Popjahre sind wie Hundejahre. Man muss den tatsächlichen Zeitverlauf mal sieben rechnen. Erfolg ist also keinesfalls eine ausgemachte Sache, wenn es um die Veröffentlichung von „The Romantic“ geht. Schließlich ist es Bruno Mars’ erstes Album nach einer zehnjährigen Pause, dazwischen ist viel passiert. Andererseits: Mars’ Karriere lässt sich ohnehin als eine Abfolge von bewussten Bruchlinien lesen: Er etablierte sich früh als Popstar, der zugleich ein versierter Songwriter ist.
Schon sein Debüt „Doo-Wops & Hooligans“ (2010) kombinierte eingängige Melodien mit Elementen aus Funk, Soul und R'n'B und katapultierte ihn unmittelbar auf die globalen Bühnen. Mit zwei weiteren Alben festigte er diesen Status, doch dann tat er etwas, was für einen so diszipliniert wirkenden Popstar sehr ungewöhnlich schien. Er legte die klassische Solokarriere auf Eis, erkundete stattdessen lustvoll Seitenstränge. In dieser Phase entwarf er zunächst mit dem Rapper Anderson Paak das Projekt Silk Sonic, dessen kohärente Hommage an den Soul der 1970er-Jahre nicht nur reichlich Kritikerlob fand, sondern ihm und Paak vier Grammys einbrachte.
Zudem suchte Mars die Allianz mit anderen Megastars, etwa mit Lady Gaga: Ihr Duett „Die With a Smile“ erreichte den dritten Platz der Billboard Hot 100. Auch mit Rosé, Mitglied der weltweit erfolgreichen K-Pop-Formation Blackpink, machte er gemeinsame Sache: „APT.“ eroberte in Deutschland sogar Platz eins.
„APT.“ war ein freundlicher Gruß aus der Küche moderner Popmusik und ließ sich auch strategisch lesen: Mars dockte hier an einem der erfolgreichsten Genres der Zeit an. Gleichzeitig tropfte aus dem Song eine Formelhaftigkeit, die man wohlwollend, aber nicht unbedingt begeistert durchwinkte.
Wer fürchtet, dass Mars auf seinem vierten Album ebenfalls in die Gegenwart blicken würde, sei beruhigt: Die neun Songs auf „The Romantic“ meiden die Moderne, stattdessen spazieren sie einmal quer durch die 1970er-Jahre. Schimmernd umarmen sie Soul und R&B in verschiedensten Unterarten; sie tanzen zu Disco und Funk. Wir hören Gospelklänge, mehr Latin-Percussion als zuletzt und sanft abgepolsterte Streicher. Dass nach 31 Minuten Schluss ist, überrascht wenig. Mars neigt seit jeher zur Knappheit, keines seiner Alben dauert länger als 40 Minuten. Das ist klug, denn bei einer Musik, die sich so intensiv mit musikalischen Traditionen beschäftigt, besteht immer auch die Gefahr, mit deren Protagonisten verglichen zu werden. Und so angenehm dieses Album durchflutscht, da würde er dann doch scheitern. Denn ein Isaac Hayes, ein Al Green oder gar ein Terry Callier ist er nicht.
Das macht wenig aus. Stattdessen besitzt dieser Goldjunge ein Händchen für die perfekte Hookline. Das zeigte schon das vorab ausgekoppelte „I Just Might“, ein beschwingter Track mit hübschen Doo-Doo- und Aah-Aah-Vocals und einer verzerrten, aber dezent gesetzten Seventies-Gitarre. Auf Albumlänge folgt er ebenfalls dem Weg einer so historisch informiert wirkenden wie sofort rezipierbaren Eingängigkeit.
So verweist „Cha Cha Cha“ mit einem eleganten Spiel aus perkussiven Akzenten und luftigen Bläsern direkt auf die Tanzfläche. In „Why You Wanna Fight?“ offenbart Mars all seine Zerbrechlichkeit, gibt Fehler zu, fleht um Gnade, tauscht Zärtlichkeiten aus. „Short & Sweet“ schmiegt sich so intensiv an den Beat von Marvin Gayes „Got to Give It Up“, dass da vielleicht schon irgendein Anwalt seinen Bleistift spitzt. Und dann ist da noch „God Was Showing Off“: Mit Gott hat der Song wenig zu tun, wohl aber spielt er mit dessen musikalischer Rezeption, etwa wenn er mit einer Textzeile wie „I was blind, now I can see“ und zuckrigen Halleluja-Chören Gospelelemente aufgreift.
Was genau Mars da plötzlich sieht? Klar, die ewige Liebe. Denn jenseits aller musikalischen Querverweise ist dieses Album vor allem eine Reflexion über die Mechanik menschlicher Nähe: Mars erkundet Sehnsucht und Begehren, Entfremdung und Zuneigung. Er wechselt die Rollen wie ein Schauspieler, ist mal Schwärmer, mal Bittsteller, mal stiller Beobachter, mal Lover. Dabei bleibt er an der Oberfläche, kein Mensch wird sich in diese Musik reinfuchsen, sich mit ihr auseinandersetzen müssen, wie das etwa bei einem Album von Frank Ocean, Solange oder von den Säulenheiligen des Soul und Funk der Fall ist.
Auch ist Produzent D’Mile kein Mark Ronson. Aber er ist einer, der genau weiß, wie ein Bruno-Mars-Album zu klingen hat. Und auch Bruno Mars weiß, wie er zu klingen hat. Insofern erfüllt dieses Album alle Bedürfnisse. Und das ist beglückender, als es sich vielleicht liest.
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