Lange, bevor vor es die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ gab, machte sie ihr Versprechen öffentlich: „Wir sprechen nicht über den Osten, sondern für ihn.“ Ein so großzügiges wie zweideutiges Angebot. Gegen die Übermacht der Westmedien wendet sich eine Zeitung in den offenbar für immer neuen Ländern ausschließlich den eigenen Lesern zu. Und nicht nur das: Sie will auch ihre Stimme sein im ewigen Streit zwischen den Ost- und Westdeutschen.
Seit Freitag, seit dem Wochenende ist sie da, die „OAZ“, mit einem Megafon in voller Größe auf dem Titel und dem Warnruf „Vorsicht, Freiheit“. Unter dem in klassischer Fraktur gesetzten Namen mit seinem in Rot hervorgehobenem O steht, „Pentacon statt Pentagon“, wo sie gemacht wird: im am Vorabend der deutschen Einheit von der Treuhand liquidierten Dresdner Kamerawerk.
Ein weiterer Anriss auf der Titelseite zeilt „Er wäre gerne Ossi“ und führt zum seltsamsten Gastbeitrag der ersten Ausgabe. Der Schriftsteller Christian Baron, geboren 1985 in der Pfalz, erklärt ausführlich, warum er kein Wessi mehr sein wolle und sich nach einer Identität sehnt, die seinen Lesern vergönnt ist, von Geburt an oder durch die Gnade ihrer Herkunft. „Ja, die DDR war eine Diktatur, die man sich in ihrem Zustand des Jahres 1989 nicht zurückwünschen sollte. Und doch ging es dort in vielerlei Hinsicht gerechter zu als in der heutigen BRD“, schreibt er, der Autor des Romans „Ein Mann seiner Klasse“ und ein Kind der südwestdeutschen Unterschicht. Gesundheitssystem, Kinderbetreuung, Bildungspolitik, Vermögensverteilung, Recht auf Arbeit.
Ihm, Baron, ist auch bewusst, dass die sozialen Segnungen der DDR auch ihre Schatten warfen und das Land am Ende ruinierten. Aber er fände es schön, wenn sich die Ostdeutschen wieder daran erinnerten, statt für die AfD zu stimmen. Sie wären, das Narrativ zieht sich durch die gesamte „OAZ“, die Avantgarde: „Weil sie in einer Diktatur gelernt haben, Zwischentöne wahrzunehmen. Jene Zwischentöne, die heute die Meinungsfreiheit schleifen, die Militarisierung vorantreiben und die Armen noch ärmer machen sollen, ohne dass es denen auffällt, die laustark ‚unsere Demokratie‘ verteidigen und sich dabei moralisch überlegen fühlen.“ Dafür, für die weitsichtigeren und weiseren Ossis, ist das Megafon auf Seite eins gedacht.
Begründet wurde die „Ostdeutsche Allgemeine“ als Idee schon im vergangenen Herbst von Holger Friedrich, dem Verleger der „Berliner Zeitung“. Selbst im Osten aufgewachsen, übernahm der Software-Unternehmer den Verlag der ehemaligen Parteizeitung der SED und später unvollendeten „deutschen Washington Post“ vor sieben Jahren. Aus dem Plan, die ehemaligen Parteibezirksblätter der DDR, von „Freies Wort“ bis „Volkswacht“, wiederzubeleben, wurde dann doch nichts.
Die „Osterweiterung“ (Friedrich) seiner „Berliner Zeitung“ liegt nun als gedruckte „OAZ“ am Wochenende in den Läden, erscheint zweimal wöchentlich als E-Paper und ständig aktualisiert als digitales Medium wie alle anderen im Land. Mit einem Gag: Wer auf die winzige Banane im Menü klickt, landet auf der Seite eines Gurkenzüchters aus dem Spreewald. Im Monat des Mauerfalls machte sich die „Titanic“ über „Zonen-Gaby“ lustig, ihre erste Westbanane war eine geschälte Gurke.
