Er hat wieder ein Album aufgenommen. „Britpop“ heißt es. Robbie Williams reist zurück in seine beste Zeit, die späten Neunziger- und frühen Nullerjahre, als er Britpop sein wollte und es auf seine Art auch war – wäre er nicht, so Liam Gallagher, der „fette Tänzer von Take That“ gewesen. Alles, was der Deserteur der größten nordenglischen Boygroup seit den Beatles mit Hymnen wie „Let Me Entertain You“ und „Angels“ erreicht hatte, war mit nur einem Spruch dahin. Oasis waren Cool Britannia und Britpop, Robbie war es nicht. Dafür rächt er sich drei Jahrzehnte später mit einem Song namens „Spies“, der so sehr nach Oasis klingt, dass er die Gallaghers bereits gebeten hat, sie mögen ihm nicht böse sein.

Eigentlich sollte „Britpop“ erst im Februar erscheinen. Dann wäre ihm Netflix mit „Take That“ schon Ende Januar zuvorgekommen, einer dreiteiligen Serie über die Band, die ihn zu dem gemacht hat, der er ist, in jeder Hinsicht. Bevor sich die zweieinhalbstündige Dokumentation der Vorgeschichte und den Gründungsmythen widmet, zeigt sie, wie Take That im Proberaum ihr schönstes Lied anstimmen, „Back for Good“, und Rob, wie sie ihn nennen, sich mit seinem brennenden Feuerzeug darüber lustig macht. Über die Band und die Ballade, über die anderen und sich selbst. Sie schreiben das Jahr 1995, in dem Robbie Williams sie verlassen wird.

Take That war ein Boygroup, weil ein Manager sie wie die New Kids on the Block zusammencastete und jedem der fünf singenden Tänzer seine Rolle zuwies. Take That war aber auch eine alternative Boygroup: Vier von ihnen hegten keinerlei Karrierepläne, als sie 1990 im Büro von Nigel Martin-Smith vortanzten. Oder wie Rob es in „Take That“ sagt: „Wir gehören zur Arbeiterklasse und haben ein goldenes Ticket als einzige Chance, unsere Leben nicht zu ruinieren.“

Umso Größeres hat einer von ihnen schon länger vor. Seit Gary Barlow denken kann, sitzt er in Manchester, in einem der verrußten Reihenhäuser am Klavier und komponiert. Seit seiner Kindheit tritt auf in Clubs und Pubs und schickt Kassetten mit eigenen Songs an jeden, der geschäftlich mit Musik zu tun hat. Gary will es in die Charts schaffen und zu „Top of the Pops“. Mit 19 gerät er an Nigel Martin-Smith, der Manager baut eine Band aus hübschen Jungs um ihn herum. In Großbritannien kann der Markt für Mädchen, die vor solchen Stars in Ohnmacht fallen und sie mit Plüschtieren bewerfen, noch eine Gruppe vertragen.

Ihre Rollen teilen sie sich von allein: Gary ist das Genie, Robbie der Clown. Mark Owen spielt den Welpen, Howald Donald und Jason Orange, die Breakdancer, haben vor allem zu tanzen. Martin-Smith, mit allen Abwässern der Popmusik gewaschen, testet ihre sexuelle Ausstrahlung in Schwulenclubs, danach in Schulkonzerten, wo das Publikum noch jünger ist als seine Jungs. Als sich das manische Geschrei einstellt, die Hysterie, gehen Take That ins Fernsehen, wo sie als „Pin-up Band“ gefeiert werden, und dort ankommen, wo Gary Barlow immer hin wollte. „Top of the Pops“, Charts, Brit Awards. Als die vier anderen ihre Jobs aufgeben, als Lackierer, Maler, Kicker und Hausierer, sind ihre Familien fassungslos.

Aber auch das ist eben das Besondere an Take That als Boygroup, neben ihrer Britishness und dem Milieu, aus dem sie stammen. Der ihnen die Hits schreibt, ist einer von ihnen – und auch wieder nicht. Gaz, wie sie Gary Barlow nennen, fühlt sich von den anderen in den Hintergrund gedrängt. Rob sieht die Sache anders: Er ist es, der leidet. Barlow erinnert sich daran, wie er Williams, der von Oasis schwärmte und eigene Songs vorschlug, zurechtgewiesen habe: „Wir sind immer noch Take That. Die Formel habe ich.“ „Man merkt, wenn man nur Tänzer ist“, entsinnt sich der Gekränkte.

„Take That“ zeigt, wie sich der Entertainer – „Die Bühne gehörte Rob, und wir hüpften um ihn herum“ (Mark Owen) – von Take That entfernte. Er steht nachdenklich daneben und verloren herum. Er säuft auf seinem Zimmer. Er erscheint betrunken zu den Proben. Er sagt: „Ich war 19 und war Alkoholiker.“ Dann teilt er seinen Freunden in der „Sun“ mit: „Ich habe die Band verlassen.“ Das Märchen von Rob und Gaz geht weiter als Tragödie. Gaz wird von Rob gedemütigt durch Sprüche wie „Ich war immer der Talentierteste“, vor allem aber durch dessen Erfolge als Solist. Der eine, Gaz, fand sich in einer schweren Lebenskrise wider und Halt in seiner Familie. Der andere, Rob, wurde als Narr des Britpop weltberühmt, bevor er wieder abstürzte, in seine alten Süchte und zu früh für einen Star wie ihn Orchestersongs und Weihnachtslieder sang.

Für seine Boygroup wurde alles wieder gut. 2005 entschuldigte sich Robbie Williams bei einem bewegten Gary Barlow und den anderen im Fernsehen, der Film hieß „Take That … For the Record“. Take That feierten im Jahr darauf zu viert mit Barlows großartigem „Patience“ ihr Comeback. Sie flogen nach Los Angeles, um sich mit Williams zu versöhnen, trafen sich 2009 mit ihm in einem Studio in New York, nahmen „The Flood“ auf und gingen 2011 sogar gemeinsam auf die Bühne. Williams: „Wir waren die beste Boygroup aller Zeiten.“ Wenn man den Begriff der Boygroup eng fasst, eine Gruppe rekrutierter Tänzer, die nett aussehen und singen können, weiß man wirklich nicht, wer besser war als sie.

Irgendwann hat es Robbie Williams aufgegeben, jemand anderes zu sein als der emanzipierte Sänger einer ehemaligen Boygroup. Er war bereits Britpop, bevor er sich wieder auf dem Boulevard verirrte. Umso tragischer erscheint sein Album: „Britpop“ sehnt sich nach einer Musik zurück, die er vor 25 Jahren hätte spielen können und auch schon gespielt hat. Auf dem Cover ein Porträt aus jenen Tagen, als er vor Take That geflohen war, mit Zahnlücke und Fußballjacke. Seine neuen Songs widmet er seinen alten Helden. Einer hört sich nach Oasis an, ein anderer nach Blur und noch ein weiterer nach The Verve. Mit Gary Barlow hat er „Morrissey“ geschrieben, eine Hymne, in der er erklärt, dass Morrissey als an der Welt leidendes Über-Ich des Britpop nur eine Umarmung bräuchte. Er, Robbie, böte sich an. Dann hielte auch ihn einer fest, von dem er es sich wünscht.

„Take That“ läuft ab 27. Januar bei Netflix

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