Schmuckes Wohnhaus im Alten Botanischen Garten von Kiel trifft vornehme Reihenhausvilla an der Außenalster in Hamburg, ehemalige Schule mit Markthalle am Salvatorplatz in München trifft rekonstruierte Stadtbibliothek in Frankfurt/Main, mit prächtigem Portikus und vielsagender Adresse: Schöne Aussicht 2. Wer nur die Immobilien betrachtet, könnte meinen, dass es den Literaturhäusern in Deutschland prächtig geht.

Doch der bloße Blick auf Fassaden täuscht. Ende November wurde bekannt, dass dem Literaturhaus Leipzig die Schließung droht, und wer in die Szene hineinhört, erfährt wie gefährdet die Institutionen, die das literarische Leben an vielen Orten mitgestalten, insgesamt sind. Ein Lagebild in sechs Skizzen.

Junge Tradition

Unter den öffentlichen Orten für Literatur ist das Literaturhaus eine vergleichsweise junge Institution. Denn als am Ende des 19. Jahrhunderts in allen größeren Städten neue Repräsentationsbauten für die Künste entstanden und zahlreiche Museen, Konzerthallen, Schauspielhäuser, Opern und Universitäten neu gebaut wurden, die unser Stadtbild bis heute schmücken, ging die Literatur leer aus. Klar gab es Buchhandlungen, Bibliotheken und andere Säle, in denen auch Dichter auftraten. Doch Lesen galt als stille, einsame Angelegenheit.

Die Idee, über Bücher öffentlich miteinander ins Gespräch kommen und dafür einen institutionalisierten Ort zu schaffen, entstand erst in den 1980er-Jahren. 1986 eröffnete das Literaturhaus Berlin (gegründet und bis 2003 geleitet von Herbert Wiesner), und seither haben Literaturhäuser im gesamten deutschen Sprachraum ihren Betrieb aufgenommen: in Hamburg (seit 1989), Frankfurt/Main, Wien und Salzburg (1991), Köln und München (1996), Stuttgart (2001).

In der Summe wollen sie alle dasselbe: ein Veranstaltungsprogramm für Literatur ermöglichen, mit Lesungen, Gesprächen, Diskussionen, darüber hinaus bieten sie auch Ausstellungen, Schreibwerkstätten, Tagungen. Aktuell 17 Einrichtungen haben sich im Netzwerk der Literaturhäuser zusammengeschlossen, sichtbar über die Website literaturhaus.net. Wichtig: Im Unterschied zu Literaturfestivals – die sich, oft privat finanziert, als einmal jährliche Events präsentieren – geht es bei Literaturhäusern um ein kontinuierliches Programm. Zwei bis drei Veranstaltungen pro Woche, bis zu 150 im Jahr.

Die Falle der kommunalen Finanzierung

„Das Wasser steht etlichen Häusern, wenn nicht allen, bis zum Hals“, sagt Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses und Vorstandvorsitzender des Netzwerks der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz, gegenüber WELT AM SONNTAG. Er erklärt, dass die Finanzierung der Institutionen prekär geworden sei, weil viele 20 Jahre und länger keine Zuschusserhöhung bekamen – oder nur mäßige Anpassungen. Literaturhäuser seien meistens kommunal finanziert.

In Zeiten von Haushaltssperren oder städtischen Sparzwängen räche sich das, obwohl die Zuschusssummen für Literatur im Vergleich zu anderen Kultursparten (etwa: Oper) winzig sind. Es gebe Häuser, die nur zu einem Drittel von der öffentlichen Hand gefördert werden, alles andere müsse selbst erwirtschaftet werden. Für Hückstädt geht der Zwang zur marktwirtschaftlichen Programmgestaltung „zu Lasten von Vielfalt. Wenn wir uns darauf einigen, dass zu Vielfalt auch das Experimentelle, das Leise, das Unbekannte, das Wagnis, das Widersprüchliche gehört.“

Ein Dilemma auch: Je stärker die Häuser sich selbst finanzieren müssen, desto austauschbarer werden die Programme – und gerade im populären Segment konkurrieren sie mit Veranstaltungsangeboten von Buchhandlungen, was ihre kommunale Förderung ja erst recht infrage stellen könnte. Hückstädt wünscht sich, gerade auch vonseiten des Bundes, mehr Engagement für die Literatur: „Deutschland, Österreich und Schweiz sind Weltmarktführer für die Vermittlung von Büchern auf Podien. Der Stellenwert von lebendiger Buch- und Lesekultur in der Alltagswelt kommender Generationen wird jedoch abhängig sein davon, was uns Literatur jetzt wert ist. Was weg ist, wird nicht zu rekonstruieren sein.“

Muss das Literaturhaus Leipzig schließen?

Das seit 1996 tätige Literaturhaus Leipzig kam bislang ohne institutionelle Förderung aus – eine Sondersituation, die sich einem Erbe aus dem DDR-Kulturhaushalt verdankt. Doch dieses Geld wird 2027 aufgebraucht sein. Dann muss das Literaturhaus seinen Mietvertrag im Leipziger Haus des Buches kündigen, um nicht in Insolvenz zu geraten. Sollte sich die finanzielle Autarkie, die der sächsischen Metropole jahrzehntelang viel Geld gespart hat, plötzlich als Nachteil erweisen? Denn ausgerechnet jetzt, wo das Literaturhaus Leipzig erstmals auf institutionelle Förderung durch die Stadt angewiesen wäre, sind die kommunalen Kassen leer. Es geht um 205.000 Euro (Zum Vergleich: Die institutionelle Förderung für das Literaturhaus Berlin im Jahr 2025 betrug 873.000 Euro).

