Endlich sind die Jungs erlöst, und die Mädchen natürlich auch. Für immer und ewig von bösen Streaminggiganten in einer Zeitschleife der 80er-Jahre-Kleinstadt Hawkins gefangengehalten zu werden, das ist ein Schicksal, das man niemandem wünscht. Schon gar nicht, wenn man selbst die 80er-Jahre als Teenager erlebt hat. Am Ende der letzten Folge der letzten Staffel von „Stranger Things“ sind wir immerhin 1989 angekommen und Mike, Will, Lucas und Dustin haben ebenso wie ihre zugereiste Freundin Max die Highschool geschafft und können das Erwachsenenleben in Angriff nehmen. Fantasy is over, die anders schreckliche Realität kann beginnen.
Dass die spätestens bei der vierten Staffel alle längst dem Jugendalter entwachsenen Helden des ST-Kernteams in Abschlussklassenroben antreten, ist schon rein optisch so absurd, dass die Serienmacher gar nicht erst versuchen, diesen Zeitsprung zu kaschieren. Von Wurmlöchern und anderen kosmischen Phänomenen ist zuvor ausführlich die Rede – warum also nicht gleich die Gesetze des Alterns aufheben? Die Abifeier, die aussieht wie ihr eigenes 10-jähriges Klassentreffen, das ist gewissermaßen das Grundprinzip von „Stranger Things“.
Die letzte Folge war aber viel besser, als nach dem insgesamt wirren und mit durchschaubaren Kunstgriffen in die Länge gezogenen Verlauf der Schlussstaffel zu erwarten war. Klar, der Showdown mit dem Monster war eine ziemlich billige und von Genrezitaten von „Alien“ bis „Godzilla“ vollgestopfte Ballerei – die zarte Seele Nancy Wheeler muss gar als Rambo-Wiedergänger in die Schlacht ziehen! Aber die Epilogmontage mit den kurzen Szenen aus dem künftigen Leben der maturierten Geisterjäger ist den Duffer Brothers schon gelungen, ebenso wie die Reunion der älteren Freunde Robin, Steve, Jonathan und Nancy, die zum Anlass der Graduierung nostalgisch auf die „Time of Our Lives“ zurückblicken. Die Reifeprüfung haben sie bestanden!
Jim Hoppers Heiratsantrag an Joyce Byers ist nach all den Jahren (in der Serie sechs, real fast zehn) ein Must. Hervorragend gelöst ist die Wiederaufnahme des „Dungeon & Dragons“-Motivs am Ende. Zwischendurch praktisch völlig aus dem Blick geraten, bindet es die Story wieder zurück an die Fantasie, an das Erzählen und die Metafiktion. Ein schöner Kniff, der auch die Möglichkeit eines alternativen (glücklichen) Endes für Eleven eröffnet, die sich am Ende opferte, um den Teufelskreis zu durchbrechen.
Selbst Kate Bush hat sich abgenutzt
Was tun nun aber wir Zuschauer, die wir nach dem endgültigen Sieg über das personifizierte Böse zurückbleiben müssen in der Wirklichkeit? Selbst unter eingefleischten Fans der Serie ist mitunter ein Seufzer der Erleichterung zu hören: Gut, dass es endlich vorbei ist; das Prinzip habe sich längst überlebt und so weiter. Der am Bett der im Wachkoma liegenden Max liebend ausharrende Lucas hat dieses Gefühl auf den Punkt gebracht, als er nach ihrer Rettung zugab, er selbst habe den lebenserhaltenden Lieblingssong „Running Up That Hill“ von Kate Bush (einer der Megahits der Serie) schließlich nicht mehr hören können.
Abgesehen davon, dass niemand gezwungen wurde, die vor fast 10 Jahren gestartete Serie – mit immer bombastischeren Endkampf-Szenarien, Soundtrack-Exzessen und verwirrenden Vervielfältigungen des Personals sowohl auf Helden- wie auch auf Monsterseite – bis zum Schluss zu verfolgen, es ist auch zu kurz und naiv gedacht, dass man sie so einfach loswürde. Ausgerechnet im Zeitalter der Prequels, Sequels, Spin-offs und Remakes soll es vorbei sein mit einer der erfolgreichsten Netflix-Serien aller Zeiten?
In der Schlussfolge sind potenzielle Aufhänger für Wiederaufnahmen eingebaut. Nicht nur übernimmt die nächste Generation an Kids die Faszination für das D&D-Rollenspiel (und liefert mögliche künftige Protagonisten); auch Eleven könnte vielleicht doch nicht endgültig ins Jenseits verbannt sein, sondern lebt möglicherweise inkognito im fernen Land der drei Wasserfälle. Dort könnte irgendein Spezialkommando der US-Geheimdienste sie durchaus aufspüren, um den Riss durch die Welt wieder zu öffnen.
Keineswegs gesagt, dass das in den nächsten Jahren passiert. Aber die Recycling-Zyklen für popkulturelle Großphänomene umfassen bekanntlich Jahrzehnte; siehe „Harry Potter“, „Herr der Ringe“, „Star Wars“, die Superhelden-Universen. „Stranger Things“ ist längst auf diesem Level angekommen; und daran ändert auch keine Kritik an den himmelschreienden Ungereimtheiten der Story (wo waren eigentlich im Endkampf der Schlussfolge diese so furchterregenden Demogorgons abgeblieben?) oder den schlechten Schauspielleistungen etwas. Winona Ryder wird es noch bedauern, fortan für immer in ihrer Mutterrolle als Joyce Byers gefangen zu sein. Von den überlebensgroß gewordenen, einstigen Kinderstars einmal ganz abgesehen.
Nein, das Upside Down werden wir nicht wieder los. Das Leben in Hawkins geht seinen Kleinstadt-Gang; Hopper wird als wieder eingesetzter Sheriff zwar fortan mit Ladendiebstählen und Rauschmittelbesitz zu tun haben, aber für Paranoia, Supermachtstreben und geheime Regierungslabore wird es auch nach den 80er-Jahren genug Stoff geben. Der Kampf zwischen Gut und Böse hat gerade erst begonnen.
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