Der französische Regisseur François Ozon wagt sich an einen Stoff, der sich der Vernunft entzieht und die Absurdität des Lebens offenbart: Albert Camus’ 1942 erschienener Roman „Der Fremde“. In einer Welt, in der Konventionen bestimmend sind und Ideologien bis in den privatesten Raum hineinregieren, verweigert sich die Hauptfigur Meursault dem Gehorsam. Er revoltiert, indem er ohne Rücksicht auf Verluste die Wahrheit spricht und gegen die Heuchelei seiner Zeit aufbegehrt. In einem sinnlosen Akt der Gewalt tötet er einen Algerier und wird inhaftiert. Dieser „acte gratuit“ ist ein Symbol für Auflehnung und Widerstand gegen Determinismus und eine schwer zu erringende Freiheit. Ozon widersetzt sich mit seinem Film der Tyrannei der Ideologie und rührt damit am neuralgischen Punkt unserer Zeit.

WELT: Es gibt Kritiker, die Albert Camus’ Existenzialismus für obsolet halten. Sie strafen sie mit Ihrem Film Lügen, Herr Ozon, denn er stellt eine existenzielle Frage: Wie frei ist man, wenn man sich loslöst von allen Konventionen?

François Ozon: Oh la la! Über Generationen hinweg sind die Menschen berührt von diesem Buch, da es die Absurdität des Lebens thematisiert. Wir fragen uns nach dem Sinn des Lebens, nach den Bedingungen unserer Existenz. Darin ist es überzeitlich. Sich von allen Konventionen zu befreien, stellt ein Risiko dar, und Meursault geht dieses Risiko ein. Er spielt das gesellschaftliche Spiel nicht mit. Verweigert man sich der Norm, verurteilt einen die Gesellschaft. Für diese Freiheit verlangt die Gesellschaft einen Preis.

WELT: Die Hauptfigur Meursault findet Freiheit paradoxerweise erst im Gefängnis kurz vor dem Tod. Befreit zu sein vom Bösen und von der Hoffnung durch eine ungebändigte Wut – das bedeutet für ihn Freiheit. Ist das ein Freiheitsbegriff, mit dem Sie sich identifizieren können?

Ozon: Ich glaube, die Wut Meursaults richtet sich gegen die Heuchelei der Welt, gegen alle Ideologien. Im Film ist es speziell der Katholizismus, aber Camus kämpft gegen alle Ideologien, sei es der Kommunismus, sei es der Faschismus. Er hat all diese Ideologien attackiert. Erst als Meursault begreift, dass man revoltieren muss, ist er in der Lage, sich an den einfachen Dingen des Lebens zu erfreuen.

WELT: Teilen Sie diese Idee?

Ozon: Ja, Ideologien stellen eine große Gefahr dar. Camus’ Antwort ist sehr heftig und modern zugleich. Wir brauchen Überzeugungen. Der Mensch braucht Glauben. Eine Gesellschaft ohne Glaubensvorstellungen funktioniert nicht. Aber: Wie weit reicht dieser Glaube? Wie weit dürfen Überzeugungen und Glaubensvorstellungen gehen? Das ist das Problem.

WELT: „Der Fremde“ ist im dreifachen Sinne fremd: Die Hauptfigur ist als Franzose fremd in Algerien, fremd in einer Gesellschaft der Normen, fremd aber vor allem ist er sich selbst. Welche Fremdheit erschreckt Sie am meisten?

Ozon: Wir sind alle einmal in unserem Leben mit der Fremdheit der Welt und unseres Lebens konfrontiert. Wir finden uns dann in einer Situation wieder, in der wir zugleich anwesend und abwesend sind. Das empfindet man bereits als Kind und stärker noch in der Jugend. Deshalb lieben Heranwachsende dieses Buch so sehr, weil die Teenagerzeit die Zeit der großen Entdeckungen ist. Man stellt fest, dass man die Erwachsenen idealisiert hat, dass die Welt eine einzige große Heuchelei ist, ein einziger Kompromiss. Das ist ein gewaltiger Einschnitt im Leben, und Camus macht es zum Thema: diese Desillusion.

WELT: Wie haben Sie selbst diese Fremdheit gegenüber dem eigenen Ich erlebt?

