Im Leben eines wohl jeden Mannes kommt es einmal zu diesem Gedankengang: dass es eine Unmöglichkeit sei, vor den eigenen Eltern zu sterben, sei es durch die eigene Hand oder auf „natürlichem“ Wege. Wenn es nicht der Glaube ist, der einen davon abhält, so doch eine Figur, die untrennbar mit dem christlichen Glauben verbunden ist, nämlich die Pietà, die Gottesmutter mit dem toten Christus. Es ist eine negative Rechtfertigungslehre: Die Schulden mögen noch so erdrückend, eine Erkrankung noch so fatal, das Leben noch so verkorkst sein – den Eltern, in Sonderheit der Mutter zuzumuten, den Leichnam des eigenen Sohnes in Empfang zu nehmen, ist vielleicht das größte intergenerationale Tabu, spiegelbildlich zum Inzestverbot. „Man“ macht es nicht, es koste, was es koste.

Robert Menasse nun konfrontiert die Hauptfigur seiner neuen Novelle „Die Lebensentscheidung“ mit diesem Gedankengang. Dass und wie er es tut, zeugt von einer schriftstellerischen und intellektuellen Größe, die aus der heutigen Literaturszene mit ihrem Befindlichkeitsfetisch und ihrer penetranten Viertelbildung so gut wie verschwunden ist.

Selbstredend lässt Menasse auch sein neuestes literarisches Werk „in Europa“ spielen, sprich im Brüsseler Eurokratenmilieu. Der österreichische Schriftsteller („Die Hauptstadt“) ist mit seinen Romanen und Schriften seit Jahren ein emphatischer Verteidiger Europas (Anm. d. Redaktion: bis hin zu konstruierten Walter-Hallstein-Zitaten, die 2019 für eine Debatte sorgten).

Als Erzähler spielt Menasse einen Fundus an klassischer und historischer Bildung aus, der – natürlich – auch eine performative Funktion hat. Und zwar nicht nur für die Handlung, sondern um zu zeigen, was das Fundament Europas ist: sein humanistisches Weltbild, das in dem, was eine immer schmaler werdende Schicht als klassische Bildung kennt, kanonisiert und kodifiziert ist.

„Niemand kann mich vor meiner Zeit in die Unterwelt drängen“, sagt die Mutter von Franz Fiala, dem Held dieser Geschichte, zu ihrem Sohn. Das Mutter-Sohn-Gespann trägt die Erzählung, Franz Fiala ist 58 Jahre alt, Beamter in der EU-Kommission und auf dem Sprung, seine Karriere ad acta zu legen und, üppig pensioniert, „ein neues Leben“ anzufangen. Wo es Fiala im Sumpf von Opportunismus und Korruption immer schwerer fällt, seinen Idealismus zu bewahren, verdankt er der bildungsbeflissenen Mutter seine Kultur und seine Moral. Bildungsbürgertum formierte sich in diesen Kreisen vor allem mütterlicherseits: Der Mann war Geld verdienen, die Mutter aber hat Bücher gelesen und die Kinder abgehört („das Rhythmisieren, wie beim Aufsagen eines Gedichts, das war ihr Trick: li-ti-gare streiten hadern zanken“) und „nebenbei“ auch noch den Haushalt erledigt.

Die Mutter kennt ihren Homer

Die Mutter, bald 90, kennt ihren Homer, wie sie auch Schiller, Heine und die Droste kennt und sich vom Sohn in Massenets „Werther“ einladen lässt (etwas, wofür der Vater niemals Geld hinausgeworfen hätte). Es ist die Abschiedsrede Hektors an Andromache aus dem sechsten Gesang der „Ilias“, den sie an entscheidender Stelle zitiert. Ausgestellter Bildungsfundus ist Teil der Geschichte, denn es ist genau diese Schicht, die Europa trägt: ein – oftmals in nur einer Generation aufgestiegenes, dabei aber die Bildung vor den Besitz stellendes – Kulturbürgertum. Eingekeilt zwischen einem Wutbürgertum, das unter den Fenstern von Fialas Brüsseler Büro in Gestalt wütender Bauern „gegen Brüssel“ demonstriert, und einer Vermögenselite, die ihre Schäfchen ohnehin im Trockenen hat.

