Luxus war auch im Automobilgeschäft noch nie leicht zu definieren: mehr Leder, mehr Chrom, mehr Zylinder, mehr Komfort? Heute scheint diese Formel sowieso nicht mehr auszureichen. Exklusivität entsteht vielmehr zunehmend durch Individualisierung, Zeit, Erlebnisse und nachhaltige Qualität statt allein durch materielle Opulenz. Gleichzeitig verschieben sich die globalen Märkte.

Während Europa über seine Tradition definiert wird, entstehen in Asien neue Vorstellungen von Luxus, Design und technologischem Fortschritt. Mercedes-Maybach steht damit vor der Aufgabe, seine Herkunft zu bewahren und gleichzeitig neue Erwartungen zu erfüllen. Die überarbeitete Maybach S-Klasse soll genau diesen Spagat meistern – zwischen klassischer Eleganz und moderner Interpretation von Luxus. Anlass genug, mit dem neuen Maybach-Chef Markus Bauer über weit mehr als Motorleistung, Ausstattung oder Komfort zu sprechen.

Herr Bauer, Maybach konkurriert im Luxussegment mit Rolls-Royce. Warum sollte sich ein Kunde für einen Maybach entscheiden?

Markus Bauer: Ich glaube gar nicht, dass die meisten Kunden zwischen Rolls-Royce und Maybach eine klassische Entweder-oder-Entscheidung treffen. Viele besitzen beide Marken. Entscheidend ist die Frage: Wonach sucht der Kunde eigentlich? Gerade in China spielt Understatement eine große Rolle. Die S-Klasse gilt nach wie vor als eine der besten Luxuslimousinen der Welt, und Maybach setzt dem noch einmal die Krone auf. Dazu kommen unsere Verarbeitungsqualität, die Individualisierungsmöglichkeiten und die Technik. Ich glaube, wir müssen uns in keiner Dimension verstecken.

Wie verändert die Elektromobilität das Luxussegment – und welche Rolle spielt dabei der Verbrennungsmotor?

M. Bauer: Die Welt entwickelt sich sehr unterschiedlich. In China geht die Nachfrage klar in Richtung elektrifizierter Antriebe, in den USA sehen wir aktuell eher das Gegenteil. Deshalb ist Antriebsflexibilität für uns das entscheidende Stichwort. Wir müssen auf regionale Unterschiede reagieren und können uns nicht auf eine einzige Technologie festlegen.

Der V12 ist in Europa nicht mehr erhältlich. Ist das das Ende dieses Motors?

M. Bauer: Nein. Der V12 ist nicht verschwunden, sondern dort verfügbar, wo er wirtschaftlich relevant ist und die gesetzlichen Rahmenbedingungen es zulassen – etwa in den USA oder Teilen Asiens. Natürlich ist das ein sehr emotionales Thema. Wer einen V12 sucht, der sucht einen V12. Den kann auch ein hervorragender V8 nicht vollständig ersetzen.


Mercedes-Maybach S-Klasse (2026)


China ist einer Ihrer wichtigsten Märkte. Gleichzeitig sind die Käufer dort außergewöhnlich jung.

M. Bauer: Das Durchschnittsalter liegt je nach Auswertung bei 33 bis 35 Jahren. Bemerkenswert ist, dass viele Kunden ihren Maybach sogar als erstes Fahrzeug in diesem Segment kaufen. Das zeigt, wie dynamisch sich der Markt entwickelt und wie selbstverständlich junge Unternehmer heute Luxus definieren.

Viele junge, wohlhabende Kunden legen heute mehr Wert auf Individualität, Nachhaltigkeit und digitale Erlebnisse als auf sichtbaren Status. Wie verändert dieser Wertewandel die Entwicklung einer neuen Maybach-Generation?

M. Bauer: Dieser Wandel bestätigt uns in unserem Anspruch, jedes Fahrzeug noch stärker als persönlichen Lebensraum zu denken. Individualisierung, digitale Souveränität und ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen gehören heute selbstverständlich zu modernem Luxus. Unsere Aufgabe ist es, diese Erwartungen nicht nebeneinanderzustellen, sondern sie nahtlos zu verbinden: mit Technologien, die intuitiv bleiben, Materialien von außergewöhnlicher Qualität und einer Atmosphäre, die Ruhe und Persönlichkeit ausstrahlt.

Tradition gilt als einer der größten Wettbewerbsvorteile von Maybach. Gleichzeitig entstehen vor allem in China neue Luxusmarken mit enormem technologischen Anspruch. Wie groß ist die Herausforderung, wenn Luxus künftig nicht mehr ausschließlich aus Europa kommt?

