Anfang April 1947 trafen sich eine Frau und 38 Männer in der Schweiz, um in einem vornehmen Hotel am Mont Pèlerin zu diskutieren. Der Ökonom Friedrich August von Hayek hatte Menschen geladen, die sich dem Liberalismus verpflichtet fühlen, um über die Zukunft zu sprechen, darunter den Philosophen Karl Popper, Milton Friedman und den sozialen Marktwirtschaftler Wilhelm Röpke.
Es wurde, wenn nicht die Geburtsstunde, so doch die Gründungsfeier des Neoliberalismus, denn die neu gegründete Mont Pèlerin Society nahm sich vor, die Kunde für kommende Generationen zu verbreiten. Zugleich ist es die älteste Unsternstunde, die der österreichische Journalist Armin Thurnher etwas vollmundig für die „Menschheit“ erkennt. Der Untertitel „Wie die Welt unerträglich wurde“ weist den Weg. Dabei kommt sehr viel Arges aus den USA. Im Kern geht es gegen das Unbehagen in der digitalen Welt.
Der Titel bezieht sich auf Stefan Zweig, der 1927 fünf kurze Stücke unter dem Titel „Sternstunden der Menschheit“ publiziert hat – später wurden daraus zwölf. Dazu zählen der Untergang von Byzanz 1453 und die „Weltminute von Waterloo“, aber auch die Entstehung von Händels „Messias“, der Goldfund in Kalifornien 1848 und Lenins Fahrt mit dem Zug durch Deutschland 1917. In den „Sternstunden“ verdichtete Zweig den Augenblick, goss Bedeutung in lapidare, oft parallele Abläufe, und schuf, wiewohl sprachlich nüchtern, ein genussvolles historisches Pathos; auch bei Technikereignissen wie der Verlegung des ersten Unterseekabels zwischen Europa und den USA 1858.
Das Buch machte Karriere; die Leser liebten es. Ein Taschenbuch von 1987 etwa hat die Auflage von 680.000. Der Historiker Alexander Demandt legte 2000 die „Sternstunden der Geschichte“ vor und begann mit dem Mädchen Momo im gleichnamigen Roman, das Meister Hora fragt, was denn eine Sternstunde eigentlich sei? Und der antwortet, die meisten gingen einfach unerkannt vorüber.
Doch die Sternstunde wird mittlerweile überall gesichtet, wo Superlative schmeicheln, im Sport, in den Künsten. Bei einigermaßen gehaltvollen Debatten im Bundestag ist schnell von der „Sternstunde des Parlaments“ die Rede. Aber allzu oft heißt es im Politischen, etwas sei eben „keine Sternstunde“ gewesen. Was zu den Unsternstunden führt. Demandt nennt den Untergang von Pompeji ebenso wie den der Titanic, Cäsars Ermordung und Katastrophen wie das Erdbeben von Lissabon 1755.
Ein bekennender Pessimist
Armin Thurnhers „Unsternstunden der Menschheit“ sind gegenwartszentriert. Den Neoliberalismus aus dem ersten Kapitel nennt er das „erfolgreichste gewaltfreie hegemoniale Projekt der Geschichte seit dem Christentum“, schon um zu zeigen, wie arm die Gesellschaften im 21. Jahrhundert dran sind. Die meisten seiner Ereignisse gingen bisher eher unerkannt vorbei.
Zu Donald Trumps Aufstieg beschreibt er einen Vertrag, den der Medienmogul Sy Newhouse 1986 mit ihm abschloss, der zum Buch „The Art of the Deal“ führte, das dem halbseidenen Trump Reputation verschaffte und ihn zur Medienmarke machte, die er dann auf die ihm eigene Weise pflegte. Das heißt, im Kern steht da wenig über den Vertrag, sondern das Kapitel erzählt mehr Trumps Wechsel ins seriöse Fach, wenn man so will von der Komödie zum Drama.
Ähnlich ist es bei Tech-Unternehmer Peter Thiel: Das Kapitel behandelt eigentlich interessant die Gründung der Zeitschrift „Stanford Review“ 1987, die zum Sammelsurium libertärer Ideen werden sollte. Doch ist es erneut mehr ein Porträt Thiels als eine Erzählung über die Zeitschrift oder deren Gründung.
