Einmal im Jahr noch hört jeder deutsche „Tagesschau“-Zuschauer Latein. Nämlich dann, wenn der Papst vom Balkon des Petersdoms aus den globalen Segen „urbi et orbi“ verkündet – urbi ist die Dativform von urbs („Stadt“) und orbi der Dativ von orbs („Weltkreis“). Die Formel ist eines der letzten jedem bekannten Relikte der Sprache, die den Westen geschaffen hat. Latein war das Idiom zuerst des weströmischen Reichs, dann der katholischen Christenheit und schließlich der europäischen Verwaltung und Wissenschaft. Noch Konrad Duden musste seine Dissertation auf Lateinisch schreiben. Ungarn schaffte Latein erst 1844 als Amtssprache ab.

Auf diesem Weg in die Delatinisierung hat nun auch der Vatikan einen Schritt gemacht. Seit dieser Woche hat Latein seinen Rang als erste Amtssprache verloren. In einem neuen Regelwerk für den Verwaltungsapparat des Kirchenstaats heißt es: „Die Behörden der Kurie schreiben ihre Akten in der Regel in Latein oder in einer anderen Sprache.“ Theologisch behält Latein aber weiterhin seine Bedeutung. Päpstliche Lehrschreiben werden weiter in lateinischer Fassung veröffentlicht.

Die enge Verbindung zwischen dem Papst und der Sprache der Römer reicht fast 1800 Jahre zurück. Sie begann um 200 n. Chr., als die zunächst noch deutlich von der griechischen Sprache geprägte christliche Gemeinde in Rom immer mehr von Lateinsprechern bestimmt wurde. Kanonisch wurde Latein endgültig, als der Kirchenlehrer Hieronymus im Auftrag des Papstes Damasus Ende des vierten Jahrhunderts seine komplette lateinische Fassung der Bibel schuf, die dann für mehr als 1000 Jahre die europäische Kirchengeschichte prägte.

Herausgefordert wurde die Rolle der seit der Neuzeit „Vulgata“ genannten Hieronymus-Bibel erst nach 1500 durch Erasmus von Rotterdam und Martin Luther. Ersterer gab eine philologisch exakte Fassung des griechischen Originaltexts heraus, die europaweite Debatten darüber ermöglichte, ob Hieronymus in der „Vulgata“ nicht vielleicht manches falsch verstanden habe. Der zweite schuf die erste wirklich massenwirksame Übersetzung der Bibel in eine Volkssprache.

Die Macht der „Vulgata“ war damit noch lange nicht gebrochen. Und die der lateinischen Sprache im Katholizismus erst recht nicht. Hieronymus’ Bibelversion ist bis heute bedeutsam als Dokument der westlichen Geschichte, als eigenwertiges Literaturdenkmal und theologische Deutung des Ursprungstexts. Beim zweiten Vatikanischen Konzil war Latein noch die einzige zugelassene Debattensprache (1962–1965). Doch paradoxerweise entschied sich gerade dieses Reformtreffen für die Einführung der Messe in den jeweiligen Volkssprachen. Auch wenn die lateinische Messe für Traditionalisten mittlerweile wieder zugelassen ist, wird die Zurückdrängung des Lateins in der katholischen Sphäre in den nächsten Jahrhunderten wohl unaufhaltsam sein. Allgemeine Umgangssprache ist im Vatikan ohnehin längst Italienisch.

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