Lemberg, den 10. Januar, morgens
Die Explosionen waren deutlich zu hören. Gedämpft durch Thermofenster klangen sie, als gäbe es eine Serie von Einschlägen in einem nicht allzu entfernten Stadtviertel. Wir zählten fünf. Auch die Richtung, aus der sie kamen, war mehr oder weniger klar. Der Oberbürgermeister schrieb über einen Angriff auf Lemberg. Die Luftabwehr postete, dass sie keine Objekte über der Stadt beobachtet hatte. Einige Freunde aus Deutschland fragten, wie es uns gehe. Es habe nämlich einen Angriff mit einer „Oreschnik“ gegeben. Wir wussten nichts von der „Oreschnik“, die eher an ein schnell fliegendes Phantom erinnerte, als an eine bedrohliche Waffe. Doch irgendwie flogen die Informationen fast genauso schnell um die Welt wie eine ballistische Rakete. Wie die Angst, die Putin dem Westen einjagen wollte. Bilder gab es vorerst keine.
Jemand im Netz vermutete einen Terroranschlag in Lemberg. Meldungen darüber gab es keine. In russischen sozialen Netzwerken freute man sich inzwischen über einen Schlag gegen die Gasinfrastruktur im Gebiet Lemberg. Schließlich tauchte ein Video auf, wohl von einer Überwachungskamera, wo man aus großer Entfernung eine Reihe Explosionen beobachten konnte. Mehr war nicht zu sehen.
Am nächsten Morgen bestätigte das russische Verteidigungsministerium den Angriff mit einer „Oreschnik“ und nannte ihn einen Vergeltungsschlag für den herbeiphantasierten ukrainischen Angriff auf Putins Residenz in Waldai, von dem bald die ganze zivilisierte Welt wusste (informiert durch die westlichen Geheimdienste), dass es eine weitere Propagandalüge war, die nur als Rechtfertigung für neue russische Verbrechen dienen sollte. Außer meiner Redaktion, die in einem Artikel anfangs lediglich die russischen und ukrainischen Aussagen gegenüberstellte.
Viel Schäden richtete die Oreschnik, deren Aufgabe vornehmlich darin besteht, Furcht einzuflößen, nicht wirklich an. Niemand wurde getötet oder verletzt. Für einige Stunden saßen bis zu 400 Haushalte ohne Gas, wobei der Grund dafür nicht etwa die Beschädigung der Leitungen war, sondern die Automatik, die wegen des Druckanstiegs die Gaszufuhr stoppte. Mit ihrer enormen kinetischen Energie bohrte die Rakete ein Loch in der Betonplatte im Erdgeschoss eines Staatsunternehmens und drang in den Keller ein. Der größte Schaden war der gewaltsame Tod gesammelter Werke Lenins, die jemand nach dem Zerfall der Sowjetunion im Keller deponiert hatte, wie ein bekannter Militärblogger ironisierte. Wie bei Angriff auf Dnipro im November 2024 war die „Oreschnik“ auch diesmal nicht mit dem Sprengsatz bestückt, und es ist nicht ganz klar, ob sie bei der aktuellen Entwicklungsstufe einen tragen kann. Die massiven Angriffe mit Hunderten von Drohnen richten einen viel größeren Schaden an.
Am nächsten Tag fuhren zwei kleine Mädchen – sechs oder sieben Jahre alt – mit ihren Müttern in der Straßenbahn. „Wir sterben ja nicht, werden alt, und die Ukraine wird Russland besiegen“, sagte das eine. „Du hast doch keine Angst vor dem Tod, oder?“, fragte das andere. „Was redet ihr da für ’nen Stuss?“, drehte sich eine der Mütter um.
Im Park, an dem die Straßenbahn gerade vorbeifuhr, spielten die Kinder. Sie rodelten und lachten. Die bunten Splitter ihres Gelächters schwebten in der frostigen Luft und glitzerten in der winterlichen Sonne.
