New York ist kalt, blätterlos, Taubenschwärme fliegen durch Straßenschluchten, aus U-Bahnschächten steigt Dampf empor. Krankenhaussirenen ziehen vorüber, dann Polizeisirenen. Die Straße, in der Lily Brett wohnt, liegt in Manhattan zwischen der Lower East Side und Chinatown. In einigen Geschäftsauslagen hängen glänzende gebratene Enten ohne Kopf, es ist im Vorbeigehen nicht gleich zu erkennen, ob sie echt oder aus Plastik sind. Ein Laden weiter verkauft gebrauchte Bücher und saure Gurken zugleich.

Zu Hause bei Lily Brett: Sie sitzt an einem Metalltisch in ihrem Esszimmer, um den Stühle mit gelben, orange- und türkisfarbenen Lehnen stehen. Hinter ihr nimmt ein großes, abstrakt gemaltes Bild die Länge der Wand ein. Das Gespräch beginnt mit dem Thema Lautstärke, Brett selbst spricht eher leise, sie lächelt kurz wie Meryl Streep: Nun, die Leute sagten immer, sie rede zu viel, beginnt Brett. Ob das stimme?

„Aber natürlich“, antwortet sie, „pausenlos“. Aber immerhin hätte sie eine öffentliche Stimme, ihre Eltern hatten die nicht, weil sie in Australien, wo sie später, nachdem sie den Holocaust überlebt hatten, nie wirklich Englisch lernten. „Ich erinnere mich bis heute, wie die Leute meine Eltern anschrien, weil sie dachten, sie hörten schlecht und seien halb taub“, sagt Brett. Immerhin könne sie inzwischen für ihre Eltern reden, ihre Geschichte erzählen.

Bedeutende Autorin der zweiten Generation

Lily Brett wird in diesem Jahr 80, eine große Zahl, man sieht sie ihr nicht an. Im vorvergangenen Jahr wurde ihr autobiografisches Buch „Too Many Men“ (auf Deutsch „Zu viele Männer“, 2002) von der deutschen Regisseurin Julia von Heinz verfilmt mit dem Titel „Treasure. Familie ist ein fernes Land“. Im Film fährt eine Tochter (gespielt von Lena Dunham) mit ihrem Vater (Stephen Fry), der den Holocaust überlebt hat, in seine Geburtsstadt, dann nach Auschwitz, den Traumata der Familie hinterher. Es ist ein Film, der Bretts Lebensthema zeigt.

Mit ihren Gedichtbänden, darunter ihr Debüt „The Auschwitz Poems“ (1986), und Romanen wie „Just Like That“ (auf Deutsch „Einfach so“, 1998), „You Gotta Have Balls“ („Chuzpe“, 2006) oder „Lola Bansky“ (2012) und dem erzählenden Sachbuch „Alt sind nur die anderen“ (2020) gehört Brett zu den wichtigsten Autorinnen der zweiten Generation, wie Kinder von Holocaust-Überlebenden auch bezeichnet werden.

Brett trägt ein langes dunkles Kleid, das Haar ist hochgesteckt. Beim Reden umschließt ihre rechte Hand sachte den linken Oberarm. Sie kam 1946 als Lilijahne Brajtsztajn im Vertriebenenlager Feldafing in Bayern zur Welt, das einzige Lager nur für Juden, erzählt sie. Ihre Eltern hatten im Ghetto in Łódź unter deutscher Besatzung geheiratet und waren kurz danach nach Auschwitz deportiert worden, Lily Bretts Mutter wurde später nach Stutthof verlegt und überlebte als eine von wenigen Frauen. Auch der Vater überlebte, die Eltern fanden sich wieder.

Als Brett zwei Jahre alt war, zog die Familie von Bayern in einen Vorort von Melbourne. „Wir waren Flüchtlinge“, sagt Brett. Sie lebten in einem Haus mit mehreren Familien. Alles war voll, alle mussten sich Küche und Badezimmer teilen. Aber es gab Essen. Ihr Vater fuhr einen gebrauchten rosa Pontiac. Brett besuchte eine Schule für hochbegabte Kinder, flog dann raus, weil sie für andere Kinder, die die Schule schwänzten, Entschuldigungszettel fälschte. Sie hätte gern weiter Klavier gespielt, ließ es aber sein, weil die Lehrerin mit einem Stock ihre Finger schlug, erinnert sie sich.

Schatten von Traumata und das Erbe der Eltern

Der deutsche Schriftsteller W. G. Sebald sagte einmal, ein ernsthafter Mensch könne nicht anders, als beständig über den Holocaust nachzudenken. Für Brett scheint dies, unter anderen Vorzeichen, auch zu gelten. „Die Geschichte meiner Eltern schwappte immer schon in mich hinein. Ich habe mir früher die Haare schwarz gefärbt, um wie meine Mutter auszusehen. Meine Mutter, eine wunderschöne, kluge Frau, hat ständig über den Holocaust gesprochen, über Auschwitz. Sie hat mir zu viel erzählt, ich war zu jung.“

Beim Wäscheaufhängen seien plötzlich Sätze aus ihr gekommen, „über Kinder mit Löchern in den Wangen. Sie erzählte mir, was einer Freundin von ihr Schreckliches passiert sei, da war ich sechs oder sieben und betete innerlich, dass es sich nicht eigentlich um sie handelte – wusste aber, meine Mutter meinte sich selbst.“ Ihre Eltern glaubten an keinen Gott, nein, sagt Brett knapp, sie mussten mit ansehen, wie Nazis in Auschwitz mit toten Babys Fußball spielten.