Ozon: Wenn man Regisseur ist, dann verbringt man seine Zeit damit, die anderen zu beobachten und sich zu sagen: Die sind aber seltsam. Der Vorteil aber ist, dass mich diese seltsamen Fremden dazu inspirieren, Geschichten zu erfinden und etwas zu machen aus dieser Fremdheit.

WELT: Seit einigen Jahren versucht man Camus als Kolonialisten zu denunzieren. Edward Said und Frantz Fanon warfen ihm „systematische Entmenschlichung“ vor, da er eine typisch kolonialistische Perspektive einnehme und das Mordopfer nicht einmal beim Namen nenne. Am Ende Ihres Films zeigt die Kamera auf das Grab des Toten und man liest erstmals seinen Namen. Ist das ein antikoloniales oder ein humanistisches Statement?

Ozon: Für mich ist das eine humanistische Geste. Man kann Camus nicht aus heutigem Blickwinkel betrachten, man muss ihn in den richtigen Kontext stellen. Camus schrieb das Buch in der Kolonialzeit. Algerien war Frankreich damals. Camus musste den Kolonialismus nicht beschreiben, ich dagegen muss den historischen Bezug herstellen. Wenn Camus den getöteten Araber nicht benennt, dann ist das nicht aus Rassismus, sondern weil er gerade zeigen wollte, dass die Kolonialgesellschaft Araber nicht als Personen sah. Das war die historische Wahrheit: Ein Araber war ein Individuum zweiten Rangs. Die Regierung gab ihnen nicht die französische Staatsangehörigkeit, obwohl sie diese begehrten. Dieses Unverständnis versuchte Camus auszudrücken. Camus war ein Humanist. Selbstverständlich.

WELT: Beim Abspann Ihres Films läuft „Killing an Arab“ von The Cure. Ein hoch kontroverser Post-Punk-Song. Rechtsradikale kaperten ihn als Aufruf zur Tötung von Arabern. Robert Smith hatte nicht im Traum daran gedacht, dass sein Song politisch brisant werden könnte, da er inspiriert war von Camus’ „Der Fremde“. Er wurde 30 Jahre lang nicht mehr im Radio gespielt, das Best-of-Album mit einem Aufkleber versehen und eine zusätzliche Liedzeile hinzugefügt.

Ozon: Das zeigt erneut die Ignoranz unserer Zeit, diesen Mangel an Kultur. Robert Smith hat in den 1970er-Jahren Camus noch gelesen. Er hat das Seltsame des Buches erkannt, aber bekannt, dass er einen anderen Songtitel hätte wählen sollen: nicht „Killing an Arab“, sondern „The Stranger“. Damals gab es schon Missverständnisse, heute hat sich mit den sozialen Medien die Lage noch verschärft. Smith hat aber sofort zugestimmt, dass ich im Abspann seinen Song spiele. Es war für ihn eine Gelegenheit, den Song neu zu kontextualisieren. Die Leute verstehen den Song nun besser, wenn sie den Film gesehen haben.

WELT: Den Song haben Sie also gewählt, um ihn in einen neuen Zusammenhang zu stellen und die Ignoranz unserer Gegenwart zu entlarven?

Ozon: Ja, aber auch weil ich ein Fan von The Cure bin.

WELT: Am Anfang Ihres Films wird in einer historischen Tonspur „die unauflösliche Mischung des westlichen Lebens mit der arabischen Welt“ als „ein besonderer Charme Algeriens“ gerühmt. Mit der Filmmusik der kuwaitischen Klangkünstlerin Fatima Al Qadiri schaffen Sie eine Distanz zu diesen Stereotypen. Sollte dadurch die Isolation der beiden Welten zum Ausdruck gebracht werden?

Ozon: Mich faszinierte es, den Film mit kolonialistischer Propaganda zu beginnen. Ich habe Bilder und Kommentare von damals recherchiert, weil ich wollte, dass der Zuschauer versteht, wie diese Vision von Frankreich, dieses französische Algerien aussah. Natürlich war das ein Paradies – für die Franzosen, die ganz unter sich lebten. Diese Propaganda wird dann plötzlich abgelöst von der orientalischen, aber auch modernen Musik, die einen Kontrapunkt bildet.

