Letztens habe ich auf X ein Video gesehen, in dem Will Smith mit den Händen Spaghetti isst. Genau genommen waren es zwei Videos. Beide waren KI-generiert, aber im ersten ähnelte die groteske Grimasse des Hollywood-Schauspielers einem freakigen Kunstvideo: rollende Augen, die beinahe aus dem Kopf fallen, zerlaufende Konturen und sprunghaft abreißende Bewegungen. Dieser Clip sollte aus dem Jahr 2023 stammen.

Im zweiten Clip, gerade erst veröffentlicht, sieht man einen gepflegten schwarzen Mann, der Will Smith sehr ähnelt und der sich in seiner lichtdurchfluteten Marmorküche Bolognese kocht. Anschließend isst er sie manierlich mit der Gabel auf wie ein Influencer. „2,67 Jahre KI-Fortschritt“ stand darunter. Der Post war als Werbung für die Fähigkeiten der Videogenerierung gemeint. Dabei war das ältere Video hundertmal interessanter als das neuere.

An dieses Video auf der unbenutzbaren Plattform X musste ich denken, als ich „Liminals“ anschaute, eine Auftragsarbeit von Pierre Huyghe, die in einem ehemaligen Heizkraftwerk aus der Stalinzeit neben dem Technoclub Berghain zu sehen ist. Pierre Huyghe kam in den 1990er-Jahren aus dem Umfeld der „relationalen Ästhetik“ und erfuhr um die Jahrtausendwende seinen großen Durchbruch als Künstler.

Auf der Documenta 13 hatte er 2012 einer Podenco-Hündin namens „Human“ ein Bein rosa angemalt und ihr einen Betreuer zur Seite gestellt, der während der Kunstausstellung und auch danach mit ihr in Kassel lebte. Im Zentrum von „Untilled“ stand damals eine Aktfigur, auf deren Kopf ein Bienenstock saß. Das Ganze spielte sich in den Karlsauen ab, dem großen Park zwischen Kasseler Innenstadt und der Fulda.

Es war eine ganz besondere, unvergessliche Erfahrung, weil der Hund nicht verlässlich an einem Ort war, sich unvorhersehbar verhielt. Das ganze Kunstwerk bestand aus lauter lebendigen Komponenten: Kompost, medizinische Pflanzen, man selbst. Gleichzeitig war das alles inszeniert und frei, natürlich und menschengelenkt.

Monumentaler Überwältigungseffekt

In einer ehemaligen Eissporthalle versammelte Huyghe zur Ausstellung Skulptur Projekte Münster im Jahr 2017 dann schon etwas, das eher nach Postapokalypse aussah und unter anderem „phreatisches Wasser, Bakterien, Algen, Bienen, Weberkegel (Conus textile), GloFish, menschliche Krebszellen, einen genetischen Algorithmus, Augmented Reality“ sowie Regen beinhaltete. Auch das war alles real erfahrbar, in der Schwimmhalle, im Überall der Fast-Zukunft. In Huyghes besten Werken gerät die eigene Welterfahrung ins Schwimmen. Es ist eine Art inneres Aquaplaning, das nicht auf einen monumentalen Überwältigungseffekt oder Schocks zurückgeht.

In seiner neuesten Arbeit, in Berlin gezeigt von der Kunststiftung LAS, wird man vor allem eins: überwältigt. Monumental ist die Halle, in der der Film läuft, monumental ist die Größe und die Geste, mit der er inszeniert wird. Huyghe ist unter die Mythenschöpfer gegangen: „Der Film, der vom Künstler als ‚moderner Mythos‘ bezeichnet wird, folgt der Entstehung einer gesichtslosen, menschenähnlichen Gestalt, die verschiedene Zustände durchläuft“, steht auf der Seite des Veranstalters. Das ist präzise zusammengefasst.

Man sieht eine nackte Frau, die durch eine wüstenartige Landschaft stolpert und kriecht. Ihr Schädel ist hohl, das Gesicht ein schwarzer Leerraum, der innen wie ledrige Haut wirkt. Sie schwankt über die Felsen, die in diesiges Licht gehüllt sind. Ein Planet ohne Hoffnung, um welchen es sich auch immer handeln mag. Die Erde wallt und kräuselt sich.

Ein Glitch? Ein Fehler im Gewebe der Wirklichkeit? Da es keine Wirklichkeit ist, sondern offensichtlich KI-generiert, ist die Frage irrelevant. Die Frau ist stumm und taub. Sie stößt den Kopf auf den Boden. Begutachtet ihre Narbe, wobei sie ja keine Augen hat. Sehr hermetisch, alles. Aber maximal voyeuristisch präsentiert, mit einer Kamera, die gar keine ist, sondern der Fluchtpunkt einer Simulation.

