Die deutsche Automobilindustrie hat die Herausforderungen der Transformation erkannt, ist darauf aber noch nicht ausreichend vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt der erstmals veröffentlichte "Global Automotive Sector Outlook 2026" der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.
Für die internationale Untersuchung wurden im März und April dieses Jahres 720 Führungskräfte von Autoherstellern und großen Zulieferern in 33 Ländern befragt, darunter 86 Manager aus Deutschland. Das zentrale Problem aus Sicht der Studienautoren: Viele Branchenunternehmen sind effizient geführt und solide finanziert, messen neue Geschäftsfelder jedoch weiterhin an den Maßstäben des etablierten Geschäfts.
Bewährte Stärke wird zur Transformationsbremse
Nach der Erhebung erklären 72 Prozent der deutschen Befragten, dass ihr Management das Kapital konsequent in besonders renditestarke Vorhaben lenke. 73 Prozent bewerten die Entscheidungsprozesse ihres Unternehmens als agil und datenbasiert.
Was im traditionellen Automobilgeschäft lange als Stärke galt, kann den Wandel jedoch erschweren. Strenge Investitionsrechnungen und hohe Renditeanforderungen führen laut PwC dazu, dass neuartige, zunächst weniger profitable Projekte frühzeitig aus dem Portfolio fallen.
Besonders sichtbar wird das bei der Risikobereitschaft. Lediglich 57 Prozent der deutschen Befragten bescheinigen ihrem Unternehmen eine hohe Toleranz für strategische Risiken. In der von PwC als besonders zukunftsfähig eingestuften Spitzengruppe sind es dagegen 80 Prozent.
"Der deutsche Automobilsektor hat jahrzehntelang gelernt, das Bestehende mit höchster Präzision zu optimieren. Jetzt ist genau diese Stärke eine Bremse", erklärt Harald Wimmer, Global und German Automotive Leader bei PwC Deutschland. Transformation gelinge nicht durch bessere Verwaltung des Status quo, sondern durch den "Mut, das Neue zu finanzieren – während das Alte noch läuft".
Regulierung und Zölle erhöhen den Druck
Neben internen Hindernissen belasten politische Unsicherheiten die Autobranche. 41 Prozent der deutschen Teilnehmer zählen regulatorische Veränderungen zu den drei größten Gefahren für ihr Unternehmen. 39 Prozent nennen Zölle. Im globalen Vergleich liegt dieser Wert der Mitteilung zufolge bei 27 Prozent.
Die Chancen des technologischen Wandels werden durchaus gesehen: 71 Prozent der deutschen Führungskräfte betrachten technologische Disruptionen als Chance. Das ist laut PwC die höchste Quote unter den untersuchten Märkten. Wimmer sagt: "Die deutsche Autoindustrie weiß, wo die Chancen liegen. Die Frage ist, ob die interne Steuerung es erlaubt, sie zu ergreifen."
KI gilt als Schlüsseltechnologie
Künstliche Intelligenz steht auf der Prioritätenliste weit oben. 54 Prozent der deutschen Teilnehmer bezeichnen KI als wichtigste Technologie für das Erreichen ihrer strategischen Ziele. Weltweit sind es 51 Prozent.
Zugleich bewerten 85 Prozent der deutschen Befragten Software-Engineering und KI als sehr oder äußerst wichtig. Damit liegt Deutschland 16 Prozentpunkte über dem globalen Durchschnitt. Die Unternehmen rechnen also mit einer stark wachsenden Bedeutung dieser Fähigkeiten, verfügen darüber aber noch nicht in ausreichendem Maß.
Außerhalb der führenden Gruppe geben lediglich 45 Prozent der deutschen Firmen an, entsprechende Kompetenzen bereits substanziell aufgebaut zu haben. Damit fällt die Differenz zwischen strategischem Anspruch und tatsächlichen Fähigkeiten laut Studie in keinem anderen untersuchten Markt größer aus.
