Kein Theaterstück hat es hinter Gittern zu solcher Bekanntheit gebracht wie „Warten auf Godot“. Das liegt vor allem an dem schwedischen Schauspieler und Regisseur Jan Jönson, der das weltberühmte Stück von Samuel Beckett – unterstützt vom Autor und Literaturnobelpreisträger selbst – in den 1980er-Jahren mit Insassen der Hochsicherheitsgefängnisse in Kumla (Schweden) und San Quentin (USA) auf die Bühne brachte. Die Geschichte schaffte es mit „Ein Triumph“ und „Alles nur Theater?“ kürzlich auch ins Kino. Aktuell gibt es „Warten auf Godot“ in einem Berliner Gefängnis zu sehen: Das Gefängnistheater AufBruch hat den Klassiker des absurden Theaters mit Insassen der Justizvollzugsanstalt Plötzensee einstudiert. Warten, das kennen die Häftlinge.

Die Flure und Wände auf dem Weg zum Kultursaal der JVA Plötzensee sind nicht sehr farbenfroh. Außer in den Besucherecken, wo das Kindermaskottchen „Plötzi“ – ein bunter Gute-Laune-Fisch, der völlig überdreht wirkt – von der Wand grüßt. Nicht sehr farbenfroh (und „Plötzi“-frei) ist wiederum auch, was Bühnenbildner Holger Syrbe geschaffen hat: kahle Stellwände in dunklem Blau, die als nach vorne geöffnetes Rechteck einen knorrigen, blätterlosen Baum mit ein paar Bänken umfassen. Man kann sich diese Bühne umstandslos als den tristen Innenhof eines Gefängnisses vorstellen, an dem sich jeden Tag die immergleichen Häftlinge zum Freigang treffen. Nichts passiert. Man redet, ohne viel mitzuteilen zu haben. Und um die Zeit totzuschlagen.

Zusammenarbeit mit Birmingham

Das siebenköpfige Ensemble – alles Insassen der JVA Plötzensee, die meist nur mit Vor- oder Spitznamen im Programmheft vermerkt sind – hat die Kostümbildnerin Anne Schartmann in dunkle Hosen und Shirts gesteckt, manche tragen Sakko dazu. Was auf den ersten Blick nur verwaschen oder eingestaubt wirkt, lässt auf den zweiten Blick an übereinandergelegte Röntgenaufnahmen eines Torsos denken. Menschen, die so sehr aufs Überlebensnotwendige reduziert sind, dass man ihnen schon aufs Skelett schauen kann. Gruselig. Unheimlich wird es auch, wenn sich die Schauspieler Masken mit leeren Augenhöhlen aufsetzten und zur eindringlichen Klavierbegleitung wie im Traum durch die leere Landschaft mit totem Baum streifen. Wie als Geister oder Gespenster.

Für die Masken hat das Gefängnistheater AufBruch erstmals mit der Geese Theatre Company aus dem britischen Birmingham zusammengearbeitet, die Workshops für Maskenbau und -spiel in Gefängnissen geben. Im Zuge eines deutsch-britischen Kulturaustauschs kamen die Briten mit ihren Masken nach Berlin, um die Spieler in Plötzensee in der hohen Kunst der Maskerade zu schulen. Tatsächlich bringen die Masken einen neuen Ton in die Inszenierung von Regisseur Peter Atanassow, der meist auf wuchtige Chöre setzt. Nun kommen mit den Maskenszenen stillere Töne hinzu, es wirkt träumerischer und surrealer. Eine Bereicherung für die Formensprache des Gefängnistheaters und, wie man hört, auch für die Spieler eine schöne Erfahrung.

Die Rollen der Protagonisten Wladimir und Estragon übernimmt das Ensemble gemeinsam. Immer wieder umkreisen sich die Spieler, beobachten sich, lösen sich, kommen wieder zusammen. Männer, die warten. Die gehen wollen, aber nicht können. Die immer noch mehr warten müssen – und am Ende kaum noch wissen, worauf eigentlich. Eine Existenz im Wartezustand, die den Häftlingen nicht unbekannt ist. Dass im Hintergrund ein Video läuft, das die Gewalt des von dem Historiker Eric Hobsbawm als „Jahrhundert der Extreme“ bezeichneten 20. Jahrhunderts zeigt, hätte es dabei kaum gebraucht. Der Reiz von Becketts Antihelden, ja Antifiguren liegt in ihrer rätselhaften Evidenz: Jeder kann etwas mit ihnen anfangen, auch wenn niemand weiß, wer sie sind.

Erschöpfte Dialektik

Und dann gibt es noch Pozzo und Lucky, die an diesem Abend ganz klassisch mit Rollstuhl und Picknick-Utensilien auftreten. Sie verkörpern die erschöpfte Dialektik von Herr und Knecht. Führt der herrische Pozzo seinen Diener Lucky beim ersten Auftritt noch vor, so bleibt beim zweiten Auftritt nur noch wenig davon übrig: Am Ende ist die Herrschaft blind und die Beherrschten sind stumm. Und Godot? Lässt sich weiterhin nicht blicken. Gibt es trotzdem Hoffnung? Vielleicht. Wenn die Häftlinge zum Schluss im Chor „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros singen, bleibt kaum ein Auge trocken. Da zeigen die Jungs – viele von ihnen sind nicht alt, aber einige nicht zum ersten Mal bei einer Produktion von AufBruch dabei –, dass sie doch noch etwas vom Leben wollen.

Was man in der JVA Plötzensee zu sehen bekommt, ist ein rauerer, ein ehrlicherer Beckett als zum Beispiel in der fantastischen und hochartifiziellen Inszenierung von Luk Perceval am Berliner Ensemble. Dem Autor hätte vermutlich beides gefallen. Dass gerade „Warten auf Godot“ zum Gefängnisklassiker wurde, liegt nebenher an einem Detail: In Jönsons schwedischer Inszenierung nutzte ein Teil des Ensembles die Gelegenheit zur Flucht. Sie wollten nicht mehr warten, auch nicht auf Godot. Beckett soll daraufhin in Lachen ausgebrochen sein und gesagt haben, das sei das Beste, was seinem Stück widerfahren konnte. In Berlin waren bei der umjubelten Premiere am Mittwochabend noch alle Darsteller da, gespielt wird bis Anfang Februar.

Warten auf Godot“ vom Gefängnistheater AufBruch läuft in der JVA Plötzensee.

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