Sparpaket mit Überraschungseffekt: Die Einigung bei Volkswagen zeigt, dass sich beim kriselnden Autobauer auch monatelange hartnäckige Konflikte lösen lassen. Aber zu welchem Preis? Die Abmachung sieht den Abbau von 50.000 weiteren Stellen vor und lässt die Zukunft ganzer Werke offen. Was bedeutet der "Zukunftsplan 2030" für die Mitarbeiter, für die Fabriken und die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts insgesamt?
Standort Deutschland
Klagen sind oft zu hören, spricht man mit deutschen Unternehmenslenkern. Zu schwerfällig, zu bürokratisch und vor allem zu teuer gehe es in Deutschland zu, so lauten die immer wiederkehrenden Vorwürfe. Einige Faktoren wie die hohen Kosten für Energie und Arbeit werden sich wohl nie lösen lassen. Für die Industrie- und Handelskammer Hannover waren die Warnsignale aus der Industrie in den letzten Jahren mehr als deutlich. Die Standortbedingungen für Industriebetriebe haben sich erheblich verschlechtert, wie Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt bilanziert.
Daher sei die Politik in Berlin und Brüssel dringend gefordert. "Wir messen uns mit den besten Standorten Europas - mit dem Ziel, dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit unseres Konzerns zu sichern", sagt VW-Chef Oliver Blume. "Die Arbeitskosten liegen heute bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte. Und auch bei den Fabrikkosten liegen andere Werke noch deutlich günstiger."
Das Gegenmittel vieler Unternehmen lautet: effizienter und flexibler werden. Genau hier will der VW-Vorstand ansetzen. Mit den Maßnahmen sichere Europas größter Autobauer die Profitabilität gegen einen zunehmenden Umsatzdruck seitens chinesischer Hersteller auf dem europäischen Markt, sagt Analyst Patrick Hummel von der Schweizer Großbank UBS. Die Börse reagierte positiv auf die Ankündigungen. Doch klar ist: Die Vorhaben zur Abwendung existenzieller Bedrohungen müssten nun angegangen werden, hieß es.
Kriselnde Autobranche
Eine "Produktionsüberkapazität von 500.000 Fahrzeugen in Europa" hat VW ausgemacht. Doch damit stehen die Wolfsburger nicht allein, wie auch Konzernchef Oliver Blume betont. Es handele sich nicht um eine VW-Krise, sondern um eine Misere der gesamten Autobranche. Die Zahlen belegen das: Der VW-Gewinn brach im zweiten Quartal um knapp ein Drittel ein, bei BMW und Daimler Truck war es jeweils etwas mehr als ein Drittel. Die Folge: Fast überall verschwinden Arbeitsplätze - in der deutschen Autoindustrie geht das derzeit schneller als in jeder anderen Industriebranche.
Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren in der deutschen Leitbranche noch 691.500 Menschen beschäftigt und damit so wenig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005. Da waren die 25.000 Stellen, die VW schätzungsweise im Zuge der Einigung in Deutschland abbauen will, noch gar nicht berücksichtigt. "Die Sparprogramme, die wir jetzt bei allen Autobauern sehen, sind unvermeidbar, umso wichtiger ist es, diese jetzt schnell umzusetzen, um sich wieder auf die Weiterentwicklung von neuen Modellen und Technologien zu konzentrieren", sagt die Branchenexpertin Helena Beron Wisbert.
Die Bundesregierung kündigte Unterstützung an. Man begleite die Branche, um auszuloten, welche Bedürfnisse die Industrie habe und wie die Politik dabei flankieren könne, sagt ein Regierungssprecher. "Wir wollen, dass Deutschland ein erfolgreicher Industriestandort bleibt."Konkurrenz aus China
Die Gefahr für die deutschen Autobauer kommt vor allem aus Fernost: China macht Deutschland Konkurrenz. Viele Hersteller verlieren in China Marktanteile und treffen zugleich auf den Weltmärkten auf stärkere chinesische Wettbewerber. Die Schlagzahl, mit der chinesische Unternehmen neue Modelle auf dem wichtigen Heimatmarkt herausbringen, können die Europäer nicht mitgehen. Vor allem bei Elektroautos bieten sie viele preiswertere Autos an. Und die Chinesen werden auch in Europa immer sichtbarer. Der Konzern BYD zeigt in Innenstädten Präsenz und baut - wenn auch noch auf geringem Niveau - seinen Marktanteil stark aus. Jüngst kündigte der chinesische Elektronikriese Xiaomi ausgerechnet auf der Technikmesse IFA in Berlin an, seine Elektroautos von 2027 an in Deutschland und weiteren europäischen Ländern zu verkaufen. Expertin Beron Wisbert mahnt, die deutschen Hersteller dürften - bei aller Konsolidierungsversuche in China - nicht den europäischen Automobilmarkt aus dem Blick verlieren. "Hier dominieren noch die deutschen Autobauer den Wettbewerb, aber bei den Elektroautos schwinden auch hier die Marktanteile."Volkswagens Zukunft
Sah es zunächst nach einer Eskalation im Aufsichtsrat aus, weil Kapitalseite und Arbeitnehmervertreter partout keinen Kompromiss zu finden schienen, betonen beide Seiten nun ihre Gemeinsamkeiten. Zum Kompromiss sagt Konzern-Betriebsratschefin Daniela Cavallo wohl daher, der Zukunftsplan sei "eine Notwendigkeit, um unseren Konzern erfolgreich ins nächste Jahrzehnt zu führen, ohne dass die damit verbundenen Vorhaben einseitig auf Kosten der Beschäftigten gehen". Die Zustimmung der Arbeitnehmerseite zum Abbau von weiteren 50.000 Stellen unterstreicht für Branchenexpertin Beron Wisbert die Bedeutung. "Das ist der zentrale Beschluss, der zeigt, wie groß der schnelle Handlungsbedarf ist", sagt die Professorin von der Ostfalia Hochschule. Aber: Wo genau der Stellenabbau umgesetzt werden soll, bleibt vorerst offen. Das dürfte viele Beschäftigte weiter in Unsicherheit lassen. Das gilt ebenso mit Blick auf die öffentlich angezählten VW-Werke in Emden, Zwickau und Hannover sowie den Standort Neckarsulm der Tochter Audi. Dass sie vorerst nicht geschlossen werden, ist keine Entwarnung. VW erklärt ausdrücklich, dass für diese Standorte derzeit keine wettbewerbsfähige Folgenutzung gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 gewährleistet werden kann. Die Debatte um Kosten, Standort und Zukunft des Standorts Deutschland dürfte auch deshalb weitergehen. Mehr zum Thema entdecken
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