Mehr zum Thema entdecken
Autohandel
Strukturwandel: Autozulieferer suchen Auswege
Autohersteller
Autoindustrie im Experten-Check: Wer gewinnt den Umbruch?
Unternehmenskultur entscheidet über Softwareerfolg
PwC sieht die Ursache nicht allein im Mangel an IT-Fachkräften. Softwarekompetenz lasse sich nicht ausschließlich über Neueinstellungen aufbauen, heißt es. Mindestens ebenso wichtig seien die Qualifizierung vorhandener Beschäftigter und eine Kultur, die kürzere Entwicklungszyklen sowie sichtbare Fehlschläge zulasse.
Wimmer betont: "Software ist der Output. Belegschaft und Kultur sind die Inputs. Die Industrie hat den Output korrekt identifiziert – und unterschätzt systematisch beide Inputs. Das ist kein Ressourcenproblem. Wir sehen hier ein Diagnoseproblem." Workforce-Reskilling und Organisationskultur würden in ihrer strategischen Bedeutung häufig unterschätzt. Zugleich würden 51 Prozent der Befragten Talentmangel als eines der größten Hemmnisse für ihre Wertschöpfung nennen.
Verbrennergeschäft soll den Wandel finanzieren
Auch der Wechsel der Antriebstechnologien fordert die Industrie heraus. PwC erwartet, dass der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge am globalen Produktionsvolumen bis 2030 von derzeit 18 auf 30 Prozent steigt. Gleichzeitig soll der Anteil konventioneller Verbrenner von 60 auf 41 Prozent sinken. Diese internationalen Werte werden auch in der veröffentlichten Studie ausgewiesen.
Verbrenner und Aftermarket bleiben demnach zunächst wichtige Ertragsquellen. Ihre Rolle verändert sich jedoch: Die bestehenden Geschäfte sollen zunehmend das Kapital für den Aufbau neuer Technologien und Geschäftsmodelle liefern. Für deutsche Hersteller und Zulieferer bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Sie müssen neue Bereiche finanzieren und gleichzeitig Produktionsstrukturen umbauen, deren Kosten bislang auf deutlich höhere Verbrennervolumina ausgerichtet sind.
Neue Konkurrenten drängen in Mobilitätsmarkt
Der Konkurrenzdruck kommt zunehmend von außerhalb der traditionellen Autobranche. 47 Prozent der deutschen Befragten betrachten Zulieferer, die ihre angestammte Rolle verlassen, als ernsthafte Wettbewerber. Hinzu kommen Technologie- und Energieunternehmen, die eigene Angebote für den Mobilitätsmarkt entwickeln.
Damit verschiebt sich der Wettbewerb von einzelnen Fahrzeugmodellen hin zu digitalen Plattformen, Produktarchitekturen und umfassenden Ökosystemen. "Unternehmen, die ihren Referenzrahmen weiterhin auf klassische Branchenteilnehmer beschränken, sehen die nächste Disruption womöglich nicht einmal kommen", konstatiert Wimmer.
Das Zeitfenster schließt sich
Für die deutschen Autohersteller und Zulieferer sieht PwC nur ein begrenztes Zeitfenster. Zentrale Investitions-, Personal- und Kooperationsentscheidungen müssten innerhalb der kommenden zwölf bis 18 Monate fallen, so Wimmer. "Wer seinen Wettbewerbsrahmen weiterhin ausschließlich aus der eigenen Branche bezieht, macht einen Fehler, der sich nicht mehr korrigieren lässt, sobald er sichtbar wird. In China benchmarken Automotive-Manager heute gegen Consumer-Electronics-Unternehmen. In Deutschland benchmarken sie gegeneinander. Das ist kein Detail – das ist eine strategische Weichenstellung." Und weiter: "Die Fähigkeiten sind grundsätzlich vorhanden. Jetzt geht es um die richtigen Ziele und die Geschwindigkeit auf dem Weg dorthin."
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.