Lemberg, den 30. Dezember, nachmittags
„Wir sitzen bereits seit zwölf Stunden ohne Strom“, hat mir vor wenigen Tagen mein Freund Andrij aus Kiew geschrieben. Weihnachten scheint ein beliebter Zeitraum im perfiden Kalkül der russischen Führung zu sein. Diesmal womöglich weniger, um eine harte Reaktion des Westens zu vermeiden, auch wenn Moskau seine brutalen Angriffe immer gerne in der Urlaubszeit gestartet hatte – vom Einmarsch in Afghanistan am ersten Weihnachtstag 1979 bis zum Überfall auf Georgien im August 2008.
Aber aus Europa, wo man scharfe Rhetorik mit scharfen Reaktionen zu verwechseln pflegt, kommt ja längst kaum mehr als tadelnde Worte für Wladimir Putin nebst Lob für Donald Trump für dessen befremdlichen „Friedensbemühungen“, und aus Amerika – na ja, Sie wissen schon ... Es war vielmehr symbolisch, denn die makabre Ästhetik war schon immer ein Lieblingskind der russischen Führung gewesen, als hätte sie in der Gestalt von mittelalterlichen Wachsfiguren die Allegorie des Todes verinnerlicht. In ihren perversen Denkmustern könnte man sich ja kaum etwas Besseres vorstellen, als Ukrainer, die Weihnachten beim Kerzenlicht feiern. Das entspräche doch den historischen Gegebenheiten, oder?
Am Vortag des Heiligen Abends wurde auch die Westukraine massiv angegriffen. Man saß in Lemberg über sieben Stunden lang ohne Strom. Selbst am nächsten Tag verspeisten manche Familien ihr festliches Abendmahl im Licht von Akku-Lampen. Doch die Zerstörungen waren wohl nicht so gravierend, und die Reparaturteams konnten bald die schlimmsten Folgen beheben. Dann kam der Angriff auf Kiew.
Inzwischen hat mir Andrij geschrieben, dass es bei ihm nun seit 17,5 Stunden keinen Strom gebe. Der starke Akku seiner Powerstation war nach knapp acht Stunden leer, die Powerbank könne den Router noch eine Stunde versorgen, und sein Telefon sei noch zu 38 Prozent geladen. Die Fernheizung sei ausgefallen, es tropfe nur noch kaltes Wasser aus der Leitung.
Andrij wohnt in einem Kiewer Plattenbau am linken, östlichen Ufer des Dnipro. Dort ist die Lage besonders kritisch. Die drei ukrainischen AKWs, die in dieser Zeit den Löwenanteil der Stromproduktion sichern, sind im westlichen Teil des Landes. Den Strom in die östliche Richtung zu leiten ist schwierig, weil Russland mehrere Umspannwerke zerstört oder stark beschädigt hat. Davon profitiert im Moment die Westukraine, wo die Lage etwas entspannter ist. In der Zentral- und in der Ostukraine ist sie dafür umso komplizierter.
Am nächsten Morgen schreibt mir Andrij, dass die Stromversorgung nach über 25 Stunden um halb drei in der Nacht wiederhergestellt wurde. Seitdem gibt es unregelmäßige Ausfälle. Wieder und wieder. Am rechten, westlichen Ufer sind es inzwischen planmäßige Stromsperren. Am linken Ufer ist die Lage heikler. Aber zumindest die Heizung läuft.
Mittlerweile wirft Russland der Ukraine vor, sie habe Putins Residenz in Waldai mit Drohnen angegriffen. Das würde Konsequenzen haben für „Friedensverhandlungen“, hieß es aus dem russischen Außenministerium. Auch wenn Verhandlungen von Moskau lediglich simuliert wurden, hat es wohl nun einen Anlass erfunden, sie gänzlich zu torpedieren. Denn wie die unabhängige Internet-Zeitung „The Moscow Times“ berichtet (in Russland als „unerwünschte ausländische Organisation“ eingestuft), haben die Einwohner von Waldai weder Drohnengeräusche noch für die beim Einsatz von Luftabwehrraketen typischen Explosionen gehört. Auch ist auf ihren Smartphones keine Luftalarm-Warnung eingegangen. Und das US-amerikanische Institut for the Study of War hat keine Beweise für den ukrainischen Angriff gefunden.
Soweit ist das Bild klar, und zwar schon seit Langem. Selbst für die Kurzsichtigen – und das waren die meisten Politiker im Westen – spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022. Es wäre nur interessant zu wissen, wer außer Donald Trump heutzutage daran glaubt, dass Putin „Frieden will“.
