Der Geist weht, wo er will. Das galt schon immer. Mögen die Zeiten noch so finster sein, geistig-künstlerisch produktive Menschen haben sich noch in allen Regimen verwirklichen können, eine gewisse Geschicklichkeit vorausgesetzt. Soeben hat die epochale Darstellung der deutschen Literatur zwischen 1933 und 1945 von Helmuth Kiesel in überwältigender Weise gezeigt, dass auch in Hitlerdeutschland nicht nur bemerkenswerte, nicht nationalsozialistische Bücher erscheinen konnten, sondern dass diese Bücher sogar oft ästhetisch avancierter waren als die regimekritische Literatur der Emigranten. Und für die DDR gilt das selbstverständlich auch, obwohl sie länger andauerte, als das sogenannte „Dritte Reich“ und folglich eine straffere Kontrolle zu etablieren vermochte als die chaotische, von vielfachen Rivalitäten und Rangeleien geprägte Kulturpolitik der NS-Zeit.

Voraussetzung dafür, dass man in der DDR zwischen Anpassung und Widerstand balancieren konnte, waren allerdings förderliche Biotope. Einen „ostdeutschen Subkosmos“, wie er es treffend nennt, hat jetzt der Berliner Autor Andreas Möller kenntnisreich und liebevoll vermessen: Kleinmachnow. Erst am Rande Berlins, dann buchstäblich im Schatten der Mauer, an der Grenze zum West-Bezirk Zehlendorf gelegen, hat sich dort eine Enklave etablieren können, von der später der ortsansässige Grafiker Harald Kretzschmar sagte: „Kein Gemüse auf dem Teller, Jauche im Keller. Aber im Kopf sauber.“

Kleinmachnow bekommt so unversehens einen ähnlichen Status zuerkannt wie Hiddensee oder Ahrenshoop, wo sich gleichfalls Künstler und Intellektuelle tummeln konnten, die nicht auf Linie waren, aber ihre Dissidenz nicht allzu sehr zur Schau stellten. Und ähnlich wie die beiden Inselorte hatte auch Kleinmachnow eine Vorgeschichte als Biotop der Intelligenz.

Hier hatten sich einst Arnold Schönberg und Kurt Weill mit seiner Frau Lotte Lenya angesiedelt. Später kamen Heinz Rühmann oder Heinrich George hinzu. Prominentester Bewohner zu DDR-Zeiten: der Stararchitekt Hermann Henselmann, dessen prachtvolle Stalinallee leider immer noch im Schatten der bizarren Solitäre seines Westberliner Konkurrenten Hans Scharoun steht. In Kleinmachnow entstand die „Dreigroschenoper“ sowie Jahrzehnte später der erste Roman der DDR, der in der Bundesrepublik große Resonanz erfuhr: Christa Wolfs Ost-West-Geschichte „Der geteilte Himmel“.

In diesem Kleinmachnow lebte von 1953 bis zu seinem Tod 1996 auch der Grafiker Andreas Nießen, Großvater des Autors. Der 1974 geborene Möller hat den ernsten, schweigsamen alten Mann als Jugendlicher noch intensiv erlebt; der Respekt gegenüber seiner offenbar charismatischen Persönlichkeit ist in seinem Buch nicht zu übersehen. Aber das muss kein Schaden sein: Familiensolidarität hindert nicht daran, die eigenen Vorfahren in ihren Zwängen, aber eben auch Möglichkeiten zu verstehen und darzustellen – vorausgesetzt die Solidarität umfasst auch Kritik. Dann gilt das Goethe-Wort „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“.

Der Name Goethe fällt hier nicht von ungefähr. Nießen, hierin ganz Bildungsbürger vom alten Schlag, ging mit Goethe nicht nur „durch das Jahr“ (um an den einst beliebten Kalender zu erinnern), sondern durchs Leben. Es war der Goethe einer morphologischen Evolutionstheorie, der Goethe von „Urworte orphisch“, in denen es vom Individuum heißt, es sei „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Andere geistige Einflüsse Nießens waren die Jugendbewegung mit ihrem Hang zum „einfachen Leben“. Aber auch der „Deutsche Werkbund“ und seine Vorstellung vom soliden Handwerk, in der die Form der Funktion folgt.

„Flecken auf seiner Ehre“

Nießen war dabei mehr Kunsthandwerker als Künstler, Gebrauchsgrafiker eben. Aber er hatte um 1930 bei einer der größten deutschen Tageszeitungen, dem „Berliner Tageblatt“, als das fungiert, was man heute einen art director nennt. Er hatte mit Plakaten, Anzeigen, Karten, Schriftsachen allgemein immer wieder auf sich aufmerksam gemacht und Renommee erworben.

Im Dritten Reich wurde es schwierig. Erst nach der Scheidung von seiner jüdischen Frau wurde ein Berufsverbot aufgehoben. Die neue Monumentalästhetik lag Nießen nicht. Wie genau er sich durchschlug, um zu überleben, konnten offenbar selbst gründlichste Recherchen nicht mehr klären. Jedenfalls kam Nießen 1940 bei einer Propaganda-Einheit der Wehrmacht unter. Über die „Flecken auf seiner Ehre“, auch das gehört zum Typus, sprach er nicht, strich aber auch nicht heraus, dass er unter der Hand zu seiner Frau, die sich mit der gemeinsamen Tochter nach Holland retten konnte und bis zu ihrem Tod 2002 seinen Namen trug, sogar im Krieg Kontakt hielt – und darüber hinaus, obwohl er sich abermals verheiratete.

Sein zweites Leben in Kleinmachnow aber liegt nun offen vor uns. Beruflich knüpfte Nießen an die Weimarer Zeit an. Sein realistischer Stil entsprach anfangs den DDR-Richtlinien. Das Landwirtschaftsministerium und der chemisch-pharmazeutische Sektor erteilten Aufträge. Doch mit seiner unbeugsamen Art, die ihn schon mal poltern lassen konnte, er empfinde die DDR wie ein großes KZ, fiel er in Ungnade. Nun half nur noch das private Netzwerk.

Nießen „fütterte“ es mit der Geselligkeit, die er und seine neue Frau entfalteten. Hausmusik, Lesungen, Veranstaltungen für die Honoratioren wurden nun seine Welt. Sie hätten statt in Kleinmachnow auch in Kiel oder Karlsruhe stattfinden können. Aber nicht bis 1996. Damals gab es im Westen längst nur noch Spurenelemente eines bildungsbürgerlichen Habitus, den Möller im Hinblick auf den Großpapa folgendermaßen auf den Begriff bringt: nackt im Garten, im Haus nur mit Krawatte. Und Musik am liebsten von Johann Sebastian Bach. So deutsch ging es hierzulande in der späten DDR zu!

Andreas Möller: „Am Rande Berlins lebt die Intelligenz. Kleinmachnow, mein Großvater und die Reklame fürs Volk“. Friedenauer Presse, 303 Seiten, 25 Euro

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