Ein Stöhnen, noch bevor wir etwas sehen. Gerade als sich der Verdacht einstellt, dass hier jemand im Off Sex hat, erscheint auf der soeben noch dunklen Leinwand ein Balken. Ein Mann hängt daran. Es ist das Stöhnen eines Sterbenden. Wenn man ihm das Genick nicht gleich richtig bricht, bekommt er eine Erektion, wissen die Kinder, die dem Ereignis beiwohnen und lachend auf die Hose des Gehängten zeigen. Selten hat eine erste Einstellung zwei scheinbar konträre Leitthemen so meisterhaft verknüpft wie diese: Erotik und Schmerz, Lust und Leid, Spaß und Demütigung, Liebe und Tod.
Cathy und Heathcliff heißt das vielleicht zweittragischste Liebespaar der Literatur- (und Film-)geschichte, gleich nach Romeo und Julia. Letzteren wird in einer der komischeren Szenen in Emerald Fennells „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ Tribut gezollt, als Isabella ihrem Bruder Linton beim Kaffeeklatsch im Garten ausführlich und mitfiebernd die Shakespearsche Handlung nacherzählt. Aufgrund eines Missverständnisses mussten die beiden, die sich wegen gesellschaftlicher Umstände nicht haben konnten, sterben.
Ein Missverständnis ist es auch, das Cathy (Margot Robbie), ein Mädchen aus gutem Hause, und ihren Adoptivbruder Heathcliff (Jacob Elordi), ein herkunftsloses Findelkind, auseinandertreibt. Er hat an der Tür gelauscht und mitangehört, wie Cathy dem Hausmädchen Nelly (Hong Chau) gestand, den Antrag des reichen Linton angenommen zu haben, da sie einen wie Heathcliff niemals heiraten könne. Was er dabei nicht hörte, weil er erst zu spät kam und dann zu früh ging, war, dass Cathy eigentlich ihn liebt und nicht Linton.
Aber es ist nicht nur ein Missverständnis, das das Unglück in Gang bringt. Ebenso wenig wie es nur die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts ist mit ihren einengenden Konventionen. Es gibt da zusätzlich etwas, das tief in den Helden selbst verankert scheint, das sie immer wieder auseinanderreißt, nur um sie dann mit umso größerer Wucht wieder aufeinander stürzen zu lassen.
Es ist, so die überzeugende These dieser „Wuthering Heights“-Neuinterpretation, eine sadomasochistische Veranlagung, die Cathy und Heathcliff dazu bringt, sich bis zu ihrem Tod und darüber hinaus, gegenseitig Leid zuzufügen, aus dem sie wiederum eine perverse Form der Lust ziehen. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Emerald Fennell, die sich nach aufsehenerregenden Originalstoffen wie „Promising Young Woman“ und „Saltburn“ jetzt an den 1847 erschienenen Klassiker von Emily Brontë wagt, zieht diese Idee konsequent bis in alle Nebenfiguren und Konstellationen hinein durch.
Selbst die Beziehung zwischen der Haushälterin Nelly und ihrer Herrin Cathy lädt sie mit giftigen Untertönen auf. Die Ehe zwischen Heathcliff und Lintons Schwester Isabella (Alison Oliver) wird zur sadomasochistischen Kink-Beziehung, in der sich Isabella freiwillig zum Hündchen erniedrigen lässt, das an der Kette festgebunden Pfötchen gibt und sich von Anfang an im Klaren darüber ist, dass ihr Mann sie nur geheiratet hat, um sich an einer anderen zu rächen – ja, sie hat sogar, so Konsens-Zeitgeist-erprobt ist diese „Fifty Shades of Grey“-Kostüm-Variante, ihr explizites Einverständnis zu dieser den sexuellen Rahmen sprengenden Form der Demütigungsbeziehung gegeben.
Selbst Cathys Verhältnis zu ihrem Vater, den Fennell, von der Romanvorlage abweichend, zum autoritären Alkoholkranken stilisiert, ist von Gesten gegenseitiger Beschämung geprägt. Und sogar die Angestellten leben ihre Affäre im Stall mit Peitschenhieben aus, stacheln sich mit SM-Vokabular wie „Braves Mädchen“ und „Böses Mädchen“ an. Korsette werden so eng geschnürt, dass der Atem stockt, Handinnenflächen mit Nadeln blutig geschnitten und Pferdegeschirr im Menschenmund festgezogen. Teig geknetet, Eier zerdrückt, Fischrachen gefingert.
Zeitgemäß, emotional, stilsicher
Wie also schlägt sich diese „Wuthering Heights“-Verfilmung im Vergleich mit ihren Vorgängern? Je neuer die Interpretationen wurden, desto mehr neigten sie dazu, das Schicksal der zweiten Generation, die fast die Hälfte des Romans ausmacht, wegzulassen – also die Geschichte von Cathys Tochter und deren Liebesmüh. Auch Fennell hat sich dazu entschieden, mit Cathys Tod zu enden. Ein Kind gibt es nicht mehr. Die Trauma-Kette bricht ab.
