Die wirtschaftlichen Chancen von Europas Automobilbranche verschieben sich zunehmend vom Fahrzeugverkauf in Richtung Service- und Ersatzteilgeschäft. Das geht aus dem "Global Automotive Outlook 2026" von AlixPartners hervor. Demnach soll der Kfz-Aftermarket in den 30 wichtigsten europäischen Märkten bis 2035 von derzeit 198 Milliarden auf rund 270 Milliarden Euro wachsen.
"Mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3,2 Prozent wächst der Markt deutlich schneller als der Fahrzeugbestand selbst", ordnet Arthur Kipferler, Partner und Managing Director bei Berylls by AlixPartners, die Entwicklung ein. "Haupttreiber sind die kontinuierlich alternde Fahrzeugflotte, steigende Ersatzteilpreise sowie höhere Arbeitskosten im Servicegeschäft."
Alte Fahrzeuge werden zum Profitpool
Während die Debatte der Branche häufig von Elektromobilität und Neuwagenabsatz geprägt wird, sehen die Unternehmensberater die größten Ertragspotenziale künftig bei Fahrzeugen, die älter als sieben Jahre sind.
Der Fahrzeugbestand in der EU30 soll bis 2035 von rund 304 auf 344 Millionen Fahrzeuge wachsen. Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur deutlich. "Rund 80 Prozent des gesamten Bestandswachstums entfallen auf Fahrzeuge, die älter als sieben Jahre sind. Bis 2035 wird dieses Segment bereits für 77 Prozent aller Automobile in Europa stehen", erklärt Florian Tauschek, Associate Partner bei Berylls by AlixPartners. Davon profitierten vor allem unabhängige Werkstätten, Teilehändler und digitale Serviceanbieter.
Unabhängiger Markt baut Vorsprung aus
Der Independent Aftermarket (IAM) gewinnt laut der Branchenstudie weiter an Bedeutung. Während dieses Marktsegment bis 2035 jährlich um durchschnittlich 1,5 Prozent wächst, kommt der Markt für Originalersatzteile und herstellergebundene Strukturen (OES) lediglich auf 0,7 Prozent Wachstum pro Jahr.
Dadurch steigt der Marktanteil des IAM auf knapp zwei Drittel des gesamten Aftermarkets. Besonders bei Fahrzeugen, die älter als sieben Jahre sind, festigt der unabhängige Markt seine starke Stellung.
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Fahrzeugbestand: Osteuropa wächst am stärksten
Die größten Fahrzeugbestände bleiben zwar in Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien konzentriert. Das dynamischste Wachstum erwartet AlixPartners jedoch in Mittel- und Osteuropa. Rumänien weist mit knapp fünf Prozent pro Jahr die höchste Wachstumsdynamik innerhalb der EU30 auf. Auch Estland und Litauen entwickeln sich laut Analyse überdurchschnittlich.
"Die Folge ist eine schrittweise Verschiebung der europäischen Marktanteile. Der Anteil der traditionellen EU5-Märkte nimmt bis 2035 ab. Für internationale Marktteilnehmer entstehen damit attraktive Wachstumsmöglichkeiten außerhalb der bisherigen Kernmärkte, insbesondere für Unternehmen mit skalierbaren Aftermarket- und Servicekonzepten", so Kipferler.
Unterschiedliche Strategien für unterschiedliche Fahrzeugalter
Die Studie zeigt zudem, dass die Wettbewerbsbedingungen je nach Alter der Fahrzeuge deutlich variieren. Bei jungen Fahrzeugen zwischen einem und drei Jahren dominieren weiterhin Hersteller und autorisierte Werkstattnetze. Das Segment der vier bis sechs Jahre alten Fahrzeuge entwickelt sich dagegen zum zentralen Wettbewerbsfeld zwischen Vertragsbetrieben und unabhängigen Marktteilnehmern.
Die größten langfristigen Wachstumschancen sehen die Experten jedoch bei Fahrzeugen mit einem Alter von mehr als sieben Jahren. Dort entstehen zusätzliche Potenziale für Teilehersteller, Großhändler, Werkstattketten und digitale Plattformen.
Wachstum verlagert sich nach Indien und Südostasien
Auch im Neuwagengeschäft verändern sich die Gewichte. Die stärksten Wachstumsimpulse erwartet AlixPartners künftig außerhalb Europas. "Insbesondere Indien und Südostasien gewinnen für OEMs und Handelsorganisationen erheblich an Bedeutung. Wer künftig internationales Vertriebswachstum erzielen will, muss diese Regionen deutlich stärker in seinen Fokus nehmen, weil Europas Wachstumsdynamik nur sehr schwach ausgeprägt ist", erläutert Jonas Wagner, Partner und Managing Director bei Berylls by AlixPartners.
Parallel gewinnen Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Vertriebskanäle an Bedeutung. Hersteller und Händler, die in KI-gestützten Such- und Kaufprozessen nicht ausreichend sichtbar sind, könnten künftig Marktanteile verlieren.
E-Mobilität entwickelt sich regional unterschiedlich
Bei der Elektrifizierung der Mobilität erwartet AlixPartners keine weltweit einheitliche Entwicklung. Laut Michaela Wallner, Project Managerin bei Berylls by AlixPartners verläuft die Elektrifizierung langsamer und deutlich weniger homogen als häufig angenommen. "Während China den Übergang zur batterieelektrischen Mobilität konsequent vorantreibt, setzen Japan und Südkorea zunehmend auf Hybridtechnologien. In den USA sowie in den MENA-Staaten dominieren weiterhin Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Europa bewegt sich zwischen diesen Extremen", sagt sie.
Zugleich stabilisieren sich laut Studie die Restwerte von Elektroautos. Die Experten sehen die Autohersteller nun vor der Aufgabe, den Übergang von der Förderung früher Fahrzeuggenerationen hin zu einem funktionierenden Gebrauchtwagenmarkt aktiv zu gestalten. Der Aufbau professioneller Remarketing- und Gebrauchtwagenstrukturen werde damit zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor.
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