Geneigte Leserschaft, fühlen Sie sich auch gerade wieder so eskapistisch, suchen nach einer anderen, fernen, früheren Welt, wo es nichts gibt als Blütenmeere und Farbexplosionen, als Klatsch und Vorurteil und die Jagd nach dem großen Glück in einem kleinen Leben? Hat ja schon mal ganz gut funktioniert.

Damals 2020, als alle weggeschlossen waren und sich die Wohnzimmer von 100 Millionen Haushalten in Ballsäle verwandelten, in denen Lords und Ladys seltsame Tänze aufführten, eine Königin mit meterhoher Perücke regierte. Eine Geschichte wie ein kontrafaktischer Fiebertraum, in dem es nur um die Politik der Herzen, um Verlieben und Verheiraten ging und die dreckige Gegenwart des beginnenden 19. Jahrhunderts draußen bleiben musste. Und in dem eine unscheinbare Klatschbase namens Lady Whistledown mit ihrer Gossip-Postille ihre geneigte Leserschaft des knallbonbonfarbenprächtig gefaketen Regency in Atem hielt.

Sie ahnen natürlich, geneigte Leserschaft, was gemeint ist. „Bridgerton“, das Netflix-Epos aus dem ziemlich alten Adel, dessen unfassbarer Erfolg (die Serie aus dem Märchenreich der Shonda Rhymes war in fast 100 Ländern an der Spitze der Netflix-Hitlisten) sich auch der Tatsache verdankt, dass sie genau zur rechten Zeit am rechten Platz war. Und weil der Bedarf für eskapistische Drogen gegenwärtig eher noch größer sein dürfte als damals zu Pandemie-Zeiten, ist es doch eine ganz gute Nachricht von Lady Whistledown, dass es wieder losgeht in Mayfair und am Hof der Königin Charlotte.

Für alle, die es nicht ahnen, sei kurz zusammengefasst. „Bridgerton“ basiert auf der auch schon wahnsinnig erfolgreichen Romanschmonzettenreihe von Julia Quinn, die sich seit gefühlt Jahrzehnten in den Bestsellerlisten der „New York Times“ hält. Eine Geschichte, die sich selbst Jane Austen, ohne die es Quinns Herzschmerzsaga nicht gegeben hätte, nie getraut hätte.

Die Bridgertons wohnen in Mayfair, das Haus ist die ganze Ballsaison lang von schreiend lila blühenden Glyzinien behängt wie ein Christbaum zu Vor-Loriotschen Zeiten mit Lametta. Acht Kinder gilt es, der finanzielle Druck ist groß, unter die Haube zu bringen. Vier Töchter und vier Söhne. In jeder Ballsaison, jeder Staffel von „Bridgerton“ eins. Klappt bis jetzt auch ganz gut.

Mehr ist es eigentlich nicht. Die Liebe tanzt allerdings Umwege, sonst wäre es ja alles schnell vorbei. Es dauert stets bis an den Rand der Zuckerschocks beim Zuschauer, bis man sich findet. Das gibt Zeit, in die komplett aus jeglichem tatsächlichen historischen Zusammenhang katapultierte Welt Themen unserer Gegenwart zu spiegeln. Die Gesellschaft ist farbenblind gefilmt. Im Adel mischen sich die Hautfarben. Weil, so legitimierte sich der „Bridgerton“-Showrunner Chris van Dusen, Queen Charlotte zwar eine zu Mecklenburg-Strelitz war, aber angeblich afrikanische Wurzeln hatte, was ungefähr genauso blödsinnig ist wie die Konstruktion vom schwarzen Beethoven wegen dessen angeblich maurischer Verwandtschaft.

Queerer Sex findet statt

Es finden weibliche Selbstbehauptungskämpfe statt, Männer sind lose Vögel, die nicht wissen, was sie wollen. Frauen entdecken ihre Sexualität. Es wird eifrig der Vereinigung von Körpern gefrönt, wobei ungefähr genauso auf die Balance von nackten Männer- und Frauenkörpern geachtet wird wie auf die Balance der Hautfarben. Queerer Sex findet statt. Und das alles in – wenn sie nicht vor dem Bett oder am See auf dem Boden liegen – kostbar raschelnden, brokatprunkenden, brutalfarbigen Kostümen, in Meeren aus Blumen und unter kolossal gebastelten Perücken, bei denen einem vom Hinsehen schwindelig wird (einmal hat die Queen ein Ding auf dem Kopf, das stark nach einem verworfenen Entwurf für das Olympiastadion von Peking aussieht – in Originalgröße).

Am Ende der dritten Staffel (die eigentlich die Geschichte des vierten Quinn-Bandes erzählt) hätte man streng genommen Schluss machen können. Das größte Geheimnis war gelüftet. Penelope Featherington, zwangsweise in allen schrillen Gelbfarben, die sich auf Stoff drucken lassen, gekleidetes Kind einer Mutter aus der Austen-Hölle und gut bekannt mit den Bridgertons, war verantwortlich für die Gossip-Girl-Postille der Lady Whistledown. Und am Ende gegen alle Wahrscheinlichkeit sogar noch verheiratet mit der Liebe ihres jungen Lebens, mit Colin, dem dritten der Bridgerton-Söhne.

