An Platz mangelte es nicht. Am Tag vor der Eröffnung der Automechanika zogen sich lange Tischreihen durch das Frankfurter Kongresscenter. Wer zur Obermeistertagung gekommen war, musste sich um einen Sitzplatz keine Gedanken machen. Auf der Bühne ging es ebenfalls um große Dimensionen, wenn auch weniger räumlicher Art. Elektromobilität, Digitalisierung, Nachwuchsmangel und neue Geschäftsmodelle verändern Handel und Handwerk.
"Wir befinden uns in einem extrem schnellen Strukturwandel und müssen jetzt reagieren", sagte ZDK-Vizepräsident und Bundesinnungsmeister Detlef Peter Grün. Besonders deutlich werde das beim Zugang zu Fahrzeugdaten: Ohne die nötigen Informationen könnten freie Werkstätten moderne Autos künftig kaum noch reparieren. Die Branche müsse deshalb offen für Veränderungen sein und schneller handeln.
Zahlen für die politische Arbeit
Die vom BIV-Kfz beauftragte Branchenstudie liefert belastbare Zahlen zur wirtschaftlichen Bedeutung des Kfz-Handwerks. Sie soll sichtbar machen, welchen Beitrag die Betriebe zu Beschäftigung und wirtschaftlicher Stabilität leisten, und dem Verband gegenüber der Politik eine bessere Argumentationsgrundlage verschaffen. Aufbereitete Handreichungen sollen den Obermeistern helfen, die Ergebnisse auch vor Ort einzusetzen. Was sich daraus für Betriebe, Innungen und die politische Arbeit ableiten lässt, diskutierten anschließend Jürgen Gros, Detlef Peter Grün und Hanno Kempermann.
Zugleich sieht der Verband erhebliches Potenzial im Innungssystem. Dieses schöpfe den Markt nach grober Einschätzung bislang nur zur Hälfte aus. Viele Betriebe gehörten keiner Innung an oder seien inzwischen ausgeschieden. "Wir müssen einen Mehrwert schaffen", forderte der Bundesinnungsmeister. Die Innungen müssten den Unternehmen etwas bieten. Als Beispiel nannte er Versicherungsangebote der Nürnberger, die sich nach seiner Einschätzung bereits bewährt hätten.
BIV Kfz-Handwerk: Obermeistertagung 2026
Geschlossenheit als politische Währung
Mehrwert ist allerdings nicht nur eine Frage der Mitgliedschaft. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen die Betriebe überhaupt noch wirtschaften können. Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sah das Geschäftsklima nahe am Niveau der Corona-Pandemie, nur eben ohne Corona. Steigende Abgaben, Energiekosten und bürokratische Vorgaben belasteten die Betriebe und verteuerten ihre Leistungen.
Die Sorge des Handwerks richte sich deshalb nicht mehr allein auf den Wettbewerb, sondern zunehmend auf die Kaufkraft der Kunden. Der Abstand zwischen dem Einkommen der Beschäftigten und den Stundensätzen, die ein Betrieb verlangen müsse, werde immer größer. Notwendige Werkstattleistungen dürften dadurch nicht unerschwinglich werden. "Es darf kein Luxusgut sein, wenn man seine Bremsen warten möchte", sagte Dittrich.
Gerade in dieser Lage brauche das Kfz-Gewerbe eine gemeinsame Stimme. "Sie brauchen die Einheit Ihrer Branche", mahnte der ZDH-Präsident. Politische Durchsetzungskraft hänge schließlich nicht allein von der Qualität eines Arguments ab. "Die Währung ist nicht die gute Idee, sondern die öffentliche Wahrnehmung." Wenn Handel, Handwerk und Verbände getrennt auftreten, gehe ein Teil dieser Wirkung verloren. Die Verantwortlichen sollten deshalb prüfen, ob "alles, aber auch wirklich alles dafür getan ist, diese Einheit zu bewahren". Dittrich verband damit eine eindringliche Bitte: "Ich bitte Sie ganz herzlich, das noch einmal zu prüfen."
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Der Staat muss den Weg freimachen
Welche Themen eine geschlossene Branche voranbringen müsste, zeigte die anschließende Diskussion. Grün forderte bundesweit einheitliche digitale Verfahren, damit Gründer und Betriebsnachfolger nicht monatelang mit Anträgen und Schreiben beschäftigt seien. Gerade junge Meister hätten zwar Interesse an der Selbstständigkeit, könnten sich die Gründung oder Übernahme eines Betriebs aber häufig nicht leisten. Bei Finanzierung und Verwaltung müsse der Staat deshalb bessere Voraussetzungen schaffen.
Dringenden Handlungsbedarf sieht Grün weiterhin beim Zugang zu Fahrzeugdaten. Werkstätten müssten diese nicht nur einsehen, sondern "lesen und schreiben können". Andernfalls drohe die technische Entwicklung so weit vorauszufahren, dass freie Betriebe moderne Fahrzeuge nicht mehr reparieren könnten. Für weiteres Abwarten fehle der Branche die Zeit.
Das Kfz-Gewerbe formulierte in Frankfurt damit einen doppelten Anspruch: Die Politik soll bessere Rahmenbedingungen schaffen. Die Branche selbst soll ihre Interessen geschlossen vertreten.
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