Lemberg, den 16. Dezember, abends
Als ich zum ersten Mal die 28 Punkte des ursprünglichen US-amerikanischen (und eigentlich russischen) „Friedensplans“ las, dachte ich: Wow! Was für ein atemberaubender Schwindel! Wenn man seine Skrupellosigkeit und Dreistigkeit als Maßstab nehmen würde, könnte man ihn gewissermaßen als kongenial bezeichnen.
Das Wesen dieses Plans lässt sich in einem Satz formulieren: Die USA (Trump) verkaufen etwas, was ihnen nicht gehört (die Ukraine) an jemanden, der kein Anrecht darauf hat (Putin, Russland) und kassieren dafür 100 Milliarden US-Dollar (für den Wiederaufbau der Ukraine, der unter US-amerikanischen Führung stattfinden soll; der Leser darf raten, an wen die Aufträge gehen würden). Dafür werden Gelder verwendet, über die Russland sowieso nicht verfügen kann (eingefrorene Vermögen). Ein Zaubertrick eben.
Mit der kniffligen Aufgabe, diesen, immerhin nicht mehr aktuellen Plan an die Ukraine und Europa zu verkaufen, betraute Donald Trump einen Baulöwen (und einen seiner engsten Spezis) sowie seinen Schwiegersohn. Das State Departement war kaum involviert, denn zu diesem Zeitpunkt war es wohl mit einer viel wichtigeren Unternehmung beschäftigt – dem Wechsel vom Zeichensatz Calibri (welchen die für die MAGA-Reps verhassten Demokraten eingeführt hatten) zurück zu Times New Roman.
Das Ganze könnte jemanden beinahe an jene berühmten Schwindler erinnern, die die literarische Welt bevölkern, beispielsweise an Andy Tucker und Jeff Peters, zwei Betrüger aus den Kurzgeschichten des US-amerikanischen Schriftstellers O. Henry (1862-1910). Der eine ist total skrupellos, der andere will dem Betrogenen etwas Belangloses als Gegenleistung zurückgeben. Doch der Vergleich hinkt. Auch wenn Andy und Jeff in Tandem arbeiten und mal mit Fingerhütchenspiel ihr Geld verdienen, mal eine antike ägyptische Schnitzerei von ihrem Besitzer stehlen, um sie als das lange vermisste Zweitstück an ihn zu verkaufen. Denn beide nehmen nur die Reichen aus und wirken sogar irgendwie sympathisch. Schließlich leiden sie nicht an Größenwahn, greifen andere Länder nicht an und wollen nicht die Welt beherrschen wie Autokraten und Diktatoren.
Bisweilen zeichneten sowjetische Karikaturisten den bösen Widersacher Uncle Sam als einen Mann mit dickem Bauch, der mit einem Zylinder auf dem Kopf und einem Outfit in den Farben der US-Flagge auf einem prall gefüllten Geldsack saß und Dollarzeichen in den Augen hatte. Vielleicht hatte manch ein Kapitalist tatsächlich ausschließlich Profit vor Augen. Aber doch nicht die amerikanischen Präsidenten und ihre engsten Berater. Nun will Washington nicht mehr das Böse bekämpfen – in der Überzeugung, dass man moralisch die rechte Sache verteidigt. Die Zeiten ändern sich. Heutzutage zählt nur das Geschäft. Putin muss die satirischen Zeitschriften aus der Sowjetzeit aufmerksam studiert haben. Er hat dem US-Präsidenten ein Angebot gemacht, das dieser kaum ablehnen konnte.
Lemberg, den 30. November, nachmittags
„Endlich mal ein ukrainischer Zug, der Verspätung hat!“, hat mir begeistert eine alte Freundin geschrieben. Zugegeben, das ist eine Übertreibung. Es mag sein, dass für sie, eine Deutsche, die viel in der Ukraine unterwegs ist, ein verspäteter Zug hierzulande fast wie ein Wunder vorkommt. Aber auch ukrainische Züge verspäten sich. Manchmal sogar massiv. Vor allem wegen des russischen Beschusses und dadurch verursachten Schäden.