Nun, geneigte Leserschaft, kommen wir endlich zum neuen Kapitel des Epos. Im Haus der Bridgertons werden die Decken von den Möbeln genommen, die Glyzinien muss jemand schon vorher frisch gestrichen haben, sie schreien in Lila wie eh und je. Es geht allerdings zum ersten Mal zu wie in „Downton Abbey“ und im „Haus am Eaton Place“. Die Leute aus dem Maschinenraum der vermeintlich feinen Gesellschaft bekommen auf einmal Gesichter und Geschichten. Es geht – Klassismus ist eins der neuen Themen in Mayfair – treppauf und treppab.

Was damit zusammenhängt, dass es – zumindest in den ersten vier Folgen, die vorher zu besichtigen waren und ab dem 29. Januar gestreamt werden, bevor es ab 26. Februar ins Staffelfinale geht – eine Aschenputtel-Geschichte ist, die erzählt werden will. Gekreuzt mit der Geschichte eines anderen Tom Rakewell. Das war der Wüstling aus den „Rake’s Progress“-Zeichnungen von William Hogarth und der Oper von Igor Stravinsky, der sein Geld an Frauen und Alkohol verlor, den Rest verprasste und im Irrenhaus landete.

Benedict Bridgerton, dem Zweitgeborenen, bisexuellem Freigeist und selbsternanntem Wüstling, bleibt Rakewells Schicksal erspart, weil er Sophie gleich im ersten (Masken-)Ball, den seine Mutter ausrichtet, über den Weg tanzt. Sophie hat sich wie Cinderella im Märchen als Frau in Silberweiß hineingeschlichen auf den Eheanbahnungsbasar der höheren Töchter und umschwärmten Junggesellen. Tagsüber macht sie sich treppab unsichtbar im Haus von Lady Penwood, ihrer garstigen Stiefmutter. Die hat Sophie – das Mündel, wahrscheinlich Frucht einer Beziehung mit einer Mätresse – nach dem Tod ihres Gatten erfolgreich an den Fuß der gesellschaftlichen Treppe befördert.

Es kommt natürlich, wie es kommen muss. Und es der geneigte Zuschauer dieses gleichzeitig hochkonservativen und höchst diversen Märchens erwartet. Der steht auf Berechenbarkeit, der will von Farben überrascht werden und von der Mode und von Perücken, aber nicht von merkwürdigen Plot-Twists und Enttäuschungen der Herzen.

Mutti Bridgerton führt den Zauber des Sex im Alter vor. Francesca, Benedicts Schwester, sucht im Bett mit ihrem Gatten die Vollendung (Regency-Wort für Orgasmus) und findet sie nicht („Bridgerton“ ist neben allem anderen eine Art frühromantisches Fragen-an-Frau-Dr.-Sommer-Märchen). Den Höhepunkt – das wissen wir aus dem Social-Media-Getöse, das der vierten Staffel vorausging – wird sie wohl erst in den Armen ihrer Schwägerin Micaela erleben, die bei Julia Quinn Michael heißt und … Aber wir greifen wahrscheinlich vor.

Und wo wir schon so schön dabei sind: In Minute 49 gibt es den ersten nackten Männerhintern. Ansonsten bleibt es noch züchtiger als bisher in dieser Serie, die den angezogenen Sex erfunden hat. Regency-Soziologie – hier kommen wir wieder auf das Treppauf, Treppab des Anfangs zurück – wird betrieben, die Durchlässigkeit der adligen Gesellschaft getestet (sie ist so groß wie die Stahlbetonwand eines Prepperbunkers). Mätressen dürfen die Sophies dieser Ära werden, als Ehefrauen sind sie nicht vorgesehen.

Es kommt außerdem zu einer Angestelltenkrise in Mayfair, Butler und Hausmädchen und Zofen werden knapp, es geht auf dem Zofen- zu wie heutzutage auf dem Fußballspielermarkt. Was möglicherweise die Ursache dafür ist, dass die Farben der Kleider diesmal so wirken, als seien sie falsch behandelt worden. Nur die Ballsäle und die Salons der Königin strahlen in einer Buntheit, dass sie einen ein ums andere Mal zum Japsen bringen.

Wer also das Weltvergessen sucht und das Hirnausschalten braucht, ist auch mit Bridgerton 4 ganz gut bedient. Ist auch gesünder als Alkohol. Wem Glyzinien und drei Tonnen Taft nicht reichen – es gibt bei Amazon Bridgerton-Tee. Verpackt in den Farben der Saison (sehr blau, changierend ins Mayfair-Lila). Geschmackssorten „Earl of Blue“ und „Mint Caramel“. Auf den Bridgerton-Sherry, der literweise gesoffen wird, und den Bridgerton-Gin, an dem Queen Charlotte nippt, warten wir weiter. Es sind, wir erwähnten es schon, schließlich noch ein paar Bridgertons in den Hafen der Ehe zu bringen.

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