Um 23.31 Uhr, nach 180 Sendeminuten, stand im Studio Berlin Adlershof die Siegerin fest: Das deutsche Endgeräte-Votingpublikum schickt als Gewinnerin des nationalen ESC-Vorentscheids Sarah Engels mit „Fire“ am 16. Mai nach Wien ins große Träller-Finale. Damit wurde die Professionellste der Antretenden ausgewählt – als eine der drei von einer internationalen Jury während des Abends aus neun Acts bereits ausgesiebten.
Die 33-jährige Kölnerin mit sizilianischen Großeltern, Ex-Frau von Sänger und Autor Pietro Lombardi („Heldenpapa im Krümelchaos“) und Mutter von zwei Kindern hat bereits 2011 den zweiten Platz bei „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen. Sie tauchte auch danach in den Charts auf, war für den „Echo“ nominiert, war Moderatorin, Synchronsprecherin und Musicaldarstellerin in „Moulin Rouge“. „Beim ESC muss man irgendwas mit Pyrotechnik machen, das zieht immer, denn die Inszenierung ist megawichtig“, das sagte sie WELT unmittelbar nach ihrem Sieg, noch atemlos und verschwitzt.
Und recht hat sie. Ihr „Fire“-Song ist – mag sie noch so viel „weibliches Empowerment und Selbstbestimmung“ beschwören –, vor allem eine generische Up-Tempo-Nummer im Hinternwackel-Rhythmus. Mit vier Tänzerinnen, acht Flammenballwerfern im Hintergrund und 16 Feuerschalen auf dem Catwalk inszeniert sie sich als eiskalt kalkulierte, dabei sich verrucht gebende, die Locken schmeißende Schlager-Bitch in knapproter Knautschlack-Korsage mit Fransen und kniehohen Boots. Das ist, mit „Vampire“ auf „Fire“ gereimten Versen, das strictly Dancefloor-Klangmaterial, aus dem sonst die Spanien-Songs (diesmal wegen Israel-Protest nicht dabei) oder litauische Exotismen sind.
Das allerdings ist massentauglich und hat durchaus ESC-Chancen, vielleicht sogar, weil es so sorgsam undeutsch ist. Im Studio zündete, obwohl Sarah Engels als Vorletzte antrat, der schnell verrauchte Feuerzauber wie erwartet. In Wien wird er vermutlich als viel zu konformistisch irgendwo in der Mitte landen. So wie die 2025 mit „Baller“ auf dem 15. Platz für Deutschland angekommenen österreichischen Geschwister Abor & Tynna, die jetzt die gläserne Mikrofon-Trophäe an Sarah Engels weiterreichten.
Erstmals hat, im 70. ESC-Jahr, der SWR den ESC-Vorentscheid für Deutschland ausgerichtet. In Berlin freilich und nicht, damit Langzeit-Moderatorin Barbara Schöneberger zu Hause schlafen konnte, sondern weil es im baden-württembergischen Sendegebiet keine geeignet große Halle gibt. Denn immerhin 1400 Zuschauer nahmen diesmal an der wirklich rauschend inszenierenden Show teil. Das war groß, überraschend, unterhaltsam und sehr entertaining. Was an der flotten Regie wie Dramaturgie lag, aber auch an dem Glückfall eines blondierten Damenplapperduos.
Nachdem sich 2025 in Basel die in Deutschland lebende Comedienne Hazel Brugger als ESC-Moderationsgranate erster Güte empfohlen hatte, wurde sie jetzt mit der daraufhin jede Routine hinter sich lassend espriterblühenden Schöneberger zusammengespannt. Das matche, auch im Impro und den flüssigen Übergängen. Von den beiden wollen wir mehr. Wobei die besten Witze über Schlüppis, Fäden, Stricke und Taue im Hintern bereits im Warm-Up-Programm vor der Liveübertragung gerissen wurden. Doch was dann folgte, war die bestabschnurrende Vorabauswahl, die der Berichterstatter live seit 1979 beim „Dschinghis Khan“-Sieg (später immerhin Platz 4 in Jerusalem) in der Münchner Rudi-Sedlmayer-Halle erlebt hat.
