Raus aus der Parkbucht, ab in den Urlaub: Kurz nach dem Flughafen München lenken wir den wuchtigen Ford Ranger Richtung Süden. Auf der A92 geht es zähflüssig los, der Münchner Autobahnring A99 ist auch nicht viel freier. Typisches Donnerstagmorgen-Großstadtring-Gewühl: Stop and Go, eilige Geschäftsmänner und Taxifahrer ziehen auch mal rechts vorbei, um sich vor dem Pick-up zu platzieren. Könnte alles nerven … wenn nicht längst ein blaues Signal im Display den Entspannungs-Modus gestartet hätte.

Ein Druck auf die Taste links oben am Lenkrad hat beim Start genügt. Und schon nach wenigen Sekunden mittig in der Autobahnspur hat der orange Riese das Lenken, Bremsen und Spurhalten übernommen, immer brav die erlaubte Höchst-oder Richtgeschwindigkeit im Blick. Die Hände wandern in den Schoß, die Augen zum weißblauen Horizont.

So einfach geht Blue Cruise. Das System von Ford startet auf Autobahnen automatisch, der Mensch hinter dem Steuer hat dann Freizeit. Wechselt der Fahrer allerdings die Spur oder lenkt selbst, schaltet es sich kurz ab und blitzschnell wieder ein, sobald die Fahrbahnbegrenzungen erkannt sind. Auch den breiten Ranger hält Blue Cruise so verblüffend genau in der Spur und auf Kurs.

Sensorik mit klarer Arbeitsteilung

Hinter dem Komfort stecke Sensorik mit klarer Arbeitsteilung, erklärt Pradeed Nold, Entwicklungsleiter Blue Cruise Europe. "Eine Frontkamera liest Markierungen und Tempolimits, Radar misst den Abstand. Eine Infrarotkamera hinter dem Lenkrad beobachtet Kopfhaltung und Blickrichtung." Auch durch die dunkle Sonnenbrille schaut der Computer in die Augen des Menschen hinterm Steuer. Wer also am Irschenberg rechts länger als fünf Sekunden auf das Bilderbuchpanorama mit Zwiebelturmkirche, Kühen, Hügeln und Bergkette schaut, wird per Warnton und Pop-up im Display aufgefordert, wieder auf den Verkehr voraus zu achten. Im Zweifelsfall stoppt das System die Fahrt ins Blaue – und zur Not das ganze Fahrzeug.

Freihändig fährt der Wagen auf rund 95 Prozent des Autobahnnetzes in 16 Ländern Europas. In Westeuropa erlauben das nur die Schweiz und Luxemburg nicht. In Deutschland können die allermeisten Autobahnen freihändig befahren werden. Künftig sollen laut Nold sogar Bundesstraßen folgen, sofern die Fahrbahnen baulich getrennt sind und es keinen Querverkehr gibt. Freischalten ließen sie sich für bereits verkaufte Blue Cruiser per Update. Bis 130 km/h darf das System arbeiten.

Tunnel und enge Kurven, also auch die meisten Auf- und Abfahrten der Autobahnen, bleiben ausgenommen. Das zeigt das System rechtzeitig vorher im Instrument an. Dann muss der Fahrer nur kurz die Hände ans Lenkrad nehmen – und sonst nicht viel tun; denn Spurhalteassistent und Abstandsregeltempomat funktionieren ja weiterhin. In langgezogenen Kurven geht Blue Cruise aber auch mal selbsttätig mit der Geschwindigkeit runter, um allein sicher in der Spur zu bleiben.


Ford Blue Cruise-Event in Innsbruck


Bremsen bis zum Stillstand

Am Inntaldreieck zweigt die A93 ab, nach Kiefersfelden beginnt Österreich. Auf der dortigen A12 verlangt das Tempolimit besondere Disziplin: Zwischen Kufstein und Zirl gilt dauerhaft sehr striktes Tempo 100. Wie auf der ganzen bisherigen Strecke passen Tempolimit-Erkennung und adaptiver Tempomat die Geschwindigkeit automatisch an die erkannte Grenze an. Staut es sich im Inntal, bremst das System bis zum Stillstand und fährt wieder an.

Blue Cruise zeigt sich dabei robust. Baustellen bringen es ebenso wenig aus dem Tritt wie leichter Regen. In den USA können Fahrzeuge mit dem System sogar selbstständig überholen. In Europa bleibt Blue Cruise dagegen immer in der gerade gewählten Spur. Sonst wäre eine Extra-Genehmigung notwendig gewesen, was die Sonderzulassung noch länger verzögert hätte, so Nold.