Welches agile Programm und wie viele Buchpremieren Thorsten Arend und sein Kleinst-Team in Leipzig mit diesen bescheidenen Finanzen, aber vielen Kooperationspartnern seit Jahren gewuppt haben, sollte von der Politik belohnt statt bestraft werden. Inzwischen hat das Netzwerk der Literaturhäuser e. V. eine Petition zum Erhalt des Leipziger Literaturhauses lanciert, der in Leipzig lebende Schriftsteller Clemens Meyer forderte im Deutschlandfunk Kultur sogar eine Task Force „Wir retten das Literaturhaus“.

Die Politik dürfe sich nicht herausreden. Gegenüber WELT AM SONNTAG hofft Stephanie Jacobs, Vorsitzende im Trägerverein des Leipziger Literaturhauses, dass es eine Verpflichtung geben wird. Die aktuelle Situation biete (durch den absehbaren Auszug aus der jetzigen Immobilie ab Ende März 2027) vielleicht auch eine Chance, sich noch zentraler in der Stadttopografie zu verankern. In jedem Fall wäre es eine Blamage, wenn eine Stadt wie Leipzig, die sich europaweit über die Buchmesse, das dazugehörige Lesefestival und überhaupt als „Buchstadt“ vermarktet, ohne ein Literaturhaus dastünde.

Digital geworden – und geblieben

Während der Pandemie mussten sich viele Veranstaltungshäuser digital neu erfinden. Viele Lesungen werden weiterhin gestreamt, wobei die Monetarisierungsstrategien unterschiedlich sind: Während das Literaturhaus München von jedem Streaming-Zuschauer acht Euro verlangt, stellt das Literaturhaus Berlin alle Veranstaltungen gratis ins Netz. „Wir haben keine Zuschauereinbußen dadurch“, erklären die Leiterinnen des Literaturhauses Berlin, Janika Gelinek und Sonja Longolius, gegenüber WELT AM SONNTAG. Das Equipment und Know-how habe man während Corona erworben, und das Niveau sei so hoch, „dass mittlerweile alle glücklich damit sind und sogar Verlage unser Material als Werbung für Autoren und Autorinnen benutzen“.  

Junge Zielgruppen?

Mehr oder weniger jede Institution bietet unter dem Rubrum „Junges Literaturhaus“ Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, von Vorlesevormittagen für Kindergartengruppen in Kiel über den „Kinderbuchsonntag“ in Frankfurt bis zu Ausstellungen, aktuell etwa im Literaturhaus München über die fabelhafte Welt der Mumins nach den gleichnamigen Kinderbuchfiguren der finnischen Künstlerin Tove Jansson. Natürlich muss immer wieder neu darum gerungen werden, wie sehr Literaturhäuser in ihrer heutigen Ausrichtung auch Jugendliche und junge Erwachsene, also Generationen jenseits der Boomer, anzusprechen imstande sind. Etwa durch Schreibakademien, Ferienworkshops, Schulprojekte.

„In Literaturhäusern will ich nicht lesen, da stinkt’s“. Als der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre das vor 25 Jahren in einem Interview sagte, trug das die nassforsche Attitüde der Popliteratur in sich, die vorgab, Lesereisen in Touren und Wasserglas-Andachten in so etwas wie Popkonzerte zu verwandeln. Während die Popliteratur inzwischen voll etabliert ist (man checke das Buch „Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart“ von Steffen Martus), fremdeln die Literaturhäuser heute wohl eher noch mit „Young Adult“.

Berlin: Ein Haus auf „Roadshow“

Dass es immer noch ein bisschen vielfältiger geht, stellt zurzeit wohl keine Institution besser unter Beweis als das Literaturhaus Berlin, das wegen Sanierung seit Juli 2024 sein angestammtes Domizil in der Charlottenburger Fasanenstraße 23 verlassen hat und sich voraussichtlich noch bis Juni 2026 auf einer Art „Roadshow“ durch alle Berliner Bezirke befindet, dabei wurde unter dem Motto „Li-Be für die Stadt“ in wechselnden Locations und Milieus Programm gemacht.

Auf Anfrage von WELT AM SONNTAG ziehen die beiden Leiterinnen Janika Gelinek und Sonja Longolius eine positive Zwischenbilanz: „Es ist extrem anstrengend und trotzdem wahnsinnig bereichernd.“ Die eigentliche Erfahrung sei, in die unterschiedlichen Kieze und ihre Prägung hineinhören zu können. „Schon in der Fasanenstraße waren wir begeistert, wie unterschiedlich unser Publikum ist. Aber jetzt machen wir diese Erfahrung noch mal doppelt und dreifach.“ Ab März 2026 will man die Wanderzirkus-Situation im Zirkuszelt auf dem Tempelhofer Feld manifest machen. Literaturvermittlung muss vielleicht keine permanenten Rädchen schlagen, aber manchmal schon etwas in Bewegung setzen, um den Routinen zu entkommen.

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