Putin, Trump, Ukraine, Nahost, Taiwan – und jetzt Grönland. „Willkommen in der Wolfswelt“ betitelte vor kurzem der Politikwissenschaftler Marc Saxer einen Aufsatz in der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“. In einem Zeitalter, in dem der Hegemon die von ihm einst begründete und Jahrzehnte am Leben erhaltene Weltordnung selbst für obsolet erklärt habe, müsse Europa lernen, die „Geostrategien rivalisierender Mächte zu dekodieren“. Es müsse „mental“ in der Wolfswelt ankommen.
Saxer lehnt sein Bild bewusst oder unbewusst an einen antiken Kronzeugen an. Der römische Dichter Plautus (ca. 254–184 v. Chr.) lässt in seiner Komödie „Asinaria“ („Eseleien“) einem ihm unbekannten Sklaven eine größere Summe aushändigen. Der Sklave behauptet, im Auftrag seines Herrn zu handeln, doch der Kaufmann ist misstrauisch und ruft aus: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist“ (lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit). Thomas Hobbes hat fast 2000 Jahre später den skeptischen Satz des Kaufmanns auf eine anthropologische Urgewalt bezogen: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, solange ihn kein Staat zähmt.
Die Genealogie von Plautus über Hobbes zu Saxer ist charakteristisch für unsere Zeit, in der lange gehegte Gewissheiten auf die Probe gestellt werden. Ist die regelbasierte Weltordnung Geschichte? Beruhte der felsenfeste Glaube vieler Europäer daran gar auf einer optischen Täuschung? Um das Unfassbare in Begriffe zu bannen, werden historische Analogien bemüht und ganz vorne dabei ist die schon längst nicht mehr klassische, weil zunehmend in Vergessenheit geratende griechisch-römische Antike: Ist Putin ein Wiedergänger des Königs Attila, dessen Hunnen Tod und Verderben über die zivilisierte Welt brachten, wenn man den zeitgenössischen Texten glauben darf? Zeigt sich in Trump ein neuer Caligula oder Nero? Oder ist er doch eher wie Caesar, wie Augustus?
Alle diese Varianten sind im Feuilleton, auch im deutschen, dutzendfach durchgespielt worden. Leute vom Fach, darunter der Verfasser, sind auf das Karussell der Analogien aufgesprungen und haben Bilder beschworen, die tief im kulturellen Gedächtnis verankert sind: Welcher Althistoriker denkt nicht an Neros Domus Aurea, wenn der US-Präsident einen Ballsaal ans Weiße Haus klatscht? Und wer kann der Versuchung widerstehen, das erpresserische Gehabe von Trump oder Putin mit der knallharten Realpolitik der Athener zu vergleichen, wie sie Thukydides’ Melierdialog unsterblich gemacht hat?
Einer, der ihr widersteht, ist der Bamberger Althistoriker Hartwin Brandt. „Aus der Geschichte lernt man – Geschichte“, zitiert Brandt Reinhart Koselleck. Koselleck meinte damit, dass Ciceros Weisheit, die Geschichte sei die Lehrmeisterin des Lebens, heutzutage keine Geltung mehr hat. Viel zu komplex seien die Zeitläufte geworden, als dass man glauben könne, da wiederhole sich womöglich etwas. Aus der Vergangenheit Lehren, gar eine Moral, ableiten zu wollen, sei unter solchen Umständen vermessen. Wenn die Geschichte eine Lektion bereithalte, dann die, dass alles menschliche Tun zeitgebunden ist.
Brandts Hinweis auf die Singularität allen historischen Geschehens ist sachlich so richtig, wie er intellektuell redlich ist. Doch beschreibt Kosellecks Satz nur einen Teil dessen, was Geschichte ausmacht. Daneben muss ein zweiter Aphorismus stehen. Er stammt von Jan Assmann und besagt, dass Geschichte „nicht um ihrer selbst willen“ erinnert wird.