In Deutschland dagegen ist es anders. Die Bahn gibt so viele Gründe an, warum ein Zug nicht pünktlich ist, dass man sich leicht darin verirrt. Ein Triebwerkschaden. Ein Oberleitungsschaden. Bäume auf den Gleisen. Tiere auf den Gleisen. Eine Lok kaputt. Eine Tür kaputt. Sonst irgendwas kaputt. Eine Weichenstörung. Eine Signalstörung. Ein Polizeieinsatz. Ein Notarzteinsatz. Ein vorausfahrender Zug. Ein hinterherfahrender Zug. Bei einer gut ausgebauten und weniger gut gepflegten Infrastruktur sind die Gründe komplex und mannigfaltig.
Auch bei meiner jüngsten Reise war der Wurm drin. Wir waren mit einer Kollegin in München gelandet und stellten fest, dass es weiter nicht ging. Im Grunde nirgendwohin. „Wenn es in Polen schneit, fahren die Züge in München nicht mehr“, dachte ich genervt. Wir mussten nach Regensburg.
Unsere Freundin, die uns am Flughafen abholte, schlug vor, einen Bus nach Freising zu nehmen. Der fuhr vom Flughafen als Schienenersatzverkehr. Ein Wort, das man ins Ukrainische gar nicht übersetzen kann. Wir beschlossen, eine kleine Tour durch Oberbayern zu unternehmen. Es dämmerte an diesem frühen Nachmittag, schwere Wolken hingen am Himmel, als würden sie sich auf den kommenden Wintereinbruch vorbereiten. Es war kalt, aber trocken. In Freising angekommen, schauten wir hoffnungsvoll auf die Anzeigetafel im Bahnhof. Unsere Hoffnungen schmolzen im Neonlicht der Bahnhofshalle wie erster Schnee unter den warmen Sonnenstrahlen eines Novembertages. Die Züge fuhren nicht. Mindestens zwei Stunden lang. Danach vielleicht wieder. Draußen war es noch immer kalt und trocken. Wir gingen in die Stadt zum Essen.
Ich muss gestehen, dass mir Freising während dieser ersten Stippvisite wirklich gefallen hat. Die Häuser in der Altstadt waren alt, der Mariendom überwachte das Geschehen von einem Hügel aus, das Rathaus versteckte sich hinter der Mariensäule am Marktplatz. Das Essen war gut, der Glühwein wärmte, und sogar das hiesige Kopfsteinpflaster war unseren Rollkoffern nicht besonders feindlich gesonnen.
Zurück am Bahnhof, stellten wir fest, dass die Züge nicht fuhren. Es gab wiederum den Schienenersatzverkehr, die Menschenmenge an der Bushaltestelle erinnerte an die Zeiten der Völkerwanderung. Wir stapften munter zum Taxistand. Nach dem Mittagessen waren wir gut gelaunt. Kurz bevor wir ins Taxi sprangen, kam eine Frau auf uns zu und fragte in einem recht guten Englisch, ob sie mitfahren dürfe. Kein Problem. Das Reisen mit der Deutschen Bahn ist immer ein Abenteuer. Wir stiegen ein und fuhren in die bayrische Nacht.
Unser türkischer Fahrer kurvte uns sicher durch die Felder zum nächsten Bahnhof, von wo die Züge wieder fuhren. Wir kamen allmählich ins Gespräch. Ich sagte, wir seien unterwegs zu einem deutsch-ukrainischen Schriftstellertreffen. Irgendwann fragte ich die Frau, woher sie komme. „Russia“, war die kurze Antwort. Meine Kollegin nannte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges. Auf Ukrainisch. Die Frau wusste jetzt, wer wir sind.
Es wurde still im Wagen, man konnte das Rauschen der Reifen hören. Bevor ich es mir überlegte, was ich sagen sollte, waren wir da. Die Frau zahlte, murmelte, dass sie nun schnell den Fahrplan checken wolle und sprang aus dem Taxi.
Was fühlt man als Bürger eines Landes, das seinen Nachbar brutal überfallen hat, wenn man den Angegriffenen begegnet? Schaut man einfach weg? Was spürte die Frau? Verlegenheit? Scham vielleicht? War es ihr plötzlich peinlich? Oder war ihr gar unbehaglich zumute? Lebte sie im Exil? Kam sie direkt aus Russland? War sie eine Oppositionelle? Oder eine Putinistin? Das werden wir nie wissen. Wir haben sie nicht mehr gesehen.