Interessant ist außerdem, was Fennell mit der zweiten Erzählerin Nelly macht (den ersten Erzähler, den fremden Besucher der Sturmhöhe, lässt sie klugerweise wie die meisten Verfilmungen weg), die nicht nur zur allwissenden Beobachterin mutiert, sondern auch zur kalkulierenden Strippenzieherin mit eigenen niederen Neigungen. „Dir gefällt es, mich weinen zu sehen“, wirft Cathy Nelly vor. „Nicht so sehr, wie es dir gefällt, zu weinen“, kontert Nelly. Als Cathy sie feuert und Nelly daraufhin fragt „Wohin soll ich denn gehen?“, erwidert die Herrin kalt: „Das kümmert mich nicht“.
Nicht nur hier zitiert Fennells Melodram das epische Genre-Vorbild „Vom Winde verweht“ und seine legendäre Schlussmach-Szene. Sondern neben den inhaltlichen Parallelen der toxischen On-off-Beziehung ruft sie auch ästhetisch Victor Flemings Farbenspektakel von 1939, also den Anfängen des Farbfilms, auf den Plan. Da ist der knallrote Abendhimmel, vor deren Hintergrund sich die Schatten der Liebenden abzeichnen. Weiße Kleider mit vom Schweineschlachten blutrotem Saum. Da sind die preiswürdigen Inneneinrichtungen, die wie für Instagram gemacht scheinen, in Grün, Pink, Rot. Wände in der Farbe von Cathys Haut inklusive ihrer Sommersprossen und Venen. Überhaupt, Cathys Haut und ihre Tränen und ihre Lippen! Man hat schon verruchtere Heathcliffs (Ralph Fiennes 1992, Tom Hardy 2009) gesehen als den etwas unbeholfenen Jacob Elordi und ernstzunehmendere Lintons als Shazad Latif (Andrew Lincoln 2009), aber vielleicht noch keine so vollkommene Cathy wie Margot Robbie. So viel Spaß wie Robbie und ihre Cathy am Weinen haben, so viel naive Freude gönnt Fennell ihnen auch am prunkvollen Luxus.
Vom Bühnenbild über die Kostüme bis zum düster-melancholischen Original-Soundtrack von Charli XCX – alles ist hier mit größtmöglicher Sorgfalt und Hingabe ans Gefühl inszeniert. Jeder Blick, jeder Fleck, jeder Satz sitzt. Opernhaft-theatralische Bilder wie die der bleichen Leiche, über deren Gesicht Blutegel bis auf die Wände krabbeln, sowie die der roten Blutspur, die von ihrem Schoß übers Bett bis auf den Boden führt, dominieren das Geschehen.
Zugegeben, die wilde, raue Natur der Wuthering Heights sieht dagegen blass aus. So fest geschnürt wie Cathys Korsett wirkt die gesamte Inszenierung. Nichts ist hier ungezähmt, rau oder natürlich. Selbst der Ort in der weiten Landschaft, an dem sich die Liebenden wiederholt zum Stelldichein treffen, ist mit einem quadratischen Bogen versehen. Es sind statische, stets durch Fenster, Türen und Wände gerahmte Bilder, die man als Hinweis auf die Konstruiertheit von Liebe deuten mag, als Fiktionsmarker im Sinne der doppelten Rahmenhandlung des Romans oder aber als verzweifeltes Bemühen, das Unbezwingbare zu bezwingen. Denn die Flüssigkeiten fließen trotzdem, allen Einschließungsversuchen zum Trotz. Die Tränen, der Schweiß, das Sperma, das Blut.
Ist das nun ein Hausfrauen-Sehnsüchte befriedigender Gefühlsporno a la „Fifty Shades of Grey“? Selbstreflexiv-überstilisierter Camp a la „Barbie“? Ein soapiges Young-Adult-Guilty-Pleasure a la „Maxton Hall“? Oder gar ein Meisterwerk, das die Renaissance des Melodrams in einer gefühlsarmen Gegenwart einläutet, so ähnlich wie „La La Land“ dem längst totgesagten Musicalfilm zu neuem Ansehen verhalf?
„Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich“, wiederholen Cathy und Heathcliff beim Sex wie ein Mantra. Man kann das zu viel finden, so wie man die Explizitheit der Metaphern oder die übererklärenden Dialoge zu viel finden kann. Aber es ist genau dieses Zuviel, das einen unwiderstehlichen Bann erzeugt. Es macht aus einer längst leer gewordenen Floskel eine berauschende Beschwörungsformel. Ich liebe dich bis zum Tod, das reicht eben nicht. Es muss schon über den Tod hinaus sein. Für immer. Für immer. Für immer.
Der Film „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ läuft ab dem 12. Februar im Kino.
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