Dass der große englische Schriftsteller Julian Barnes sterbenskrank ist, dass dieses Buch sein letztes gewesen sein soll, also sein Vermächtnis ist, erfahren wir am Rande, fast beiläufig. „Dies ist definitiv mein letztes Buch“, schreibt er in seinem lakonischen, fast spröden Ton. Und weiter: „Ich bin mir bewusst, dass ich bald nur noch in Form von Büchern im Regal und einer Sammlung biografischer Anekdoten existieren werde.“ 

Wie war das noch, ein Schriftsteller lebt in seiner Sprache und für sie? Wer aufhört zu schreiben, ist eigentlich schon halb tot; ein Künstler arbeitet, solange er atmet und umgekehrt. Über die existenzielle Bedeutung des Schreibens als Leidenschaft und den Zusammenhang von Welt und Sprache ist jahrhundertelang nachgedacht worden, salopp lässt sich angesichts von Barnes festhalten: Für einen Schriftsteller ist es ungewöhnlich, sich selbst in Rente zu schicken. Philip Roth machte eine Ausnahme, als er 2010 verkündete, er würde sich zurückziehen, sein Roman „Nemesis“ solle der letzte sein. Als Roth 2018 starb, war er bei seinen Worten in jeder Hinsicht geblieben: „I’m done.“ 

Auch von Julian Barnes sind solche harten Äußerungen bekannt: Ein Schriftsteller müsse aufpassen, dass er sich nicht wiederholt, nichts ist schlimmer. Er selbst habe zeit seines Lebens über das Sterben nachgedacht. Die eigene Endlichkeit sei ihm immer bewusst gewesen, besonders seit dem Tod seiner Frau, der Literaturagentin Pat Kavanagh, 2008, eigentlich aber schon mit der frühen Lektüre von Flaubert.

Barnes verband schon immer einen Hang zu kontinentaler Metaphysik mit einer englischen Abgeklärtheit: am stärksten in den autobiografischen Büchern „The Sense of an Ending“ („Vom Ende der Geschichte“), für das er den Booker Prize erhielt, und „Nothing to Be Frightened Of“ („Nichts, was man fürchten müsste“).

Seine bisherigen Werke – fünfzehn Romane, zahlreiche Essays – machen ihn in Großbritannien zu einem der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation, zu der auch Graham Swift, Ian McEwan, Salman Rushdie und Martin Amis zählen: alle untereinander bekannt, manchmal befreundet, manchmal verfeindet, aber die letzte Reihe von Schriftstellern, die noch mit dem Selbstbewusstsein einer Generation auftraten – und der Vorstellung, den englischen Roman wieder einmal neu erfunden zu haben. Ein englischer Kritiker verglich die Fünf einmal mit einer Band; während Amis der jaggerhaft wilde, immer zu einer Prügelei aufgelegte Frontmann in wegen seiner Körpergröße leicht erhöhten Stiefeln wäre, wäre Barnes wohl eher der still schlaksige Bassist im Hintergrund – gewesen; das ist mehr als vierzig Jahre her. In wenigen Tagen, am 19. Januar, wird Julian Barnes nun achtzig. 

Schriftsteller würden mit dem Alter entweder geltungsbedürftig und weitschweifig, schreibt Barnes, „oder sie denken: Mäßige dich und komm zur Sache.“ Das tut er dann auch. Als Barnes vor ein paar Jahren erfährt, mehr durch Zufall, dass er myeloproliferative Neoplasie hat, eine Form von Blutkrebs, die, wie ihm die Ärztin sagt, „nicht heilbar, aber beherrschbar“ ist, macht er das, was ein Schriftsteller macht: Er schreibt. Er schreibt, um sich zu fassen, ordnet Worte, um sich selbst zu ordnen und damit die Erzählung des eigenen, aus der Bahn geratenen Lebens. Wolfgang Herrndorf nannte das „Arbeit und Struktur“, Julian Barnes nennt es „Abschied(e)“. 

Auf den ersten Blick ist „Abschied(e)“ kein Buch über den Abschied vom Leben, sondern eine philosophisch-autofiktionale Auseinandersetzung mit dem Prozess des Abschiednehmens. „Als ich anfing, ernsthaft über den Tod nachzudenken, fand ich ein Bild dafür“, schreibt Barnes. „Nicht als etwas, das uns erwartet, eine Endstation am Ende einer Reise, eine Ankunft, nach der es keinen Abschied mehr gibt. Nein, ich dachte ihn mir als ständig präsent, auf einem Gleis, das parallel neben meinem Leben herläuft. Und jeden Moment kann er an irgendeiner Weiche unvermittelt abbiegen“. Der Originaltitel „Departure(s)“ trifft also noch besser, auch weil Barnes immer wieder reflektiert, was denn bei einem Rückblick auf ein Leben stärker ist: das Erinnern oder das Vergessen.  