Man kann sich als Historiker nicht darum herumdrücken, dass Geschichte ihren Sitz im Leben von uns heutigen Menschen hat, oder besser: sich ihren Platz im Leben jeder neuen Generation erobern muss. Ob es uns passt oder nicht: Wie wir auf unsere Vergangenheit (als Deutsche, Europäer, Weltbürger) blicken, findet seinen Widerhall im Identitätshaushalt unzähliger Menschen, auch solcher, die sich kaum für Geschichte interessieren. Darin liegt die besondere Verantwortung, aber auch die Chance von Historikern, über die Grenzen ihres Faches hinaus Wirkung zu entfalten.
Die Vermutung liegt nahe, dass deutsche Universitäten sich aus diesem Grund – und nicht, um Geschichte zu lernen – rund 1000 im weitesten Sinn historische Professuren leisten. Dass Geschichte nicht um ihrer selbst willen erinnert wird, steht hinter der hierzulande mit so viel Hingabe gepflegten Erinnerungskultur. Und es dürfte auch das Motiv dahinter sein, dass die Bundesländer noch immer zwei Stunden für das Fach Geschichte auf gymnasialen Stundentafeln vorhalten.
Brandt freilich geht es nicht um das Stiften von Identität, sondern von Erkenntnis. Weil Geschichte sich in lauter Singularitäten erschöpft, lässt sich aus historischen Analogien nichts lernen, schließt er. Jeder Vergleich ist unweigerlich schief. Schließlich ist Trump ein demokratisch gewählter Präsident, Nero war ein Despot im Purpur. Den Trump-Augustus-Vergleich des Kollegen Mischa Meier hält Brandt für untauglich, weil die beiden Persönlichkeiten einfach nicht zueinander passen wollen. Trump agiere „plump und aggressiv“, während Augustus den Informationsraum über dem römischen Imperium durch „anspruchsvolle Nutzung der medialen Möglichkeiten“ in seinem Sinn umgebaut habe.
Die Analogieschlüsse des FAZ-Journalisten Jannis Koltermann schließlich, der in den USA wie in Rom eine „Krise ohne Alternative“ heraufdämmern sieht, sind Brandt nichts als „oberflächliche Assoziationen ohne Erkenntniswert“. Was tut es schon zur Sache, wenn Trump wie Caesar ein großer Kommunikator ist und möglicherweise beide über Charisma verfügen?
Max Weber und das Charisma
Sind derlei Beschwörungen wirklich so oberflächlich? Nichts als eitle Hirngespinste womöglich ebenso eitler Althistoriker, die gerne public intellectuals wären? „Charisma“ ist ein Stichwort, das auf eine andere Deutungsebene führt. Charismatische Herrschaft ist einer von Max Webers „drei reinen Typen der legitimen Herrschaft“. „Das ewig Neue, Außerwerktägliche, Niedagewesene und die emotionale Hingenommenheit dadurch“ kennzeichnen für den Gründervater der Soziologie den charismatischen Herrscher.
Weber lehrt Historiker, dass sie fortwährend mit Begriffen hantieren, die Gleichheit suggerieren, wo in Wirklichkeit verwirrende Verschiedenartigkeit herrscht. Charisma ist solch ein Begriff und Herrschaft auch. Weber nennt diese Art von Begriffen Idealtypen. Sie sind Kopfgeburten des Wissenschaftlers, nicht Beschreibungen von Wirklichkeit.
Ohne Begriffe, Idealtypen, gelingt es uns nicht, Ordnung ins verwirrende Chaos der Wirklichkeit zu bringen. Jede Wissenschaft ist, zunächst einmal, die Reduktion von Komplexität, denn erst sie ebnet dem Verstehen den Weg. Weber war nicht nur ein großer Soziologe, sondern auch ein Historiker von Rang, aber der Sinn von Geschichte erschöpfte sich für ihn nicht in der Geschichte selbst. Sie war ihm ein gigantisches Repositorium von Idealtypen, aus dem sich in Hülle und Fülle Anschauungsmaterial gewinnen lässt.