Obwohl die Traumata ihrer Eltern wie Schatten auf ihr liegen, spricht Brett mit einem leichten, federnden Humor in der Stimme. Doch, sie habe auch einige Fimmel, sagt Brett. Während des Gesprächs fummelt sie an einer Packung Ricola Schweizer Kräuterzucker, wie es sie in deutschen Apotheken gibt. „Ich habe die überall in Deutschland gekauft und kofferweise mit zurückgebracht. Hier in Amerika verkaufen sie die in Papier eingewickelt.“ Sie sei übrigens auch einmal nach Wien gereist, mit ein paar Kilo getrockneter Möhren im Gepäck. Ja, lächelt Brett, da sei sie zu ihrer Verlegerin gefahren, am Flughafen habe man sie gefragt, ob sie denke, dass es in Österreich keine Möhren gäbe. Ein Erbe der Eltern, die nichts hatten, denen alles genommen wurde? Vielleicht.

New York ist Heimat, ein echtes Zuhause

Brett lebt seit 1989 in New York und ist mit dem australischen Maler David Rankin verheiratet. In ihren autobiografisch gefärbten Büchern treten oft leicht neurotische Frauen auf, die Macken haben oder sich dick fühlen, obwohl sie es nicht sind. Ob sie immer schon Schriftstellerin werden wollte? „Nein“, sagt Brett klar und lacht: „Ich wollte dünn sein.“

Deswegen könne sie auch das mit den Möhren erklären, fährt sie fort: „Die ersten 60 Jahre meines Lebens war ich auf Diät. Meine Mutter klagte immer, ich sei zu groß und dass Jungen keine dicken Mädchen mögen, dass ich niemals heiraten würde. Mit 13 konnte ich an nichts anderes denken, außer dass ich für immer ungewollt bleiben würde, obwohl ich rückblickend so hübsch war. Ich versuchte also zumindest interessant zu sein und las Sartre. Doch niemand scherte sich!“

Dass sie Schriftstellerin wurde, sei Zufall gewesen. Ihr Studium hatte Brett rasch abgebrochen und begann für ein Rockmagazin zu schreiben, interviewte Janis Joplin, Jimi Hendrix, Mick Jagger und heiratete den Gitarristen der Rockband The Loved Ones, bekam zwei Kinder. Nichts sei ihr so leicht gefallen, wie Gedichte zu schreiben, sagt Brett, damals wie heute. Ob sie gerade wieder Gedichte oder überhaupt an etwas Neuem schreibe? Ja, sagt sie, aber darüber könne sie noch nicht reden.

Wir sprechen über New York, ihre Heimat, ein echtes Zuhause. Seit dem 7. Oktober 2023 ist Brett entsetzt über den neu ausbrechenden Antisemitismus. „Die Situation ist grässlich und nachdem so viele jüdische Frauen misshandelt wurden, und hiesige Frauengruppen dazu geschwiegen hatten, war ich wirklich fertig. Es dauerte, bis ich begriff, dass es tatsächlich einfach Antisemitismus ist.“ Auch der neu gewählte New Yorker Bürgermeister Zoran Mamdani habe antisemitische Äußerungen gemacht, sagt Brett und fügt hinzu: „Ich aber glaube nicht, dass er etwas Drastisches gegen Juden unternehmen wird, dafür gibt es in der Stadt viel zu viele von uns.“

Warten auf Verben oder die Liebe zur deutschen Sprache

Auf die Frage nach der Rolle Deutschlands in ihrem Leben, antwortet sie: „Ich fühle mich Deutschland nah und ich liebe das Land, die Sprache, dass man eine halbe Stunde warten muss, um Verben an Enden von Sätzen zu hören. Die Parallelen zwischen den Kindern der Nazi-Täter und den Kindern ihrer Opfer sind für mich faszinierend und schockierend: Wir alle fühlen Scham, wussten nie, was unsere Eltern genau erlebten. Die einen als Täter, die anderen als ihre Opfer und all ihre Kinder litten oder leiden noch.“

Draußen wird es Mittag, wir gehen nach draußen in die Kälte, Lily Brett trägt einen aufwendig gearbeiteten Mantel. Viele ihrer Kleider lässt sie schneidern und gehe dafür gern Stoffe kaufen, sagt sie, im Spandex House in Midtown, nahe Bryant Park, das größte Stoffgeschäft in New York City, die Regale reichen bis an die Decke: dramatisch voll, wie in der Oper.

Wie der Alltag als Schriftstellerin für sie sonst aussehe, wie ihr New York sei? Sie liebe es, durch die Stadt zu spazieren, lächelt sie. Stundenlang. Richtung SoHo werden die Straßen voller und schriller. „Ich gehe nicht gern nach SoHo“, sagt Brett, „dort sind inzwischen nur noch reiche junge Frauen, unerträglich.“ Brett lacht kurz als sie das sagt und geht in die andere Richtung weiter in ihren Tag hinein.

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