M. Bauer: Wir sehen uns das sehr aufmerksam an – und mit großem Respekt. Luxus ist heute globaler, vielfältiger und technologischer als je zuvor. Gleichzeitig bleibt entscheidend, ob eine Marke über Substanz, Herkunft und Glaubwürdigkeit verfügt. Mercedes-Maybach verbindet mehr als ein Jahrhundert Exzellenz mit der Innovationskraft von Mercedes-Benz. Genau daraus entsteht unser Anspruch: Tradition nicht zu verwalten, sondern sie in die Zukunft zu führen.

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Können Sie sich vorstellen, dass Kunden in zehn oder fünfzehn Jahren ein chinesisches Luxusautomobil auf Augenhöhe mit einem Maybach akzeptieren – oder bleibt Herkunft im absoluten Luxussegment ein entscheidender Wert?

M. Bauer: Ich glaube, Herkunft bleibt im absoluten Luxussegment ein sehr wichtiger Wert – aber sie allein reicht nicht aus. Kundinnen und Kunden erwarten heute, dass eine Marke ihre Geschichte glaubwürdig mit Fortschritt verbindet. Neue Wettbewerber können technologisch sehr stark sein, und das nehmen wir ernst. Aber ein Maybach steht für mehr als ein Produkt: für Haltung, Kontinuität, Vertrauen und eine Form von Souveränität, die über Generationen gewachsen ist.

Werden Maybach-Modelle heute überwiegend mit Chauffeur gefahren?

M. Bauer: Rund 40 bis 50 Prozent unserer Kunden haben einen Fahrer. Das heißt aber nicht, dass sie sich ständig fahren lassen. Gerade in China fahren viele ihren Maybach privat sehr gern selbst. Im geschäftlichen Alltag sitzt man dagegen häufig hinten und nutzt die Zeit zum Arbeiten. Beides gehört heute zum Nutzungskonzept.

Manche Kunden kritisieren die zunehmende Digitalisierung im Innenraum. Geht dabei klassisches Handwerk verloren?

M. Bauer: Dieses Feedback hören wir durchaus. Gleichzeitig müssen wir die Erwartungen unserer Kunden weltweit berücksichtigen – gerade in China spielen digitale Funktionen eine wichtige Rolle. Für uns bleibt aber entscheidend, dass Handwerkskunst sichtbar bleibt. Hochwertige Materialien, Leder, Holz und deren Verarbeitung gehören zum Markenkern. Die Herausforderung besteht darin, moderne Technik und klassisches Craftsmanship miteinander zu verbinden.

Wie definieren Sie modernen Luxus?

M. Bauer: Für mich bedeutet Luxus heute vor allem Zeit und Raum. Ein Maybach soll seinem Besitzer einen Ort bieten, an dem er seine Zeit frei gestalten kann – mit Ruhe, Komfort und Souveränität. Gleichzeitig wollen wir die Marke über das Fahrzeug hinaus weiterentwickeln und unseren Kunden eine exklusive Maybach-Welt bieten.


Maybach Brand Center Seoul


Elektromobilität, Software und autonomes Fahren verändern das Automobil grundlegend. Welche Eigenschaften werden den Luxuswagen der Zukunft definieren, wenn klassische Merkmale wie Motorleistung oder Hubraum an Bedeutung verlieren?

M. Bauer: Der Luxuswagen der Zukunft wird sich weniger über einzelne Leistungsdaten definieren, sondern über das Gefühl, das er vermittelt. Entscheidend werden Ruhe, Intelligenz, mühelose Bedienbarkeit und maximale Entlastung sein. Elektromobilität passt sehr gut zu Maybach, weil sie eine neue Form von souveräner Gelassenheit ermöglicht. Technologie muss dabei nie laut auftreten – sie muss intuitiv, elegant und fast selbstverständlich wirken.

Manche Kritiker sagen, Maybach sei technisch zu eng an die S-Klasse gebunden. Können Sie das nachvollziehen?

M. Bauer: Nein. Innerhalb von Mercedes haben wir deutlich mehr Freiheiten, als viele vermuten. Wir entwickeln zahlreiche exklusive Lösungen speziell für Maybach und setzen eigene Schwerpunkte – etwa beim Komfort. Das Feedback unserer Kunden zeigt uns, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.

Wird es künftig eigenständige Maybach-Modelle geben?

M. Bauer: Natürlich denkt man über viele Möglichkeiten nach. Unsere heutigen Plattformen sind eine hervorragende Basis, und wir arbeiten kontinuierlich daran, Maybach noch stärker zu differenzieren. Konkrete Pläne für eigenständige Modelle gibt es derzeit allerdings nicht.


Mercedes-Maybach GLS (2027)


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