Wenn ich mir was wünschen dürfte fürs neue „Tatort“-Jahr, ich weiß es ist fürs Wünschen ein bisschen spät heute, dann wäre das gleich zweierlei. Der eine hat mit der eher seltsamen Tradition zu tun, das Jahr des Sonn- und Feiertagabendkrimis mit nachtschwarzen Fällen zu eröffnen. Der andere kommt später.
Keine Ahnung, was die „Tatort“-Koordinationskonferenz umtreibt, jedenfalls darf man auf gar keinen Fall die Neujahrsermittlungen zwischen Rostock und München als Omen nehmen dafür, wie es weitergeht in der Welt, wenn die letzten Silvesterböller verknallt sind. Licht wird’s nie in diesem Jammertal, Kommissare sterben, die man gern hatte. Man wünscht sich Münster herbei. Es ist ein Alptraum.
Dass 2026 mit einer Geschichte anfängt, die „Nachtschatten“ heißt, kann man auch als Menetekel lesen. Obwohl an dieser Stelle schon mal darauf hingewiesen werden darf, dass mörderische Substanzen, wie sie in der Familie der Solanaceae weitverbreitet sind, keine Rolle spielen. Es geht um eher gesellschaftliche Gifte, und die Mordwaffe ist ein Skalpell.
Ein Mädchen läuft durch Dresden. Da ist es angemessen neujahrstatortdunkel. Vorher hat man sie wegrennen sehen. Hat Stimmen in ihrem Kopf gehört und einen Schrei. Eine Frau lag in ihrem Blut. Die Kamera taumelte im Halbdunkel um sie herum. Malakoff Kowalski – der für den Soundtrack verantwortlich ist – ließ die Geräusche, die Klänge so seltsam tanzen, dass man nicht anders kann, als weiterschauen.
Das Mädchen sieht aus, als sei sie aus „Avatar“ in die Wirklichkeit gestürzt. Bleiches Gesicht, eingefallene Wangen, riesengroße Augen. Blutig ist, was sie trägt. Sie meidet Menschen, sie greift sie mit dem Skalpell an, wenn sie ihr zu nahe kommen.
Der Papa sieht alles, darf alles
Amanda heißt das Mädchen. Sechzehn sei sie, sagt sie hinterher beim fürsorglichen Verhör. Eine Schwester hat sie, sagt sie. Jana. Um die macht sie sich Sorgen. Große Sorgen. Weil Amanda nicht artig war, sie geflohen ist, wird Jana jetzt nichts zu essen bekommen. So ist der Papa. Der darf alles, der sieht alles. Und die Welt ist böse. Zu der darf man nicht. Das hat der Papa so verfügt, um sie zu schützen. Amanda hat ihr Leben, sagt sie, in einem Keller verbracht.
Zwischendurch sieht man ihr Zimmer. Wenn Leo Winkler (Cornelia Gröschel) sie befragt, die Dresdner „Tatort“-Kommissarin, die Angst hat, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Die an die Wahrheit in Amandas wirren Sätzen glaubt. Im Gegensatz zur Psychiaterin, die alles für Fantasma hält. Und auch im Gegensatz zu Schnabel (Martin Brambach), Winklers Chef und Bedenkenträger, dem die Fakten fehlen, der geneigt ist, in Amanda eher „die Verdächtige in einem Tötungsdelikt“ zu sehen als ein Opfer.
Das Zimmer wirkt wie aus einem Innenarchitekturmuseum Abteilung Fünfziger. Ein Tradwife-Paradies. Gedeckte Farben, Jugendzimmer, viele Bücher, ein bisschen verschimmeltes Brot. Würde da nicht eine Kamera hängen, wäre die museale Illusion perfekt.
Das mit dem Kellerzimmer wissen wir. Wir sehen auch immer wieder Amanda da. In rätselhaften Rückblicken spiegelt Saralisa Volm, die Viola M. J. Schmidts Buch verfilmt hat, was Amanda über ihre Kellerzeit erzählt. Was wir wissen, macht das Rätsel aber nicht kleiner.
Jetzt müssen wir kurz zum zweiten Wunsch kommen. Schnabel und Winkler gehen Klinkenputzen, befragen Hausbewohner, suchen Zeugen. Und stehen auf einmal einer Frau gegenüber, die Hausmeisterin ist. Unscheinbarer Job, eine von den Menschen da im Plattenblock, die nichts gesehen haben wollen, an denen man vorbeisieht, was Schnabel und Winkler auch tun.
Wahrscheinlich, weil sie selten Fernsehen schauen. Sonst wüssten sie, was wir wissen, dass diese Frau nicht mehr weggehen wird aus der Geschichte, weil sie zu groß besetzt ist. Weil Nina Kunzendorf sie spielt. Zum Glück geht sie nicht mehr fort bis zum Schluss. Sie macht das toll. Aber vielleicht könnte man trotzdem gelegentlich – das wäre der oben erwähnte zweite Wunsch – entscheidende Rollen mit Schauspielern besetzen, deren schiere Präsenz nicht in der ersten Sekunde, in der sie die Tür öffnen, die Bedeutung der Figur sichtbar machen.
Aus einer völlig verzerrten Familie
Zurück zu Amanda. Schnabel und Winkler dringen von zwei Seiten immer tiefer ins Trauma des Mädchens ein. Das kein psychiatrisches Phänomen ist, kein Abspaltungsmechanismus, keine Über-Ich-Legende. Sondern die Geschichte aus dem Innern einer völlig verzerrten Familie, einer Verschwörungstheorie aus Prepperwahn und radikalisierter Corona-Maßnahme.
Die fürsorglichen Eltern schützen ihre Kinder vor dem Bösen, indem sie ihnen ihre Freiheit nehmen. Vielleicht, sagt Amanda, die nun alles herausplappert, sei es angesichts ihrer Erfahrungen im Keller besser, dass man sie einsperrt. Weil alles so seltsam ist in der Welt, die sie nicht kennt, die ihr mehr Angst macht, als sie vor ihren Eltern haben müsste.
Emilie Neumeister ist Amanda. Und sie ist auf dem Papier eigentlich zehn Jahre zu alt für diese Rolle. Das blitzt vielleicht mal zwischendurch hervor aus dem Dunkel. Macht aber nichts, ist durch die Geschichte, die auch die einer gestohlenen Jugend ist, gedeckt. Emilie Neumeister lässt die Zerbrechlichkeit, die Zerrissenheit, die Angst, Körper, Bewegung werden. Spiegelt in jeder Sekunde das Zwielicht in Amandas verletzter Seele. Wenn das Jahr so gut wird, wie Emilie Neumeister spielt, haben wir Hoffnung.
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