Damals dabei und mit „Vogel der Nacht“ Drittplatzierte, war auch das ESC-Urgestein und längst ESC-Maskottchen Paola Felix, die jetzt mit „Bergdoktor“ Hans Sigl, Carolin Kebekus und dem beim ESC 2018 in Lissabon viertplatzierten Löckchenträger Michael Schulte („You Let Me Walk Alone“, auch jetzt live und gänsehauterregend vorgetragen) auf der Promibank Platz genommen hatte, um in Erinnerungen an 1969 („Bonjour, Bonjour“ auf Platz 5 in Madrid), 1980 („Cinéma“ auf Platz 4 in Den Haag) und 2025 (noch einmal „Cinéma“, als Intermezzo vor dem Basel-Finale).
Ein Name wie ein OnlyFans-Account-Account
Neun Kandidaten kamen 2026 in die Berliner ESC-Vorauswahl. 20 Juroren aus 20 ESC-Ländern (darunter auch die singend vor dem Siegertitel ihre Hommage entbietenden Ex-ESC-Teilnehmer Luca Hänni aus der Schweiz, Destiny aus Malta, Ruslana aus der Ukraine und Carla aus Frankreich) wählten daraus drei aus – kurioserweise die drei zuletzt Angetretenen. Was angesichts der Restauswahl völlig in Ordnung geht.
Riskanter, aber – nach ähnlichen Drama-Nummern in bester, queerer ESC-Diven-Tradition von Conchita, Nemo und JJ – vermutlich in Wien aussichtsreicher wäre freilich der Gewinn des nun Zweitplatzierten Wavvyboi gewesen. Mit „Black Glitter“ hob Simon Vogt (27) aus Liechtenstein („das ist wie Mittelerde“) das Studio aus den Stühlen.
Mochte der Künstlername der nonbinären Person auch nach OnlyFans-Account klingen und sein grottiger Schatten-Vorabvideoclip ehe abtörnend wirken, auf der Bühne, aus einer laserstrahlenden Pyramide springend, lieferte wavvyboi mit weißblonder Farah-Fawcett-Majors-Mähne im ebenso weißen Anzug samt High Heels einen lupenreinen Glamrock-Engel-für Charlie-Auftritt, Head Banging, harte Riffs und Gitarrenweitwurf (in ein schwarzes Tuch) inklusive. Das war in seiner fluiden Eddie-van-Halen-Allüre hot und exciting – und auch sehr undeutsch. Schade, dass es beim Massen-Voting nicht für Wien langte. Da ist Österreich auch dieses Jahr mit Cosmó im dortigen Vorentscheid mutiger gewesen.
Trutschig wirkte zunächst ebenfalls Molly Sue (25) aus dem Ostseebad Laboe, die gleich ihre chronischen Krankheiten thematisierte. Blonde Locken zum weißen Hängerchen mit goldverschnürtem Arm, ein Schmusepianist, Bodennebel und eine spitzenschuhtänzelnde Ballerina ließen Kitschübles schwanenseen. Schon das Video mit dem Flügel am Meeresstrand war übel. Doch ihre Power-Pop-Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“ steuert auf koloraturkieksende Höhepunkte zu, hat schöne Melodien, die gut zur gebrochen sich aufschwingenden Mädchenstimme passen. Die Teilnahme bei „The Voice Kids“ und „Deutschland sucht den Superstar“ hat sich ausgezahlt. Dafür war der dritte Platz mit Wow-Moment verdient, trotz der biederen Inszenierung.