Mit seiner Hilfe wiederum lässt sich das Räderwerk von Politik und Gesellschaft über Kultur- und Epochengrenzen auf abstrakte Begriffe bringen. Ohne Griff in diese Idealtypenkiste wären wir schon bei der Benennung von Phänomenen aufgeschmissen, die uns tagtäglich in der Tagesschau begegnen. Wir würden den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.
Hier liegt der tiefere Sinn historischer Analogien: Wir blenden die Bäume aus, um den Wald zu erkennen. Wenn ein Historiker die MAGA-Revolution (Vorsicht: Idealtypus) mit der Ersetzung des freien Kräftespiels der römischen Republik (Vorsicht: Idealtypus) durch die Monarchie (Vorsicht: Idealtypus) des augusteischen Prinzipats vergleicht, will er damit seinen Lesern nicht weismachen, beide Prozesse würden in jeder Hinsicht gleichförmig verlaufen. Er suggeriert auch nicht, bei beiden müsse am Ende ungefähr dasselbe herauskommen. Unser Historiker leistet lediglich zur Überwindung der Sprachlosigkeit im Angesicht von im Grunde noch unbeschreibbaren und daher auch nicht begreiflichen Phänomenen seinen bescheidenen Beitrag.
Weil Trump auch in seiner zweiten Präsidentschaft noch immer unverstanden und unverstehbar ist, hat der Verfasser in der SZ die Analogie mit Caligula bemüht. Denn der dritte römische Kaiser hat in der Geschichte einen selbst nach 2000 Jahren uneindeutigen Fußabdruck hinterlassen, der den historischen Caligula jedem Versuch entzieht, ihn zu dechiffrieren. War Caligula ein berserkernder Irrer, wie uns die antiken Quellen glauben machen wollen? Oder der monströs, aber rational agierende Machtpolitiker, als den ihn – durchaus im Einklang mit dem, was wir aus den antiken Texten wissen, aber gegen ihren Strich – der Historiker Aloys Winterling entwirft? Historische Quellen erschließen sich erst durch hermeneutische Ausdeutung, und so verhält es sich auch mit den Nachrichten, die uns aus dem Weißen Haus erreichen.
Brandt beklagt mit Recht, dass es nur noch „Schnipsel“ der Antike in Schule und Lehrerbildung schaffen. Doch während das so sein mag, wartet ein riesiges Feld darauf, von Gelehrten des Altertums bestellt zu werden. Es gibt in der Öffentlichkeit ein schier unersättliches Interesse an der Antike, und es wird nicht nur durch sinistre Gestalten wie Trump und Putin gespeist. Politische Analysten wie Saxer warten nur darauf, von Althistorikern mit Idealtypen beliefert zu werden. Gerade die Vereinnahmung der Antike durch das MAGA-Lager in den USA sollte uns hellhörig machen. Wir müssen erst wieder entdecken, wie politisch unsere Wissenschaft ist, und, nachdem wir es entdeckt haben, selbstbewusst den Weg in die Öffentlichkeit gehen.
Viele, auch diejenigen, die populäre, keine wissenschaftlichen, Zugänge zu Griechen und Römern suchen, haben ein waches Sensorium für das Potenzial der Antike. Dafür, dass in einer Epoche, die wir als Ganzes überblicken, von ihren zarten Anfängen bis zum bitteren Ende in der Völkerwanderung, etliche Schlüssel zum Begreifen einer unerträglich kompliziert gewordenen Gegenwart vergraben liegen. Historiker sollten ihnen helfen, die Schlüssel auszugraben und den Reichtum der Epoche zu entdecken, für die sie sich doch schließlich begeistern.
Jetzt haben Altertumswissenschaftler die Chance, der Öffentlichkeit vor Augen zu führen, wie viel die Antike uns gerade in der Wolfswelt von heute zu sagen hat – auch in einer Sprache, die jenseits des Elfenbeinturms verstanden und gelesen wird. Sie täten nicht gut daran, sich von historistischem Purismus bremsen zu lassen, der Geschichte nur um ihrer selbst willen erinnern mag und deshalb eigentlich eine Form des Nihilismus ist.
Michael Sommer ist Professor für Alte Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zuletzt erschien von ihm und Stefan von der Lahr das Buch „Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram“.
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