Lemberg, den 20. November, abends
Westliche Medien berichten derzeit weniger über den russischen Krieg gegen die Ukraine. Die täglichen – eher nächtlichen – Angriffe auf ukrainische Städte und Energieinfrastruktur sind aus ihrer Sicht vielleicht eintönig. Alles, was so gut wie jeden Tag passiert, ist keine Nachricht mehr. Und schließlich wollen ja die Menschen im friedlichen Europa nicht ständig mit Meldungen über Zerstörungen bombardiert werden. Schon gar nicht kurz vor Adventszeit. Es sei denn, es gab einen besonders brutalen Angriff gegen die Zivilbevölkerung. Mit vielen Opfern. Wie gestern in Ternopil. 31 Tote, fast 100 Verletzte, 13 Menschen gelten noch als vermisst, Bergungsarbeiten laufen weiter. Europäische Medien und Politiker nennen diesen Angriff fast einstimmig beim richtigen Namen: ein Kriegsverbrechen. Noch eins, in einer unendlichen Reihe russischer Kriegsverbrechen. Und was tut sich? Nichts. Außer dass Donald Trump einen neuen Plan ersonnen hat, wie man die Ukraine an Russland verkauft.
Bei diesem jüngsten russischen Angriff – wie bei jedem anderen auch – kamen übrigens ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen zum Einsatz, in denen Dutzende von Komponenten westlicher Hersteller steckten. Ohne diese Teile würden sie entweder gar nicht fliegen oder ihre Ziele nicht treffen können. Es ist unbegreiflich, ja ungeheuerlich, dass der Westen sich auch im vierten Jahr des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine eher ratlos, machtlos und – man wird den Eindruck einfach nicht los – tatenlos die Stirn reibt.
Wir werden den russischen Terror überleben. Selbst wenn es in diesem Winter nicht viel Strom geben wird. Noch niemand hat den Krieg durch den Terror gegen die Zivilbevölkerung gewonnen. 1940 war die britische Regierung über die möglichen deutschen Luftangriffe auf London sehr beunruhigt. Die Prognosen für zu erwartende Reaktionen der Bevölkerung waren höchst unerfreulich. Man ging davon aus, dass die Situation völlig außer Kontrolle geraten würde. Die Flüchtlingsströme würden das Land ins komplette Chaos stürzen. Tausende, wenn nicht gar zigtausende würden psychisch zusammenbrechen. Und was passierte, nachdem die Luftwaffe im Herbst 1940 mit ihren Angriffen auf London und andere britische Städte begonnen hatte? Nichts dergleichen. Man brachte Kinder in Sicherheit, man schickte sie aufs Land. Die anderen räumten nach jedem Angriff die Trümmer weg, beerdigten die Toten und gingen ihren täglichen Beschäftigungen nach.
Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben in Kiew und anderen Großstädten in den ersten Tagen nach dem russischen Überfall ähnlich reagiert. Kinder und Frauen wurden weggeschickt. Das halbe Land war auf Rädern. Die allermeisten Männern blieben in ihren Heimatstädten, viele meldeten sich freiwillig zum Armeedienst. Ansonsten versuchte man, ein normales Leben zu führen. Soweit es ging.
In Ternopil setzten am Tag nach dem Angriff die Rettungskräfte und freiwillige Helfer ihre Suche nach Vermissten fort. Betonplatte um Betonplatte, Stein um Stein, Ziegel um Ziegel. Die Stadtbewohner gingen schweren Herzens ihren täglichen Beschäftigungen nach.
Lemberg, den 27. Oktober, nachmittags
Er bastelte immer an seinem Lada. Der Wagen war alt und von Rost angefressen, der der sandfarbenen Lackierung rötliche Töne hinzufügte. An den Kotflügeln wölbte sich der Lack in kleinen Blasen, als imitierte hier die Farbe wüste Sahara-Dünen en miniature. Die Motorhaube war meist offen, der Mann werkelte ständig am Vergaser, am Motor oder an irgendwelchen Schläuchen herum. Typisches Schicksal eines Lada-Fahrers, der das Fummeln an seinem Fahrzeug lieben muss. Wiktor liebte es offensichtlich.
