Die Frage nach dem Bösen und wie es über den Menschen kommt, wie es ihn dazu bringt, des Menschen Wolf zu werden und ob Zivilisation ein wirklich wirksamer Schutz ist gegen die Barbarei, ist immer aktuell. Hat aber in Krisen- und in Kriegszeiten wie den gegenwärtigen erfahrungsgemäß besonders Konjunktur.
Irgendwo muss sie ja herkommen, die Zerstörungswut, die giftig ist, Gesellschaften auflöst und vor allem männlich zu sein scheint. Gegenwärtig durchforsten etwa Psychologen Millionen von Datensätzen, werten Hunderttausende von Fragebögen weltweit aus, um den D-Faktor zu bestimmen. Der (D steht für Dark) zeigt, welchen Anteil die „Essenz des Bösen“ hat an der Seele, dem Wesen von jedem einzelnen von uns.
So lag es einigermaßen nahe, dass sich die BBC, möglicherweise ihrer eigenen Jane-Austen-Verfilmungen überdrüssig, auf der inzwischen fast verzweifelten Suche nach Serienstoff daran erinnerte, dass es da doch William Goldings „Herr der Fliegen“ (im englischen Original „Lord of the Flies“) gibt. Diesen 1954 noch aus dem Schatten des Zweiten Weltkriegs heraus erschienen Debütroman aus dem wahren Herzen der menschlichen Finsternis, der sich um beinahe nichts dreht als um den Triumphzug des Bösen über alle Brandmauern der Menschlichkeit. Und den jeder – selbst im deutschen Englisch-Unterricht – gelesen hat, spätestens seit sein Autor 1983 für ihn den Literaturnobelpreis bekam.
Ebenfalls ziemlich nahe lag, die Geschichte von dem halben Hundert britischer Jungs, die in den frühen 1950ern auf der Flucht vor einem Atomkrieg mit dem Flugzeug über einer einsamen Insel abstürzen und – sich ohne Erwachsene selbst überlassen – am Ende übereinander herfallen, Jack Thorne zu übertragen. Von dem – geradezu ein Getriebener unter den Drehbuchschreibern – wissen wir zwar nicht den D-Faktor, kennen aber seine Faszination am Bösen in (männlichen) Jugendlichen.
Seit „Adolescence“, dem Netflix-Serie über Jamie, einen 13-jährigen Gewalttäter, die 2025 mehrere Serien-Preise bekam, weltweit gefeiert und gestreamt wurde. Und die Diskussion um Frauenfeindlichkeit, toxische Männlichkeit unter Pubertierenden und um die strafrechtliche Verfolgung ihrer Taten auf ein ganz neues Niveau gebracht hat.
William Golding, der Naturwissenschaftler und Lehrer war und als britischer Marine-Soldat beteiligt an der Landung in der Normandie, war immer sehr klar in seinem Menschenbild. Ihn, der mit 18 eine 15-Jährige zum Sex zwingen wollte, weil er sie für moralisch verkommen hielt, grauste es vor sich selbst. Wenn er in Deutschland auf die Welt gekommen wäre, war er sich sicher, wäre er Nationalsozialist gewesen. Was in Deutschland passierte, war er sich genauso sicher, könnte überall passieren. „Der zivilisierte Mensch“, hat er mal gesagt, „ist dem von sich selbst geschaffenen Bösen verfallen.“
Besonders auf die Nerven ging ihm die Britishness. Dieses Gewese um Werte und Männlichkeit und Tapferkeit, das es beispielsweise mit Robert Michael Ballantynes Roman „Die Koralleninsel“ an die Bettkanten des Empire geschafft hatte. Einer Robinsonade von drei Jungs, die auf einer Pazifikinsel stranden. Golding soll sich nach dem Ballantyne-Vorlesen einmal derart über das Buch echauffiert haben, dass er seine Frau fragte, ob er nicht – die eigenen Erfahrungen des Weltkriegs im Rücken – eine Anti-Geschichte schreiben sollte. Tat er mit dem „Lord of the Flies“.
Britische Jungs können das besser
Von der Britishness bleibt nichts mehr übrig an dessen Ende. Der Offizier, der jene völlig verwahrlosten Jungs vom abgebrannten, moralisch ausgeweideten Paradieseiland rettet, die noch übrig sind vom Ausbruch der Barbarei, sagt, er habe „angenommen, dass eine Horde britischer Jungs in der Lage wäre, das besser hinzukriegen, als das hier – also wirklich …“.
Die Sätze sagt der Offizier, in makelloses Weiß gekleidet, auch in Jack Thornes Vierteiler, der jetzt auf Sky startet. Während eine Horde von blutüberströmten, in archaische Krieger verwandelten Jungen mit Geheul aus dem Dschungel brechen, die keine vier Serienstunden früher zumindest zur Hälfte noch in knöchellange schwarze Umhänge gewandete Chorknaben aus Canterbury waren. Es sagen überhaupt alle, was sie im Buch sagen. Viel ist es ja nicht. Thorne hatte die Erlaubnis der Golding-Erben eingeholt, was für Serienadaptionen nicht immer ein Segen ist. Für „Herr der Fliegen“ war es keiner.