Das Leichte und Heitere allerdings liegt der „Ostdeutschen Allgemeinen“ weniger. Dafür ist ihr das eigene Anliegen zu ernst. Silke und Holger Friedrich, die Verleger, äußern sich dazu auf einer ganzen Seite unter der Rubrik „Debatte“: „Den kommunikativen Flurschaden haben die wenig vornehm agierenden Herausgeber der ‚FAZ‘, der ‚Süddeutschen‘, der ‚taz‘, der ‚Zeit‘ und des ‚Spiegels‘ zu verantworten. Sie hatten die Möglichkeit, zum Diskurs einzuladen und das transformatorische Wissen der Ostdeutschen zu heben. Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden.“
Da haben die Friedrichs nicht Unrecht. „FAZ“ und „Süddeutsche“ ließen den Osten früher links und lassen ihn heute rechts liegen. Für den „Spiegel“ wird der Osten interessant, wenn er Probleme macht, als „Dunkeldeutschland“ und als einig Volk von Anglerhütchenpatrioten, oder wenn ihn kauzige Kolumnisten aus dem Osten kleinschreiben. Die „Zeit“ leistet sich ihre „Zeit im Osten“ für die Leser in den neuen Ländern, was es auch nicht besser macht. Auch WELT hat bisher nicht gerade als Organ des Ostens auf sich aufmerksam gemacht.
Die Friedrichs erinnern an das Schicksal der „Ost-taz“ vor 33 Jahren. Es war die erste und bis zur „OAZ“ heute auch letzte Gründung eines Ostmediums. Jetzt sei die Zeit reifer als reif, um „ostdeutschen Stereotypen energischer zu widersprechen, Repräsentationslücken zu schließen und eine ostdeutsche Erzählung zu verstärken“. Wörtlich gegen Denunziation, Verzerrung, Unfug, Beißreflexe und Stigmatisierung, für Respekt und Selbstachtung. Der Osten sei zur „Geisel eines politischen und medialen Opportunismus“ geworden. Jetzt erst recht: „Mit den Worten Schopenhauers: ‚Jede Wahrheit durchläuft drei Stadien. Zuerst wird sie verspottet. Dann wird sie bekämpft. Und schließlich als selbstverständlich akzeptiert.‘ Die ‚OAZ‘ läutet Phase 3 ein.“
Die dritte Phase der ostdeutschen Wahrheit fängt also mit einem Weckruf für die Meinungsfreiheit an. Im Editorial erklärt Dorian Baganz als Chefredakteur: „Gerade die ostdeutsche Geschichte lehrt: Die ‚richtige‘ Meinung von heute kann morgen schon verpönt sein.“ Er wirbt für ein anderes Publikum, als jenes „bildungsbürgerliche, großstädtische“, das die Westmedien bedienen würden. Eine Zeitung für ein Land der kleinen Leute, die endlich meinen, denken, sagen und lesen dürfen, was sie wollen. Optimistisches und Positives aus den angeschlossenen Regionen über sächsische Soldaten, sächsisches Silizium, Stars aus Thüringen. Aber auch Ärgerliches wie EU-Schulden, Corona-Aufarbeitung und Sanktionen gegen Russland.
„Ostdeutschland“ nennt die „Ostdeutsche Allgemeine“ ein ganzes, ihr zweites Buch im Blatt. Dirk Jehmlich, der Geschäftsführer des Ostdeutschen Verlags, begrüßt die Leser wie das Aschenbrödel im Märchen von den „Drei Haselnüssen“ mit einem Rätsel, das keines sein will: „Es hat ein Silicon Valley, aber Kalifornien ist es nicht.“ „Es hat die schönsten FFK-Strände, aber Frankreich ist es nicht.“ „Es ist mein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber Amerika ist es nicht.“
Es folgt ein Interview mit Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der sagt, Russland sei im Krieg nicht zu besiegen. Tino Chrupalla von der AfD besuchen sie in Weißwasser und lassen sich von ihm sein Simson-Moped zeigen. Holger Friedrich und Dorian Baganz führen ein Gespräch mit Stefan Lehmann, einem ehemaligen Dresdner Dynamo-Ultra, der heute zu Yoga und Meditation rät, und dem Fotografen Ulrich Mühe über Fußball und den Schlachtruf „Ost, Ost, Ostdeutschland!“ als Chefsache.
