Von wegen Land der Sehnsucht. Klar träumen alle Autofahrer vom Pacific Coast Highway oder der Route 66. Doch so richtig leicht macht es uns Amerika gerade nicht mit der Liebe, zumindest wenn man den Blick nur nach Washington richtet. Doch in Detroit sieht die Welt ganz anders aus. Zwar bauen sie auch dort längst nicht mehr nur Traumwagen, und haben Europa außerdem sträflich vernachlässigt, seit Ford von Köln kaum mehr was wissen will und General Motors seine Tochter Opel seinerzeit an PSA verschachert hat. Doch zumindest Stellantis ölt die transatlantische Achse und bringt jetzt pünktlich zum 60. Geburtstag den Charger nach Europa. Zwar nicht über sein offizielles Händlernetz, weil dafür die Stückzahlen zu klein sind und der CO2-Ausstoß zu hoch, doch mit voller Rückendeckung aus Rüsselsheim und Detroit holt der Importeur KWA das Musclecar vom Herbst an zu Preisen ab 66.000 Euro über den Atlantik.
Wie ernst es die amerikanische Schwester von Opel & Co. mit ihren versöhnlichen Ansichten meint, sieht man am Modellprogramm, das es jedem recht machen will. Nicht nur, dass sie dem Coupé für alle Musclecar-Fans mit Nachwuchs auch eine Limousine zur Seite stellen, weil es bei einer Länge von 5,25 Metern auf zwei Türen mehr oder weniger nicht ankommt. Um Petrolheads genauso zu erreichen wie die Generation PlayStation und sich ja nicht auf ein Antriebskonzept festzulegen, gibt's parallel zum Verbrenner auch den elektrischen Daytona. Und alle vier Varianten kosten das Gleiche.
Egal ob Benzin oder Batterie – eine Provokation ist der Charger freilich trotzdem, weil er protzig ist wie eh und je mit langer Haube, dicken Backen und einem Heck so breit, dass es zur automobilen Entsprechung des ausgestreckten Mittelfingers wird. Aber nicht nur die Vernünftigen unter den Autofahrern werden womöglich etwas irritiert sein vom bösen Buben aus Detroit. Auch Musclecar-Fans müssen sich ein bisschen umstellen. Klar, dass es mittlerweile digitale Instrumente gibt und auf dem Bildschirm in der Mittelkonsole fast so viel los ist wie unter der Haube – geschenkt. Aber dass der Charger jetzt erstmals mit Allradantrieb kommt, ist schon ein bisschen ungewöhnlich, und dass als Zeichen der politischen Korrektheit der V8 ausgemustert und durch einen doppelt aufgeladenen Reihensechser ersetzt wird, dürfte den Petrolheads schwer auf der Seele lasten.
Dodge Charger Six Pack (2026)
Bis sie den Startknopf drücken und das Biest mal von der Leine lassen. Dann nämlich erlebt man ein Grollen, das nicht nach Entschuldigung klingt für den Verlust von zwei Zylindern und im schlimmsten Fall mehr als die Hälfte des Hubraums. Der drei Liter große Reihenmotor hat einen ausgesprochen selbstbewussten Sound und liefert auch die passenden Fahrleistungen dazu.
Schon die Basisversion des Six Packs leistet 420 PS und geht mit 634 Nm zu Werke, sodass der Sprint von Null auf 100 in 4,6 Sekunden gelingt und Cops bei rund 270 km/h Spitze ganz schön ins Schwitzen kommen dürften. Und wenn man im Scat Pack Platz nimmt, dann sticht man mit 550 PS, 719 Nm, 3,9 Sekunden und rund 285 km/h selbst viele europäische Konkurrenten aus. Ein BMW M3, ein Audi RS5 oder ein Mercedes C63 jedenfalls sind längst nicht mehr unerreichbar. Das gilt nicht nur für die Papierform, sondern auch für die Praxis. Denn mit neuem Fahrwerk, der besseren Traktion des Allradantriebs und einem soliden Achtgang-Automaten ist der Charger jetzt nicht mehr nur auf dem Dragstrip schnell, sondern auch auf der Landstraße. Selbst wenn die ausnahmsweise mal ein paar Kurven hat.
Mit dieser Funktion gelingt der perfekte Burnout
Aber auch wenn der Charger jetzt besser fährt denn je und sich auch von engen Radien nicht mehr aus der Ruhe bringen lässt, bietet er genügend Nervenkitzel – nicht umsonst kann man die Vorderachse auf Knopfdruck abklemmen. Und natürlich gibt's für den perfekten Burnout auch wieder eine Line-Lock-Funktion. Ein Fuß auf die Bremse, einer aufs Gas, dann blockieren die Vorderräder und beim Anfahren drehen die Hinterräder so schnell durch, dass im Nu beißend weißer Qualm aus den breiten Reifen tritt – was für ein Spektakel.
Dodge Charger Daytona (2024)
Ganz so wild treibt es der elektrische Daytona freilich nicht. Aber auch bei dem legen die Amis Wert auf Adrenalin. Statt Line-Lock gibt es einen Drift-Modus und einen für Donuts, und die Fahrleistungsdaten sind sogar noch besser als beim Benziner – ja, das Spitzentempo ist auf bestenfalls 220 km/h limitiert, aber dafür hat schon das Grundmodell 536 PS und 548 Nm, und beim Scat Pack stehen 670 PS und 850 Nm in der Liste – da gelingt der Sprint in 3,3 Sekunden, und selbst amerikanische Vollgas-Ikonen sehen dagegen ziemlich blass aus.
Beim Laden wird's zäh
Die Energie dafür liefert ein Akku mit 100,5 kWh, für den die Amis bis zu 510 Kilometer Normreichweite in Aussicht stellen. Nur beim Laden wird’s zäh, weil am Wechselstrom bei 11 kW Schluss ist und der Hub von 20 auf 80 am Gleichstrom immerhin 27 Minuten dauert.
Leidenschaftlich, leistungsstark und dabei so breit aufgestellt, dass jeder damit seinen Spaß haben kann – selbst wenn sie es mit der Elektromobilität gerade nicht so haben in Amerika, wird der Charger so zum aktuell vielleicht besten USA-Botschafter, den Detroit zu bieten hat. Nur wenn's ums Geld geht, hört die Freundschaft auf. Denn Dodge lässt sich die Charmeoffensive gut bezahlen: Auf dem Weg über den Atlantik wird der Charger um fast 50 Prozent teurer.
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