Thorne folgt vier Zentralfiguren durch Goldings Geschichte: Piggy (David McKenna), dem Hüter von Zivilisation und Demokratie, Jack (Lox Pratt, Draco Malfoy in der künftigen „Harry Potter“-Serie), dem Anführer der Jäger, dem personifizierten Bösen, Simon (Ike Talbut), dem ambivalentesten der Protagonisten, und Ralph (Winston Sawyers), dem am Ende scheiternden Chef. Damit war seine Arbeit weitgehend erledigt.
Den Rest hat er dem Kameramann Mark Wolf überlassen. Der erzählt diese Geschichte aus dem Versuchslabor der Menschlichkeit. Wolf ist für den Horror verantwortlich, dem man sich kaum entziehen kann. Er ist das geheimnisvolle Biest, vor dem gerade die Knirpse unter den Gestrandeten eine furchtbare Angst haben.
Er stürzt aus dem Himmel in die grüne Hölle. Folgt den Figuren. Er ist immer um sie herum. Hinter ihnen her. Er sieht alles. Er lässt die Ränder der Bilder verwischen und die Hintergründe. Die Farben toxisch leuchten. In einem Grün vor allem, das einem die Augen vergiftet. In einem Rot, das die Insel brennen lässt, lange bevor sie es tut.
Das Paradies, das Mark Wolf ablichtet, möchte man von der ersten Sekunde, von dem Moment an, als er aus dem Dickicht auf den am Boden liegenden Piggy zoomt, sofort verlassen.
Er tut, was eigentlich Jack Thornes Job gewesen wäre, erzählt die Geschichte, leuchtet immer wieder die Gesichter aus. Man sieht Jack und Piggy und Simon und Ralph und all die anderen immer wieder in Großaufnahme aufleuchten, streift an ihren Porträts vorbei wie an der Wand einer Galerie. Mark Wolf untersucht sie, leuchtet in ihre Seelen, forscht nach irgendetwas, das unkorrumpierbar ist für das Böse, irgendwelchen Zweifeln, Ambivalenzen.
An denen herrscht auf Thornes Insel ein eklatanter Mangel. Der möglicherweise schon von der Vorlage herrührt. Die war sich ihrer Haltung auch zu sicher. Auch die litt schon unter einem Überangebot von Metaphern und Symbolen.
Thornes Serie – die von Marc Munden inszeniert wurde – schreit einen praktisch in jeder Sekunde noch aus den hintersten Ecken aller Gewerke an. Stellt heraus, was man von ihr zu halten hat und wie es ausgeht. Wer es nicht ohnehin schon aus dem Unterricht weiß, dem schicken Munden, Thorne und Wolf praktisch von der ersten Einstellung an ein derartiges Überangebot an Menetekeln auf den Bildschirm, dass man von dem Beziehungsreichtum relativ bald eine latente Übelkeit und von der Lautstärke der Verweise eine gewisse Seelentaubheit entwickelt.
Greifvögel kreisen, es wetterleuchtet, als herrsche Krieg hinterm Horizont, es regnet immer zur rechten Zeit. Wie die Jungs ihre Britishness ablegen, spiegelt sich in der allmählichen Archaisierung ihrer Klamotten. Und im Soundtrack – der sich am Anfang ausnimmt wie ein Young Persons Guide durch die britische Sinfonik des 20. Jahrhunderts, sich dann zunehmend in eine pumpende, hämmernde Gruselmusik verwandelt.
Die Härte, die Unnachgiebigkeit, mit der Thorne und Munden Goldings Geschichte illustrieren (von Interpretation ist im Dschungel der Bilder kaum eine Spur), hätte ja etwas gehabt, hätten sie sich getraut, das Golding’sche Menschenbild so radikal auszustellen, wie sie die Geschichte ausleuchten – tun sie aber nicht.
Der Mensch ist böse von Geburt an
Die Basis vom „Herr der Fliegen“ ist: Den Mensch, wenn er tun kann, was er will und was seine Natur ist, schützt nichts vor der ihm angeborenen Barbarei. Im Gegensatz zu den Psychologen, die nach dem D-Faktor forschen und davon ausgehen, dass 25 Prozent des Bösen im Menschen genetisch bedingt sind, zweifelte Golding weitgehend komplett die umweltgemachte, sozial gelernte Boshaftigkeit an. Der Mensch, war er überzeugt, ist böse von Geburt an. Resozialisierungsprogramme sind zwecklos, Therapien auch.
Thorne öffnet uns, die wir trotz allem ans Gute im Menschen glauben, eine Hintertür. Er bleibt nicht auf der Insel und schaut wie ein Ethnologe zu, was geschieht. Er erzählt Hintergrundgeschichten. Von Piggy, dem Waisenkind. Von Simon, der samt seiner Mutter von einem toxischen Vater missbraucht wird. Von Ralph, der seine Mutter verliert und zu früh erwachsen werden muss, weil der Vater ihn braucht. Von Jack, der als Prinz der Finsternis aus einer Kältekammer von Familie kommt.
Da ist doch therapeutisch was zu machen. Wenn man daran glaubt, dass Traumata nicht vererbt werden. Und heilbar sind. Das gibt Hoffnung für die Jungen, die am Ende ihre Speere fallen lassen und ins Boot klettern, das sie aufs Kriegsschiff bringt. Ihr D-Faktor ist – von Jack mal abgesehen – vielleicht doch nicht so hoch.
Die Serie „Lord of the Flies“ läuft ab 24. Februar 2026 auf Sky.
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