Inflationär durchziehen die erste „Ostdeutsche Allgemeine“ Selbstauskünfte in allen Formaten. Zwischen Editorial des Chefs und Essay der Verleger wird auf einer Seite aufgelistet, was die Zeitung sein und leisten will. Die Widersprüche, die sich dabei auftun, hält sie aus. „Eine neue Zeitung braucht einen klaren Kurs“, einen „publizistischen Kompass“ mit „ostdeutschen Perspektiven als Arbeitsgrundlage“ und „Widerstand“: „Wir tun mitunter Dinge, die auf den ersten Blick falsch wirken. Nicht, weil wir Irritation suchen, sondern weil wir überzeugt sind, dass Erkenntnis oft dort beginnt, wo Gewissheiten ins Wanken geraten“, heißt es einerseits, „viele unserer Entscheidungen beginnen mit Minderheitenmeinungen“. Andererseits verspricht die Redaktion „sauberes Handwerk“, „Kontext vor Kommentar“ und „keine vorgefertigten Erzählungen“.
Leicht ist das nicht, wie bereits die „Berliner Zeitung“ unter Holger Friedrich zeigt. Ob man es Kompass nennt, Agenda oder Richtlinie: Sie lassen sich die DDR nicht schlechtreden von niemandem und Russland auch nicht. Für die Meinungsfreiheit, die sie auf der Titelseite der „Ostdeutschen Allgemeinen“ mit dem Megafon verteidigen, bürgt nicht nur Christian Baron mit seiner unstillbaren Sehnsucht danach, in der DDR gelebt zu haben, wo nicht wenige lieber Wessis gewesen wären.
Florian Warweg, der sich auf den „Nachdenkseiten“, für die er sonst aus der Bundespressekonferenz berichtet, als „nicht neutraler Chronist“ und „Wahrheits-Störfaktor“ bezeichnen lässt, schreibt, wie der Medienmainstream ihm die Arbeit dort erschwert durch die „stille Zensur“. Über die zunehmende Angst vor eigenen, freien Meinungen schreibt Thomas Fassbender, früher bei „Russia Today“, über den Meinungskorridor, der sich durch die Kulturkämpfe, durch Genderei und Wokeness, immer mehr verenge. Auch die „OAZ“ pflegt ihren Meinungskorridor, in die sie ihre Leser einlädt.
Karikiert wird auch unter der Rubrik „Endlich sagt’s mal einer“. Eine schlecht gelaunte „FAZ“-, „Zeit“- oder „Spiegel“-Redaktion beugt sich in ihrer Morgenkonferenz über die „OAZ“ und sagt: „‚Ostdeutsches Leitmedium‘ – Da ist die Spaltung schon impliziert, das stuft die gesamtdeutschen Leitmedien herab zu westdeutschen.“ Jetzt ist der Wessi mal der andere, auch wenn ihn die „Ostdeutsche Allgemeine“ ausdrücklich nicht anspricht. Auch nicht, wenn von „Westalgie“ die Rede ist, ein Leitmotiv der neuen Zeitung. Westalgie ist ein Gefühl des Umbruchs, das der Osten dem Westen voraus hat, siehe oben unter „Avantgarde“. Hier wird der Westen zum Problem.
„Man muss sich ordentlich separieren, bevor man sich ordentlich vereinigen kann“, sagt Holger Friedrich im WELT-Interview zu seiner Zeitung, zur Stimme des Ostens. Die „Ostdeutsche Allgemeine“ will ein Medium sein, dass nicht nur für den Osten schreibt, sondern auch für ihn spricht.
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