Dieser zur ARD-Prime-Time endlich wieder großformatig glamourös und nicht peinlich bemüht aufgebrezelte Vorentscheid (es geht eben doch ohne RTL und dem alt und zahnlos gewordenen Stefan Raab) schwelgte originell in 70 Jahren ESC-Geschichten; Pleiten, Pech und Pannen wurden in schönen Zusammenschnitten beschworen. Der seit 2024 offizielle ESC-Kommentator Thorsten Schorn steuerte nicht nur aus seiner engen Sabbel-Butze recht oben Vergnügliches über Dos & Don‘ts bei, über die schlimmsten Kleiderverfehlungen und die schrillsten Acts (die polnischen „My Slowianie“-Butterstampferin 2014!). Brugger und Schöneberger sangen sich durch nationale deutschsprachige Siegertitel von „Theater“ bis „Ein bisschen Frieden“. Barbara (diesmal manierlich in schwarzquietschendem Kunstleder) musste ebenfalls eine Visualisierung ihrer gesammelten Abendkleid-Fehltritte lächelnd erdulden.
All das überspielte humorig, dass die gesamten neun Singauftritte eigentlich in 27 Minuten hätten über die neonumspielte Showbühne mit dem Eismarkenlogo-ähnlichen ESC-Herzen gehen können. Und die Rest-Sechs waren auch nicht viel mehr wert. Weder die Therapie-Anwärter noch die Ragazzki Malle-Abtanztruppe mit ihrer Crazy-Italo-Stampfnummer „Ciao Ragazzki“. Die nämlich ließ nach dumpflustigem Anfang mit Ostblock-Retro-Charme, Kunstpelz-Tschapka und der epischen Textzeile „Popo ist al dente“ in ihrer Dünnheit samt ödem Sprechstakkato dann doch den Limoncello sauer werden.
Malou Lovis (Kreyelkamp), Gewinnerin der 13. Staffel von „The Voice of Germany“, lieferte mit „When I'm With You“ mit apart gebrochener Stimme, aber eher eintönig lesbisches Kuscheln zu sanft groovendem Karibik-Beat. Dazu ließ sie vier Mädels in weißen Dessous auf Treppen und zwischen Vorhängen hüftwackeln. Der Deutsch-Amerikaner Myle (25, bürgerlich: Milo Hoelz) setzte im nach Krankenkasse müffelnden „A OK“ vergeblich auf softige Boy-Verletzlichkeit. Gitarrengeplingel und hymnischer Refrain über „Mental Health, Selbstzweifel, Hoffnung und die Kraft, in schwierigen Zeiten weiterzumachen“ wurden begleitet von einer dauerpirouettierenden Tänzerin mit buntem Heilstein.
Vierstimmig, sirenenträllernd, langsam, chillig entspannt, indie-brav, wenig abwechslungsreich und luftig verkifft: Dreamboys The Band, bestehend freilich aus vier Mädels, schienen sich in „Jeanie“ vor LED-Studiokulissen nie wirklich aus dem Übungsraum wegbewegt zu haben. Selbstbestimmung und innere Stärke suchte man da vergeblich.
Der Münchner BELA, vage nonbinär, schlug sich für seinen ersten Auftritt auf einer Bühne salon-rappend an der Kulissenbushaltestelle in rosa Jacke ordentlich; auch er wollte – als einziger deutsch singend – mit „Herz“ von Selbstzweifeln, Liebe und „dem Mut, sich auf Nähe einzulassen“ erzählen.
Finnland hat die beste Quote
Die korkenzieherlockige Laura Nahr (25) aus Magdeburg hingegen besang im Retro-Jeansanzug als Andrea Jürgens auf Speed giggelnd mit „Wonderland“ das Lob der Unreife, auch sehr brav, und drehte dann den Regler hoch. Ohne Gimmicks würde sie wohl bald von der Grinsekatze gefressen.
Der deutsche ESC-Vorentscheid fiel übrigens auf einen Super Saturday, auch Italien, Serbien und Norwegen wählten ihre Favoriten. In den Wettbüros hat Finnland bisher die beste Quote mit rund 75 Prozent Siegwahrscheinlichkeit. Deutschland wurde bisher auf Platz 22 gehandelt. Also mal sehen, ob „Fire“ noch nach oben durchlodert.
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