Im Silicon Valley reden sie gerade ganz aufgeregt über „agentic AI“ – KI-Agenten, die autonom im Netz browsen: Arzttermin vereinbaren, Zugticket buchen, Lebensmittel bestellen. Geht es nach den Kybernetikern im Silicon Valley, könnten diese smarten Helfer schon bald Routineaufgaben automatisieren und den Alltag auf Autopilot schalten. Keine nervige Recherche mehr, der Bot bucht einfach die passende Unterkunft.

Das Narrativ „AI is eating software“ („KI verschlingt die Software“) hat in den vergangenen Wochen reihenweise Software-Aktien einstürzen lassen: SAP, Salesforce, Adobe und andere. 300 Milliarden Dollar Börsenwert wurden binnen weniger Tage vernichtet. Ein KI-Agent, so geht die Erzählung, benötigt keine Softwarelizenz, um Personalabrechnungen zu erstellen oder Steuerformulare auszufüllen. Das kann alles die Künstliche Intelligenz.

Gerade erst hat der Citrini-Report hohe Wellen geschlagen und die Börsen auf Talfahrt geschickt: Der Bericht zeichnet das Bild einer dystopischen Zukunft im Jahr 2028, wo der „Überfluss an Intelligenz“ die Wirtschaft in den Abgrund reißt: Massenarbeitslosigkeit, sinkende Löhne, einbrechende Konjunktur. Büroarbeiter, die infolge von KI ihre Jobs verlieren oder in den Niedriglohnsektor gedrängt werden, können ihre Immobiliendarlehen nicht mehr finanzieren, was zu Kreditausfällen bei Banken und einer schweren Finanzkrise führt. Sind die Ängste berechtigt oder übertrieben?

Motor des Datenkapitalismus

KI-Agenten wurden eigentlich entwickelt, um die kapitalistische Ordnung zu stützen. Wo der Verbraucher zwischen zwei Pullovern schwankt, drückt der Bot einfach mechanisch auf den Bestellknopf, weil er davon ausgeht, dass dies den Präferenzen seines Prinzipals entspricht – und sorgt so für einen konstanten Strom an Nachfrage. Der KI-Agent vergisst auch nicht, das Waschmittel beim Wocheneinkauf zu besorgen. Insofern, als Agentensysteme Transaktionskosten senken, wirkt dies für die Märkte systemstabilisierend. Die KI als weiterer Motor des Datenkapitalismus? So einfach ist die Sache nicht. Denn KI steht in einer historischen Traditionslinie digitaler Ökosysteme, die – angefangen von Napster bis zu Wikipedia – ihrem Wesen nach auf Besitzlosigkeit gründen.

In den Datenwolken scheint am Horizont eine postkapitalistische Zukunft auf, in der die Grundlagen der Marktwirtschaft durcheinandergewirbelt werden. Eine Maschine agiert ganz anders und hat viel weniger Bedürfnisse. KI-Agenten kaufen keine Softwarelizenzen und benötigen auch keine Krankenversicherung. Bots, die keine Emotionen haben und nur nach Zahlenlogik operieren, klicken keine Werbung, machen keine Impulskäufe und lassen sich auch nicht durch simulierte Nachfrage („nur noch 12 Flüge verfügbar“) zu Kaufentscheidungen verleiten.

KI-Systeme reagieren nicht auf die Reize der Werbung, und sie bekommen keine Glücksgefühle, wenn sie auf den Bestell-Button drücken. Elektronengehirne schütten keine Endorphine aus. Einem markenindifferenten Bot ist es auch vollkommen egal, ob auf einem Poloshirt ein springender Puma oder ein grünes Krokodil eingenäht ist.

Das heißt: Die verhaltenspsychologischen, manipulativen Tricks der digitalen (Werbe-)Wirtschaft laufen leer, wenn das Internet künftig von Bots bevölkert ist. Auch die Datensammelei wie Klicks oder „mouse tracking“, worauf ein beträchtlicher Teil der digitalen Wertschöpfung beruht, wird wertlos, wenn plötzlich nicht mehr Menschen mit ihrem Cursor über Webseiten fahren, sondern Maschinen zielstrebig Artikel in den Warenkorb legen. Wenn also die (personalisierte) Werbung als Herrschaftsinstrument und die Erzeugung „falscher Bedürfnisse“ (Herbert Marcuse) im Netz erodiert, würde in der Logik der Kritischen Theorie die Manipulation des Menschen und die Verschleierung von Klassenunterschieden durch den Konsum aufhören. In diesem Licht erscheint KI als ein linkes, antikapitalistisches, ja aufklärerisches Projekt. Ist KI in die Schule der Kritischen Theorie gegangen?

Der Investor Peter Thiel bezeichnete künstliche Intelligenz einmal als „kommunistisch“: „Krypto ist dezentralisiert, KI zentralisiert. Oder, wenn man es ideologischer formulieren will: Krypto ist libertär und KI ist kommunistisch.“ Es sei kein Zufall, dass die Kommunistische Partei Chinas „Krypto hasst und KI liebt“, so Thiel. Sein Schüler, US-Vizepräsident J.D. Vance, nannte KI eine „kommunistische Technologie“.