Juristisch bleibt die Fahrt ohnehin immer Arbeit für Augen und Kopf. Denn Level 2+ heißt: Der Fahrer überwacht dauerhaft den Verkehr – und haftet. Bestehende Regeln verlangten dazu bislang mindestens alle zehn Sekunden Hände am Lenkrad. Deshalb erteilte die EU für einige Modelle von Ford und BMW Ausnahmen. Nur diese beiden Hersteller haben die Sondergenehmigung beantragt.

Seit 2024 bietet die UN-Regelung Nr. 171 einen eigenen Rahmen, der zusätzlich Blick und Kopfbewegung als Kontrolle vorschreibt. Eine zweite Stufe ermöglicht erst seit Ende 2025 regulär Hands-off auf Autobahnen. BMW erhielt für den iX3 als erster deutscher Hersteller eine solche DCAS-Zulassung, Sondergenehmigungen entfallen damit.

Künftig dürften noch weit mehr Hersteller die Technik in ihre Fahrzeuge bringen. Anträge und ein Nachweis der Technik bleiben dennoch nötig, und der ist nicht ohne. Bisher prüfen Assistenzsysteme im Wesentlichen über ein kapazitives oder drehmomentgesteuertes Lenkrad, ob eine Hand am Rad liegt. Blue Cruise läuft dagegen über die Innenraumkamera, die mit allen Assistenzsystemen kommuniziert.

Anders ist die Lage bei Level 3: Der Fahrer darf sich dabei völlig vom Verkehr abwenden, muss aber auf Aufforderung des Systems sofort übernehmen. Er könnte sogar ein Video schauen. Der Vorteil bleibt indes weitgehend theoretisch. Aus Versicherungs- und Sicherheitsgründen sind die technischen Anforderungen hoch, und bei schlechtem Wetter oder in Baustellen verweigert das System das autonome Fahren meist. Also oft genau dann, wenn ein autonomer Helfer am meisten nützen würde.

Autonomie ist teuer

Wie teuer solche Autonomie ist, zeigt der Blick auf Mercedes und BMW. Der Drive Pilot von Mercedes kostete wie auch BMWs Personal Pilot L3 rund 6.000 Euro Aufpreis. Beide Hersteller haben die Systeme inzwischen gestrichen. Denn nur ein paar Hundert Fahrzeuge der S-Klasse und der 7er-Reihe wurden mit dem teuren Extra zugelassen. Hinzu kommt ein fehlender internationaler Rechtsrahmen, der den Verkauf außerhalb Deutschlands erschwert. BMW ersetzt das System inzwischen durch einen Level-2-Assistenten für rund 1.450 Euro, die Schwaben durch ein ähnliches System bei Preis und Leistung.

Ford hat einen anderen Ansatz – und will die Technik in die Breite seiner Palette tragen. "Wir möchten die jeweils modernste Technologie möglichst vielen Autofahrern zugänglich machen", sagt Entwickler Nold. Auch Kuga und Puma gibt es darum seit März als Blue Cruise Edition, mit Fahrerassistenzpaket und Funktion serienmäßig und ohne Abo. Die Herausforderung liege aber darin, Kunden überhaupt zum Ausprobieren zu bewegen. "Deshalb ist das System bei allen Fahrzeugen mit integrierter Technik die ersten drei Monate kostenlos", so Nold. Danach lässt es sich beispielsweise beim Puma für 24,99 Euro pro Monat oder 280 Euro jährlich dazubuchen.

Die größere Verbreitung hat eine Kehrseite. Die US-Behörde NTSB sah im März 2026 bei zwei tödlichen Mach-E-Unfällen von 2024 Ablenkung und übermäßiges Vertrauen ins System als mitursächlich. Die Fahrerüberwachung habe Ablenkung nicht wirksam eingedämmt. In den europäischen Ford sind die Aufforderungen zur Aufmerksamkeit jedenfalls besonders früh und augenfällig, wenn die Aufmerksamkeit des Fahrers nachzulassen droht. Und überhaupt nennt Ford sein Blue Cruise nicht Sicherheits-Assistenz, sondern "Komfortfunktion".

Die Bezeichnung hat das System aber zu Recht: Kurz vor Innsbruck verlangt die Ausfahrt mit einem Hinweis im Display wieder zwei Hände am Steuer. Mehr als 80 Prozent der Strecke war der Fahrer ohne Hand am Steuer unterwegs. Erholt und tatendurstig steigt er in Wattens aus dem bequemen Pick-up. Die Sonne lacht über dem Inntal, Wanderstiefel und Rucksack liegen bereit, der Gipfel des Walder Joch lockt zum Aufstieg. Immer gut festhalten - freihändig geht es erst wieder auf der Rückfahrt weiter.

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