Ausgangspunkt von „Abschied(e)“ ist eine medizinische Entdeckung, über die der Icherzähler, der mit dem Autor identisch ist, obsessiv nachdenkt, nachdem ihm eine befreundete Ärztin das „British Medical Journal“ zuschickt mit den „besten Geschichten, die das Leben schreibt“: Solche über Patienten, denen in der Frühzeit der Kernspintomografie „innere Nähte aus Metallfäden wie Granatsplitter ins weiche Fleisch geschossen“ wurden oder solche von „Napoleon-Büsten, die ins Rektum eingeführt“ wurden oder die von einem Mann, der nach einem Luftröhrenschnitt die verbleibende Kanüle dazu nutzte, durch das Loch im Hals seine Zigaretten zu rauchen. Barnes summiert lakonisch: „Männer (die meisten Akteure dieser bizarren Unternehmungen waren Männer) können äußerst erfinderisch sein, sogar – oder vor allem – wenn sie sich selbst damit schaden.“

Alle Kuchen, die er je gegessen hatte

Besonders interessiert ihn der Fall eines Mannes, der eine „unwillkürliche autobiografische Erinnerung“, im Englischen „involuntary autobiographical memory“, abgekürzt „IAM“ erfährt, ein wenig wie ein postmoderner Proust mit der in Lindenblütentee getränkten Madeleine. Der Patient hat nach einem Schlaganfall beim Geschmack von Apfelkuchen plötzlich Erinnerungen an alle Kuchen, die er je gegessen hatte: „Sie wurden in der richtigen chronologischen Reihenfolge durchlebt und ergossen sich kaskadenartig in sein Gehirn“. Wäre es möglich, diese Form der intensiven Erinnerungs-Attacken selbst herzustellen, fragt sich Barnes, wie in einer umgedrehten Form des aus der Malerei des 16. Jahrhunderts bekannten Form des „Narrenschneidens“? Wenn schon das „IAM“ ein Akronym von „I am“, „Ich bin“, ist: Wäre man dann mehr man selbst oder, im Gegenteil, eine ganz andere Person? 

Über Barnes’ Frage, bis zu welchem Grad Erinnerung Identität schafft, haben so unterschiedliche Schriftsteller wie Marcel Proust, Vladimir Nabokov und W. G. Sebald geschrieben. Barnes führt sie von Prousts Unterscheidung von willentlicher und unwillkürlicher Erinnerung bis zur Neuropsychologie – inmitten dieses essayistischen Abrisses erscheint, etwas versteckt, der Hinweis, es werde in diesem Buch auch noch  „eine Geschichte“, genauer „eine Geschichte in der Geschichte“ geben. Tatsächlich ist diese Geschichte der eigentliche Kern von „Abschied(e)“ – und der Grund dafür, dass dieses Buch eines der interessantesten von Barnes ist.

Er erzählt die Liebesgeschichte von Jean und Stephen, einem Mann und einer Frau, die Barnes, der sich Jules nennt, in Oxforder Studententagen Mitte der Sechzigerjahre kennenlernt und die durch ihn ein Paar werden – bis sie an den Punkt in ihrer Beziehung kommen, an dem sie sich „entweder trennen oder heiraten“ sollten. Sie trennen sich. Vierzig Jahre lang hat er die beiden nicht gesehen, als sie sich wieder treffen und er Jean und Stephen ein zweites Mal zusammenbringt.

Dieses Mal verläuft die Geschichte genau umgekehrt: Die beiden heiraten, aber die späte Ehe hält nicht. Bei Barnes heißt es: „Was Stephen als einen runden, notwendigen Abschluss ihrer beider Leben betrachtete, war für Jean nicht mehr als eine irgendwie reizvolle Möglichkeit“. Beide sterben irgendwann allein, und am Ende scheint auch der Schriftsteller ohne die beiden Figuren allein, nur begleitet vom hochbetagten Hund der Frau; es bleibt offen, ob Jules nach der Trennung mit ihr zusammen war und nicht nur im Bett wie zu Studentenzeiten. 

Barnes selbst bleibt zurück mit Fragen, auf die er keine Antwort hat: Hat er Leben und Literatur verwechselt, indem er beide zusammenbringen wollte; hat er beide verraten, weil er über sie geschrieben hat, obwohl er ihnen versprochen hatte, das nicht zu tun? Und was, wenn seine Geschichte eine Parabel ist vom Schriftsteller, der versucht das Leben zu bezwingen und es nie ganz schafft – und am Ende ist es: egal?

Er selbst habe früher an die Unsterblichkeit der Kunst geglaubt, schreibt Barnes, aber mit dieser „betörenden romantischen Fantasie“ sei es im 21. Jahrhundert vorbei: „Entweder wir jagen den Planeten in die Luft und alle Kunst mit dazu oder wir leben weiter“, nur als ganz andere als die, die wir jetzt sind. „Früher schrieb man die Poesie des Abschieds; heute schreiben wir eine Bucketlist“ angesichts des Todes. Barnes hat keine – oder allenfalls eine sehr barneseske: eine Liste der großen Kunstwerke, die er noch einmal wiedersehen möchte: von Velázquez’ „Las Meninas“ in Madrid über Brueghel in Brüssel zu Antonello in Palermo. Nicht mehr, nicht weniger. In gewisser Weise verabschiedet sich hier auch ein englischer Kulturbürger, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, und, wie Barnes selbstironisch durchblicken lässt, auch ein alter weißer Mann, dessen Zeit vorübergeht.

Das Ende von „Abschied(e)“ scheint auf den ersten Blick fast grotesk: ein Dank an die treuen Leser, denen er als Schriftsteller mehr habe zur Seite stehen wollen, als sie zu belehren, geäußert fast schon im Ton des geübten englischen Conferenciers, der sich einmal kurz verneigt und dann von der Bühne tritt und im Dunkel verschwindet. Bis einem bewusst wird, welcher Mut hinter diesem doppelten Abschied steckt: als Mensch über das Leben vor dem Sterben zu schreiben und als Schriftsteller die eigene Welt zum letzten Mal zu bewältigen.

Julian Barnes: Abschied(e). Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 23 Euro.

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