Zentralisierung von Kaufentscheidungen

Die Kritik kommt freilich nicht aus einer linken, sondern aus einer libertären Ecke, die sich vorwiegend an der bürokratisierenden und zentralisierenden Funktion von KI stört. Wobei man sich fragt, warum Thiel dann in KI investiert, wenn die Technologie angeblich das Werkzeug des Systemfeinds ist. US-Präsident Donald Trump setzt KI gezielt als Machttechnik für die Verbreitung seiner Propaganda ein, und er liebt KI auch deshalb, weil es die verhasste kulturelle Linke ihrer finanziellen Mittel beraubt. AI-Slop ist eine Verfallsform der Kulturindustrie, mit der die Trumpisten die „creative class“ trollen. Doch die Stoßrichtung von „agentic AI“ ist eine ganz andere als die von generativer KI: Denn mit der Delegation von Aufgaben an KI-Agenten geht auch eine Zentralisierung von Kaufentscheidungen einher.

Wenn künftig autonome Bots im Netz shoppen und untereinander Preise aushandeln, entscheidet nicht mehr der Verbraucher, welchen Flug er bucht oder welches Waschmittel er bestellt, sondern die Server von OpenAI, Anthropic oder anderer Tech-Konzerne, die dann solche Systeme bereitstellen. Tech-Plattformen würden damit zu einer Art Kommandozentrale, einer Giga-Behörde, die über knappe Ressourcen wie etwa die Terminvergabe bei Fachärzten disponieren könnte. Und das wäre eine Neujustierung im Maschinenraum, eine Weichenstellung, die möglicherweise auch einen Systemwechsel hin zu einer Planwirtschaft aufgleisen könnte. Killt KI den Kapitalismus?

Alibaba-Gründer Jack Ma sagte vor einigen Jahren, dass mithilfe von Big Data und KI eine computergestützte Kommandowirtschaft möglich sei: „die Planwirtschaft wird zunehmend an Bedeutung gewinnen. Warum? Weil wir mit dem Zugang zu allen Arten von Daten möglicherweise in der Lage sein werden, die unsichtbare Hand des Marktes zu finden.“ Mithilfe künstlicher oder „multipler“ Intelligenz, so Ma, würde die Wahrnehmung der Welt auf ein neues Niveau gehoben. „Big Data wird den Markt intelligenter machen und es ermöglichen, Marktkräfte zu planen und vorherzusagen, sodass wir letztlich eine Planwirtschaft verwirklichen können.“

Die Idee ist nicht neu. Schon in den 1920er-Jahren argumentierte eine Gruppe linker Ökonomen um den polnischen Wirtschaftswissenschaftler Oskar Lange in der sozialistischen Kalkulationsdebatte, dass sich Märkte mithilfe von Computern simulieren ließen. Ein „zentrales Planungsamt“ würde die Angebots- und Nachfrageüberschüsse erfassen und Faktorpreise festsetzen. Die neoklassischen Ökonomen um Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek hielten dagegen: Die Informationsfunktion von Preisen könne nicht simuliert werden. Man müsste theoretisch Millionen von Gleichungen auf Grundlage statistischer Daten lösen, die schon im Moment ihrer Berechnung nicht mehr aktuell seien. Dafür fehle es an Rechenkapazität. Die Planer wissen nicht, wie viele Autos oder Türgriffe produziert werden müssen, um den Bedarf zu decken.

KI hat die Kalkulationsdebatte neu entfacht: Denn mit Supercomputern und Rechenzentren gibt es mittlerweile Maschinen, die dank hochleistungsfähiger Chips bis zu einer Trillion Rechenoperationen pro Sekunde durchführen können. Genug, um ein so komplexes Informationssystem wie den Markt zu simulieren? Die „Quants“, die Mathe-Genies an der Wall Street, tüfteln schon seit Jahren an hochkomplexen Modellen, mit denen sich künftige Entwicklungen an den Börsen vorhersagen lassen. High-Speed-Rechner werden mit haufenweise Daten und Statistiken gefüttert, um diejenigen Aktien herauszupicken, die maximalen Profit versprechen. Hinter den Mauern des Vermögensverwalters Blackrock läuft ein gigantischer, geheimnisumwitterter, über mehrere Server verteilter Supercomputer namens Aladdin, der täglich milliardenschwere Investmententscheidungen trifft. Handelsriesen wie Wal-Mart und Amazon nutzen schon länger planwirtschaftliche Big-Data-Instrumente, um die Nachfrage nach Produkten zu prognostizieren und ihre Lager zu füllen.

Das Interessante ist nun, dass durch die Kybernetisierung von Transaktionen die Komplexität des Systems tendenziell abnimmt. Ein KI-Agent shoppt nicht einfach wahllos im Netz und kauft eine neue Trainingsjacke, wenn er gerade Lust darauf hat, sondern agiert planvoll und vorhersehbar (wenn er sich nicht mit anderen Agenten zu Kartellen verabredet, was in der simulierten Umgebung von Experimenten bereits vorkam). Das heißt: Es gibt weniger Unbekannte im System und weniger Gleichungen zu lösen. Und das erleichtert es für KI-gestützte Vorhersagesysteme wiederum, den Bedarf zu planen. Steuern wir mit KI also auf einen Techno-Sozialismus zu? Die Geschichte, so scheint es, hat gerade erst begonnen.

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