Zum Schreiben gehört, dass manche Sätze danebengehen. In Worten das auszudrücken, was man wirklich fühlt, gehört zu den schwierigsten Dingen. Umso bedauerlicher ist es, dass es immer weniger Menschen zumindest versuchen. Sie vertrauen lieber auf Künstliche Intelligenz. Mit ChatGPT werden mittlerweile sogar Traureden geschrieben, wie ein aktuelles Beispiel aus den Niederlanden zeigt.
Ein Paar in Zwolle hatte eine Bekannte gebeten, ihre Trauung quasi amtlich durchzuführen. In den Niederlanden ist das in manchen Fällen möglich. Diese Bekannte hätte, bevor die gesetzlichen Stanzen der Eheschließung aufgesagt werden („Ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Frau“) allerlei Möglichkeiten zur Gefühlsduselei gehabt. Sie hätte in sich gehen können, um ihre emotionale Beziehung zum Paar zu Papier zu bringen. Ja, auch auf die Gefahr hin, dass einige Sätze danebengehen.
Aber die Bekannte entschied sich dagegen. Sie ließ ChatGPT einen Text verfassen. So wurden nicht nur intime Gefühle von einer Maschine verwurstet, nein, sogar die Gesetzesworte gingen daneben. Denn die Bekannte ernannte das Ehepaar in spe „nicht nur zu Mann und Frau, sondern vor allem zu einem Team, einem ‚verrückten‘ Paar“, das „einander Liebe und Zuhause“ verspricht.
Bei diesen Kitsch-Sätzen riecht schon alles nach ChatGPT, aber das eigentliche Problem war ein anderes. In der mit KI formulierten Rede fehlte eine gesetzlich vorgeschriebene Passage, in der das Paar schwört, seinen Ehepflichten nachzukommen. Deshalb wurde die Ehe annulliert. Die Liebenden müssen noch einmal zum Standesamt.
Der Launch von ChatGPT im November 2022 hat unser Alltagsleben besser gemacht. Die KI kann uns um Mitternacht innerhalb von Sekunden die besten Partys in der Nähe heraussuchen, die KI kann uns in Windeseile die wichtigsten Werke des Barockmalers Rembrandt erklären. Sie kann uns auch bei Liebeskummer Trost spenden, wenn man die Freunde damit schon genug belämmert hat. Aber die KI kann eines nicht: So schreiben, dass es nach Mensch klingt.
Jeder Satz von ChatGPT scheint der immer gleichen pathetischen Melodie zu folgen. Ein Beispiel aus einem LinkedIn-Post eines Modelabel-Gründers, der hundertprozentig mit einem Sprachmodell geschrieben wurde: „Es geht längst nicht mehr um einzelne Marken oder Läden. Es geht um ein Klima, in dem Räume angegriffen werden, weil sie existieren. Weil sie sichtbar sind. Weil sie Veränderung symbolisieren.“ ChatGPT versucht, theatralische Nullaussagen mit Wiederholung zu kaschieren. Gelingt nicht, am Ende bleibt kein Gefühl hängen. Mittlerweile bestücken sogar viele junge Menschen selbst ihre Instagram-Fotos mit KI-Sätzen. Da wäre es schon fast besser zu schweigen.
Noch besser wäre es allerdings, dem eigenen Gefühl nachzugehen und dieses auch zu verschriftlichen. Das sieht sogar ChatGPT so. Auf die Klage angesprochen, zu viele Menschen würden für ihren Gefühlsausdruck KI zurate ziehen, schreibt das Sprachmodell: „Stimmt. Es gibt ein Recht auf das ungeschickte, tastende, manchmal peinliche eigene Wort.“ Für die Traurednerin – und das Paar – aus den Niederlanden kommt diese Absolution wohl zu spät.
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