Der schöne Beruf des Literaturprofessors hat ja, seit wir alle, also wir Älteren, „Der Club der toten Dichter“ gesehen haben und unbedingt wie Robin Williams werden wollten, stark an Anziehungskraft verloren. Sich in einer Welt fernab der Welt allein mit Büchern zu beschäftigen, junge Leute für Henry James und Thomas Mann zu begeistern und durch Literatur zu besseren Menschen zu machen, bis sie auf ihren Tischen stehen und „Oh Captain! My Captain“ skandieren, das war damals der Traum.
Zum Campus von heute passt er leider nicht mehr. Aus der gelehrten Welt fernab der Welt ist ein Brennpunkt für Debatten geworden, wovon Filmen und Serien mittlerweile im Dutzend erzählen: Rassismus, sexueller Missbrauch, Cancel Culture, Hexenjagden. In der Uni ist statt toten Dichtern jetzt die diskursive Hölle los.
Auf der Kinoleinwand und in den Mehrteilern der Streamer wurde das alles bisher tragisch, dramatisch und – anders als in der möglichkeitsversessenen Literatur – vor allem wahnsinnig realistisch dargestellt. Eine Art Satyrspiel hingegen fehlte noch – eine Lust nach all den Trauerspielen. Und genau hier kommt eine Figur namens M. ins Spiel.
In „Vladimir“, der neuen Campus-Serie von Netflix, liegt diese von Rachel Weisz gespielte M. mit derart roten Wangen am Pool ihres fabelhaften Hauses fernab der Welt, dass Margot Robbie in „Wuthering Heights“ vor Neid darüber erblassen würde. M. raucht und fabuliert übers Alter, über den Verlust der Macht über ihre Studierenden und den, Männer noch zu fesseln. Sie schaut uns an, während sie so ihren Gedanken nachhängt, und nimmt uns mit in ihre offenbar unzuverlässig erzählte Geschichte, denn aus dem Haus hinter ihr dringen derweil Schreie. Ein verhältnismäßig junger Mann sitzt da auf einem Stuhl in einem eher absurden Bademantel. Er ist gefesselt und der titelgebende Vladimir. Showrunnerin Julia May Jonas hatte schon ihre eigene, sehr erfolgreiche Romanvorlage nach ihm benannt.
Doch zurück zu M., die schon seit Jahrzehnten am College lehrt, vor langer Zeit für ihren ersten Roman gefeiert wurde und einmal äußerst beliebte Kurse gegeben hat – über die Frau in der amerikanischen Literatur zum Beispiel. Jetzt lebt sie an der Seite eines charismatischen Silberrückens, auf dem Campus einstmals der unangefochtene Dekan, und durchleidet seit anderthalb Jahrzehnten eine handfeste Schreibblockade. An den Roman, dem sie ihn nicht in die Hand drückt, erinnert sich niemand mehr und die Anmeldungen für ihre Kurse lahmen auch. M.s Tochter – Rechtsanwältin und queer – findet ihre Mutter doof, und zu allem Überfluss droht John, ihrem Gatten, der sie offenbar für beschränkt hält und für nicht mehr so attraktiv, der Rausschmiss, weil zumindest er ihre offene Beziehung so ausgelebt hat, wie sie es untereinander vereinbart haben – blöderweise unter anderem mit Studentinnen.
Nabokov wird umgekehrt
John und sein möglicher sexueller Machtmissbrauch – das unterscheidet „Vladimir“ von der Mehrheit aller von Männern erzählten Literaturprofessorenlegenden – ist für Julia May Jonas aber nur ein Rädchen, das ihre unheimlich lustige dunkle Romanze in Gang hält. Eigentlich geht es ihr nämlich um was ganz anderes: um die Umkehrung von Vladimir Nabokov, der mit „Lolita“ eine der folgenreichsten Literaturprofessorenlegenden schrieb.
Denn bald schon begegnet M. bei einem Fakultätsumtrunk Vladimir, kurz Vlad genannt, genau wie der Pfähler, auf den der Dracula-Mythos zurückgeht. Vlad ist Juniorprofessor und eine fesselnde Figur (sieht man mal von seiner vagen Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Vizepräsidenten ab). M. jedenfalls ist hin und weg von seinen Muskeln und den Gesten. Sie liest sie wie – sagen wir – Thomas Hardys „Tess von den d’Urbervilles“ oder Daphne du Mauriers „Rebecca“.
M. wird von erotischen Fantasien überfallen, die immer stärker die Grenzen von Wunsch und Wirklichkeit verwischen. Das Begehren ist erwacht und noch etwas ganz anderes dazu. Doch das darf hier nicht verraten werden, weil es die Geschichte hinter der Geschichte dieser Serie ist. Nur soviel: „Vladimir“ ist auch die Erzählung einer weiblichen Selbstermächtigung.
Und natürlich ist sie auch eine Literaturgeschichte. Julia May Jonas erklärt nebenbei, warum der schöne Beruf des Literaturprofessors und nicht der des Soziologen ganz oben auf der Liste der meist verfilmten Universitätsdozenten steht. „Vladimir“ ist genauso sehr eine Geschichte über das Geschichtenerzählen wie es eine über das Älterwerden und das weibliche Verlangen ist.
Mit dem Geschichtenerzählen und seinen Mitteln und Möglichkeiten kennen sich Literaturprofessoren schließlich aus. Und ebenso mit unzuverlässigen Erzählerinnen, die den Leser mit in ihr Leben nehmen und uns Lügen darüber auftischen, als stünde man nachts mit ihnen an der Bar.
Manchmal schafft es „Vladimir“ innerhalb einer einzigen Szene Ebenen übereinanderzuschichten wie Folien auf Overheadprojektoren. Da steht M. zum Beispiel im Hörsaal und liest Edith Wharton vor und erklärt ihren verständnislosen Studierenden, was Wharton eigentlich meint, aber zu ihrer Zeit niemals so hätte schreiben dürfen. Sex. Begehren. Und hinten im Hörsaal steht Vladimir. Und so reden M. und er über die Köpfe der jungen Leute hinweg über Wharton und meinen sich selbst und ihr gegenseitiges Verlangen – das jedenfalls glaubt die von allerlei Fantasien überfallene M. Getragen von der großartigen Rachel Weisz ist „Vladimir“ nicht selten zum Schreien komisch. Auch wenn man nachher nicht mehr Literaturprofessor werden will.
„Valdimir“ läuft seit dem 5. März 2026 auf Netflix.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.