Thurnher, bekennender Pessimist, schreibt über historisch-politische Wegmarken wie 9/11, die Corona-Pandemie, den Überfalls Russlands auf die Ukraine 2022 und den 7. Oktober 2023, aber die überwiegende Zahl der 30 Kapitel erkennt als Unsternstunden vor allem die Etappen der Tech-Revolution und der Digitalisierung. Und dabei weniger die technische Erfindung als die anschließende Erschütterung ökonomischer und sozialer Strukturen mit all ihren negativen Auswirkungen, ohne auch nur ansatzweise Positives zu entdecken.
Am Ende des Tunnels ein falsches Licht
Der frühe Glaube in die befreiende Wirkung von Internet und sozialen Medien wird verhöhnt, einige wenige Prinzen der aufkommenden Königreiche sind naive Zauberlehrlinge, die Mehrzahl aber bereits sinistre Schurken, die globale Eroberung von digitalen Räumen im Blick haben. Also Elon Musk, Peter Thiel, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos. Mit dem so erworbenen sagenhaften Reichtum lassen sich dann allerlei seltsame Dinge verwirklichen, aber auch Thesen in die Welt setzen, die auf eine vollkommen veränderte Ordnung zielen.
Einige der Königreiche sind nämlich derart groß geworden, dass ihren Herrschern alles zu klein ist. Die Demokratie mit ihren auszuhandelnden Kompromissen erscheint hinderlich, hemmend, altmodisch, überholt. Am Ende des Tunnels leuchtet ein falsches Licht mit einer veränderten Welt mit neuen Hack- und Rangordnungen, die mit der Gegenwart der vergangen knapp 80 Jahre wenig gemein haben wird. „Wer schweigt, stimmt zu“, notiert er im Kapitel über Europas Schlafwandlertum nach Russlands Überfall auf die Ukraine 2022. Das immanente Pathos der Verzweiflung zieht sich durch das Buch. Ungläubig und staunend fragt er, wie die Gegen-Aufklärung so frech siegen konnte, ohne auf Widerstand zu treffen.
Thurnher zerteilt die disruptiven Ideen mit dem Hackebeil; er lässt nichts übrig. Soziale Medien befeuern die „Erbsünde des Ressentiments“ in sich, um Erfolg zu haben, folgerichtig ist Mark Zuckerberg ein „charakterloser Wechselbalg“. Die Google-Gründer sind „zwei ehrliche Trottel“, über Steve Jobs Vorstellung des ersten iPhone vermerkt er mit Rilke, „das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang“.
Der Kulturkritiker polemisiert zuweilen amüsant, dann wieder unerbittlich auf eine schwarze Zukunft hinblickend. Ein bisschen komisch wirkt es, wenn im Reigen der weltweit operierenden Tech-Mogule in mehreren Kapiteln Österreicher auftauchen, deren schändliches Tun beinahe gleich bewertet wird. Die Republik Österreich ist aber im Reich der bösen Könige wenig mehr als das Land hinter den sieben Bergen mit den sieben Zwergen.
Am Schluss des Buchs steht Donald Trumps zweite Amtseinführung, „die ultimative Unsternstunde“. Es ist Ziel und Ende einer Entwicklung. In fast allen Kapiteln wird darauf hingewiesen, wie die Erfindungen, Neubewertungen und disruptiven Ereignisse zum Trumpismus führen. Medientüren und Überwachungs-Pforten öffneten sich für den dunklen Lord des Populismus, der „großsprecherische Mafioso“ und „ein bisserl Gott“, von dem in Bezug auf seine willigen Tech-Helfer und Spender nicht klar ist, wer gerade wen ausnutzt oder sich zum Büttel macht. Das Desinformations-Zeitalter aber endet nicht mit Trump, sondern macht es sich erst richtig gemütlich. Kommende Unsternstunden werden sicher schlimmer, lässt das Buch durchblicken, und da möchte man nicht unbedingt widersprechen.
Armin Thurnher: „Unsternstunden der Menschheit“. Zsolnay, 304 S., 27 Euro.
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