung bei Toyota Switzerland. Viel wichtiger sei es, eine langfristige Strategie für einzelne Geschäftsmodelle aufzusetzen. Großes Potenzial sieht der Branchenkenner in diesem Zusammenhang im Reifen- sowie im GW-Geschäft.
Vertriebslösungen für die Zukunft
Ein weiteres Kernthema des puls Automobilkongresses waren effiziente und nachhaltige Vertriebsmaßnahmen. Zwei unterschiedliche Ansätze präsentierten Peter Schäfer, Geschäftsführer KreuterMedeleSchäfer, und Tolga Toker, Filialleiter bei der Bobrink-Gruppe.
Während der Allgäuer Handelsbetrieb vor allem regionale Verkäufe forciert, um Kunden auch über Werkstattaufträge binden zu können, versucht die Bobrink-Gruppe mit einer umfassenden Social-Media-Strategie Käufer im gesamten Bundesgebiet zu gewinnen – und das mit Erfolg: Derzeit generiert das Unternehmen laut Toker rund 200 Leads pro Woche. Um diese bestmöglich bearbeiten zu können, soll demnächst ein Online-Vertriebsteam etabliert werden.
Wie ein erfolgreiches GW-Geschäft aussehen kann, stellte Fritz Tiemeyer, verantwortlich für Vertriebscontrolling & KI bei der Tiemeyer Gruppe, in seinem Vortrag vor. Wie zuvor auch Schäfer erkennt er großes Potenzial im "Kirchturmgeschäft", da Kunden aus der Region meist länger im eigenen Ökosystem bleiben. Einen weiteren Erfolgshebel für die Zweitvermarktung von Fahrzeugen sieht Tiemeyer in der Etablierung einer eigenen GW-Marke.
Smarte Tools
Viel diskutiert und mit hohen Erwartungen verbunden ist derzeit auch das Thema Künstliche Intelligenz. Wie KI den automobilen Finance-Prozess verändert, erläuterten Dr. Eric Günter Krause, Head of Banking and Capital Markets Advisory, und Rolf Bialas, Vice President Automotive & Manufacturing, beide von Genpact, in ihrem Vortrag.
Die Funktionsweise eines teilweise app-gesteuerten DMS-Systems zeigten Stefan Aretz, Geschäftsführer, und Sintija Rennhack, Sales Executive, beide von AM Solutions, am Beispiel von cidcar mobile.
Tim Hochgreef und Patrick Schröder, die Geschäftsführer von autoDataexperts, sprachen in ihrem Beitrag unter anderem über Herausforderungen beim Einsatz von KI im Autohaus und stellten dar, worauf es bei der Implementierung von KI-Tools ankommt.
In einem Gespräch mit Dirk Marko Adams, Head of EMEA bei Infomedia, gab Frank Kremer, Aftersales-Direktor bei Astara Central Europe, Einblicke in das Tagesgeschäft des Importeurs. Dort kommen KI-Tools bereits zum Einsatz. Die Marke Hyundai arbeitet dort beispielsweise bereits mit einem KI-Agenten, der sowohl bei der Konfiguration als auch bei der Angebotserstellung unterstützen kann.
Wie ein digitaler Finanzierungsprozess Endkunden und Autohäuser bei der Abwicklung von Werkstattaufträgen unterstützen kann, zeigte Sebastian Sorger, Country Manager Germany bei Bumper, in seinem Vortrag. Gerade für Endkunden wird die Möglichkeit der Ratenzahlung in seinen Augen angesichts stark steigender Werkstattkosten zunehmend zu einer Notwendigkeit.
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Neben Themen, die das Tagesgeschäft im Autohaus betreffen, bot der puls Automobilkongress die Möglichkeit, auch über den Tellerrand hinauszublicken.
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