Laut Pierre Huyghe ist das, was wir hier sehen, „außerhalb von Zeit und Raum angesiedelt, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt, kein Innen und kein Außen, nur einen unaufhörlichen Tanz der Materie, in dem jeder Moment ein Vielleicht ist. Wir erleben die Versuche der Figur, zu existieren und sich einem einzelnen Zustand von Realität oder Bewusstsein zu entziehen. Dabei beginnen sich die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt sowie zwischen lebender und unbelebter Materie aufzulösen.“

Doch was ist dort, wo sich alles auflöst? Und wo sind wir? Der anschwellende Raungesang von „Liminals“, um es mal mit einem Nicken in Richtung Botho Strauß zu sagen, hat etwas Generisches. Beim Zuschauer kommen schnell Fragen nach dem Gemachtsein auf. Ist das KI? Oder ein echter Mensch? Oder eine Kombination aus beidem?

Es wird einem dann so erklärt, dass Huyghe mit einer Tänzerin arbeitete, die in einer sogenannten Gaming Console Bewegungen echt ausführte, welche dann wiederum in einen mit KI generierten Film übersetzt wurden. Als eine Art Störgeräusch sind dem Film Mutationen im Gestein und in den Bewegungen der Figur unterlegt, die auf das Verhalten von Atomen in Quantenexperimenten zurückgehen. Auch die Musik enthält Effekte, die auf Quantenexperimente zurückgehen.

Dieser Aspekt wird immer wieder unterstrichen. Doch, sagt die Kuratorin, der Künstler habe es nicht so gern, dass man zu viel darüber nachdenke, wie eine Arbeit nun entstanden sei. Und genau darin liegt wohl das Problem des Pierre Huyghe im Jahr 2026. Der Künstler will mit seinen Arbeitsmitteln beeindrucken und gleichzeitig nicht, dass man sie bemerkt. In seinen früheren Arbeiten konnte man, bei aller Rätselhaftigkeit, die Gemachtheit noch durchschauen. Das änderte nichts am Zauber, im Gegenteil.

Professionell gemachter Kitsch von Pierre Huyghe

Jemanden ästhetisch überwältigen zu wollen, das Wie aber glatt zu verbergen, das kennen wir eher aus der Unterhaltungsindustrie. In einem aufwendigen Kinofilm soll ich das Gefühl haben, ganz natürlich mitzuerleben, was geschieht, während doch der Film selbst die aufwendigste Fiktion ist, die wir kennen, an der Hunderte von Helfern beteiligt sind und ausufernde Budgets finanziert werden. Zugleich merken wir: Die Kunst kann das Wettrennen mit der KI-Industrie nicht gewinnen. Wenn man es zuspitzen möchte, kann man sagen: Huyghe hat drei Jahre damit verbracht, einen monumentalen Kunstfilm zu produzieren, der so aussieht, als habe ihn ein informiert-depressiver Goth-Teenager binnen 30 Minuten mit Grok erschaffen.

Es ist nun so, dass das intensive Brummen des Soundtracks auf die Bewegungen von Atomen zurückgeht, die mit quantenmechanischen Techniken in Bewegung versetzt wurden, welche dann in Klang übersetzt wurden. Deshalb klingt es aber nicht neu oder aufregender als andere Soundinstallationen. Es ist lehrreich und spannend, was der hier beteiligte Quantenforscher Tommaso Calarco vom Forschungszentrum Jülich einem dazu erzählen kann. Aber es hilft nicht: Ästhetisch überzeugen kann einen der Film trotzdem nicht.

Wobei, einen Trick gibt es, um sich dieser Hypnose aus düsterem Effekt-Existenzialismus zu entziehen und eine andere, weniger vorkuratierte Erfahrung zu machen: Man kann ihn dank der schieren Größe der Halle auch von hinten ansehen. Vor einem erhebt sich dann das brummende, massive schwarze Quadrat, das sich vom Halbdunkel der Halle abhebt.

Man sieht die Bewegtbilder nicht, aber man spürt sie. Und man sieht auch das Publikum von vorn, das hier in dieser hippen Location neben dem hedonistisch-kargen Berghain gepilgert ist, blinzelnd im Dunkel. Man sieht die nun erleuchteten, winterbleichen Gesichter, die ab und zu doch das Handy checken, das Frieren in der monumentalen Halle, die gemeinsame Ergriffenheit über monumentalen, sehr professionell gemachten Kitsch.

Das ist jetzt die Gegenwart, ob man will oder nicht. Und weil man vor und auch hinter „Liminals“ stehend sehr intensiv über den Stand der Videokunst im Jahr 2026 nachzudenken gezwungen wird, ist Pierre Huyghe noch immer ein guter Künstler, obwohl er sich mit dieser Arbeit auf hohem Niveau verirrt hat. Oder vielleicht gerade deshalb. Es gibt ja, wenn man so darüber nachdenkt, auch wirklich nichts Langweiligeres als immer alles richtigzumachen.

„Pierre Huyghe – Liminals“, bis 8. März 2026, LAS Art Foundation, Halle am Berghain, Berlin

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