Der Sohn meint es gut mit der Mutter, aber auch mit sich, denn er hat die Donquichotterie seiner EU-Existenz satt: Er will jetzt endlich leben, seinem Brüsseler Love Interest mit dem sprechenden Namen Nathalie, einer geschliffenen Großbürgerstochter, einen Heiratsantrag machen und Wien, wo er nach all den Jahren immer noch seine Hauptwohnung hat, langsam hinter sich lassen. Dann aber – Nathalie will sich die Antwort auf seinen Antrag noch überlegen – ereilt ihn die Diagnose: Pankreaskarzinom.

Der Leser weiß, was diese Diagnose bedeutet, nämlich ein Todesurteil, fatum inexorabile, auch heute noch. Für Fiala aber heißt es nun, weiterleben, egal wie, nicht vor der Mutter sterben, sie um jeden Preis überleben, und ihr natürlich die Diagnose selbst verheimlichen. Aus der Lebensentscheidung im trivialen Sinne eines Once-in-a-lifetime-Dings wird eine Entscheidung für das Leben.

Es ist ein heroischer und tragischer Dezisionismus, den der Held hier wählt und den man getrost vor dem Hintergrund des falschen, brutalen politischen Dezisionismus von Mob und Elite, gegen den Menasse sich in seinen Streitschriften wendet, lesen kann. Fiala will leben, weil er es muss, es ist ein Plädoyer gegen den Freitod, aber auch gegen jene Todessehnsucht, die sich in der autoritären Revolte heute politisch Bahn bricht. Es ist ein pragmatisches und darum ganz heroisches Überlebenwollen, das – natürlich – enttäuscht wird: Menasse lässt seinen Franz Fiala (tschechisch für Veilchen und auch das Pseudonym des großen Geschichtsphilosophen Karl Löwith) sterben, damit der europäische Traum, ein weiblicher Traum, weitergeträumt werden kann.

Europa – ein weiblicher Traum?

Die alte Frau Fiala mit dem Leichnam des Sohnes im Schoß als Himmelskönigin Europas, deren Fürsprache der schwankende Kontinent anvertraut wird, so kann man die Schlussszene und die ganze Erzählung lesen: Sozialhistorisch waren es die Mütter, die mit ihrem ungeheuren Kulturwillen und ihrer moral education die Rohheit des Weltkriegszeitalters in Milde gewandelt und die Söhne und Enkel von staatlich dressierten Gewalttätern zu Humanisten erzogen haben.

„Politik“, reflektiert Fiala, „ist der Überlebenskampf der Prinzipienlosen. Und Demokratie? Idioten rennen Kriminellen nach, die Phrasen dreschende Regierungsdarsteller vor sich hertreiben.“ Vielleicht auch damit dies nicht das letzte Wort bleibe, nimmt Fiala den Opfertod im Gewand des medizinischen Zufalls auf sich. Im Mythos ist Europa eine phönizische Prinzessin, deren Bruder Kadmos auf der Suche nach der geraubten Schwester nach Griechenland kommt und dort aus den Zähnen eines erschlagenen Drachen eine Saat legt, auf der er Theben, also „Europa“ gründet; indem die Mutter das Sterben ihres Sohnes Kadmos/Franz beschleunigt, nimmt sie der Drachensaat die Zähne und dem Tod, über den sie so die Tatherrschaft behält, den Stachel, und so auch dem Tod, den die Resignation des Idealisten vor der Welt bedeutet.

„Wer aber verzweifelt stirbt“, schreibt Adorno, „dessen ganzes Leben war umsonst“; Franz Fiala stirbt nicht verzweifelt, dank der Mutter, und so kann vielleicht auch Europa weiterleben, ohne zu verzweifeln.

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle. Suhrkamp, 158 Seiten, 22 Euro

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