WELT: Auch die kühl-distanzierte Inszenierung in Schwarz-Weiß entblößt Meursault in all seiner Leere und Fremdheit. Die Kamera schwankt zwischen klinischer Beobachtung und Hyperästhetisierung. Versuchen Sie dadurch das Befremden beim Zuschauer zu verstärken?

Ozon: Ja, im Schwarz-Weiß-Film entsteht eine Distanzierung. Heute sind wir von Farben regelrecht überflutet. Plötzlich sehen wir in Schwarz-Weiß und werden dadurch gezwungen, die Welt mit einem anderen Blick wahrnehmen. Meursault ist in einer Art Blase, in der sich eine sehr besondere Schönheit zeigt. Eine blendende Schönheit – im Schwarz-Weiß-Film kann man dieses Licht bis ans Äußerste treiben und eine Art Gleißen erzeugen. Die Sonne ist sehr wichtig für Camus. Meursault sagt schließlich, er habe den Araber wegen der Sonne getötet.

WELT: Als Meursaults größtes Verbrechen gilt nicht die Tötung eines Menschen, sondern seine Gefühllosigkeit und moralische Gleichgültigkeit. Man wirft ihm Herz- und Seelenlosigkeit vor, „seine Mutter begraben zu haben mit dem Herzen eines Kriminellen“. Ist das der Vorwurf von Heuchlern oder von Menschen, die früh schon die Kälte der Gegenwart diagnostizierten?

Ozon: Für mich ist das kafkaesk. Wir haben eine gesellschaftliche Logik, gemäß derer man das Kollektiv über das Individuum stellt. Meursault ist wie ein Käfer, Ungeziefer, das man zertreten muss, weil er sich nicht wie alle anderen verhält. Hat er wirklich die Freiheit, er selbst zu sein? Kann man in dieser Kolonialgesellschaft seinen eigenen Gefühlen folgen, oder muss man sich dem Kollektiv unterwerfen? Das ist eine Form von Hypokrisie, von Totalitarismus auch. Befolgt man nicht die Regeln der Gesellschaft, wird man verurteilt und verdammt. Camus schreibt im Vorwort der amerikanischen Ausgabe: „Meursault ist der einzige Christ, den wir verdienen.“ Das ist ein großartiger Satz!

WELT: Meursaults Anwalt sagt: „Keine Gefühle zu verspüren – das ist sein gutes Recht, seine Freiheit.“ Was würden Sie ihm antworten?

Ozon: Wenn man diese Szene rational angehen will, stellt man fest: Es ist alles absurd und verrückt. Es gibt keine Privatheit hier. In einer vernünftigen Gesellschaft sollte ein Gericht Taten beurteilen, nicht Gefühle und Gedanken. Wenn man anfängt, Gedanken und Emotionen zu kontrollieren, dann landen wir ganz schnell bei George Orwells „1984“.

WELT: Ist das gerade heute eine Form von Freiheit?

Ozon: Keine Gefühle zu empfinden? Selbstverständlich, oui, oui. Meursault ist eine abstrakte Figur. Aus heutiger Perspektive – mit unseren Kenntnissen der Psychoanalyse – tendieren wir dazu, ihn als Asperger-Autisten einzuordnen. Ich aber versuche, eine weiße Fläche zu lassen. Jeder soll auf diese Figur projizieren, was er möchte.

WELT: In den 1940er-Jahren konnte Meursault als Rebell gelten in seinem unbedingten Bedürfnis nach Authentizität. Er entlarvte die Heuchelei seiner Zeitgenossen. Welche Enthüllungsfunktion hat er heute?

Ozon: Als ich den Film in Frankreich vorstellte, habe ich viele junge Leute im Publikum getroffen, die Meursault für einen Helden halten. Ich sagte ihnen, er sei doch ein Krimineller. Sie aber antworteten mir: „Ich bin Meursault.“ Nicht, was den Mord betrifft, aber in diesem Drang zur absoluten Wahrheit, zur totalen Transparenz aller Empfindungen. Wir leben in einer Welt, in der es so viel Falschheit gibt. Wir erschaffen uns Avatare, blenden in den sozialen Medien – Meursault ist das Gegenteil all dessen.

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