Er besaß eine Garage gleich um die Ecke. Manchmal klapperte es von dort hinter einem angelehnten Tor. Doch meistens stand das Auto auf der Straße. Im Frühling war es hier angenehm warm, im Sommer nicht so stickig wie in der Garage, und im Winter hätte der schlecht bereifte Wagen Probleme gehabt, die kleine Steigung, die von der Einfahrt führte, hinaufzuklettern. Also ließ Wiktor den Lada vor seinem Haus stehen und schleppte die Batterie immer wieder zum Aufladen heim.
Morgens und abends führte er seinen Hund aus, einen großen, alten Labrador, dessen gelbes Fell mit der Lackierung seines Ladas harmonierte. Wiktor war immer freundlich, ein gutmütiger und hilfsbereiter Mensch; schlank und hochgewachsen, mal wirkte er geschäftig, mal zerstreut. Das Motoröl und der Schmutz waren tief in die Poren seiner Hände eingedrungen und verliehen der Haut einen dunklen Teint. Wir grüßten uns, wechselten ein paar Worte. Wie gute Nachbarn, die keine Revierkämpfe auszutragen haben.
Eines Tages, vor ein paar Jahren, war er weg. Sein Lada war auch verschwunden. Wiktor hatte ihn verkauft, wie ich später erfuhr, und war heilfroh darüber. Wie übrigens jeder andere Ladafahrer, der seine Karosse mit ihren wilden Marotten endlich loswurde. Nur der Hund ist geblieben. Ihn führte nun seine Frau Zhanna aus. Irgendwann sagte sie uns, Wiktor habe sich freiwillig gemeldet, kämpfe nun irgendwo im Osten. Er telefoniere jeden Abend mit ihr. Der Hund wedelte fröhlich mit dem Schwanz und zog kräftig an der Leine.
Vor etwa einer Woche parkte ein Auto vor unserem Haus ein. Am Steuer saß eine Frau, deren unscharfe Umrisse hinter den verregneten Fensterscheiben nur schwer zu erkennen waren. Nach wenigen Minuten stieg die Frau aus. Es war Zhanna, sie wirkte ziemlich verstört. Ob bei ihr alles in Ordnung sei, fragte meine Frau. „Nein“, lautete die kurze Antwort. „Was ist denn passiert?“ – „Das Schlimmste.“
Seit einigen Tagen meldete sich Wiktor nicht mehr. Dann kam die offizielle Meldung von seiner Einheit, dass er als vermisst gelte. Seine Kameraden waren konkreter – ihr Panzer sei getroffen worden. Als sie ihn fluchtartig verließen, sahen sie Wiktor, offenbar von einer Kugel getroffen, fallen. Unter dem feindlichen Feuer gab es keine Möglichkeit, ihn herauszuholen. Die anderen konnten sich retten.
War er auf der Stelle tot? Oder schwer verwundet? Gibt es eine Chance, dass er am Leben ist? In russischer Gefangenschaft? Und sollte er tot sein, kriegen die Angehörigen irgendwann seine Leiche zurück? Wann? Nach Monaten? Nach Jahren?
Es ist eine Tragödie, die sich nach dem russischen Überfall zigtausend Male abgespielt hat. Die bedrückende, kaum zu ertragende Ungewissheit zerfrisst den Alltag, bohrt sich in das Unterbewusstsein. In jeder Familie klammert man sich an die leiseste Hoffnung. Man weigert sich, sie sterben zu lassen, als stürbe mit ihr auch der- oder diejenige, die womöglich im Nebel des Krieges in tiefster Verborgenheit weiter leben. Manchmal will man sogar an die Möglichkeit glauben, dass es sich um eine Verwechselung, eine Falschmeldung handelt. Hauptsache, nicht aufgeben. Das darf man einfach nicht. Es wäre ein Verrat gewesen – an einem Toten wie an einem Lebendigen.
Plötzlich klingelte jemand an der Wohnungstür. Dann noch einmal. Als Zhanna die Tür aufmachte, war niemand da.
Juri Durkot wurde für seine Übersetzungen der Werke von Serhij Zhadan – gemeinsam mit Sabine Stöhr – mit dem Brücke Berlin-Preis und dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein komplettes Kriegstagebuch lesen Sie hier:
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