„Ich steckte im vergangenen Jahrhundert, aber ich steckte fest, weiter kam ich nicht. Ich suchte das Haus, vor dem mein Großvater mit dem SS-Motorrad posiert hatte, für Radomer Verhältnisse ungewöhnlich hoch, vier Stockwerke, zwei Giebel, ich suchte die Stadt nach dem leeren Platz auf dem Foto ab, ergebnislos. Ich ging zurück in die stille Wohnung, pinnte das Foto an die Wand, trank Tee, aß einen polnischen Apfel, dann machte ich weiter.“
Ist das anstößig? Ein Kritiker fand es „unangemessen“, in solcher Prosa „über die Geschichte eines überzeugten SS-Manns an einem Tatort des Holocausts“ zu schreiben, ein anderer Kritiker warf Judith Hermann vor, „die NS-Zeit zum Schauergenerator der Gegenwart“ zu machen: Für ihr jüngst erschienenes Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ hat die Schriftstellerin Judith Hermann, seit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ (1998) eine der beliebtesten deutschen Erzählerinnen, einige Kritik einstecken müssen.
Die Literaturkritiker der „Zeit“ und „FAS“ hatten wohl eine große Familienrecherche erwartet, eine möglichst bis in Detail rekonstruierte Tätergeschichte von Hermanns Großvater, der als Mitglied der Waffen-SS während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Radom stationiert war, wo die Deutschen die jüdischen Bewohner in ein Ghetto zwangen und später ermordeten, im Zuge der „Aktion Reinhardt“ zigtausendfach ins Vernichtungslager Treblinka schafften oder erschossen.
Wenn es fast keine Spuren gibt
In „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ geht Hermann diesen Spuren nach, doch sie muss feststellen, dass sie außer einem Foto, einem kargen Aktenvermerk und wenigen Hinweisen der Mutter nichts über diesen Großvater weiß. Hermann selbst hat den Vater ihrer Mutter, der von 1906 bis 1964 lebte, nicht mehr erlebt.
Hermanns Buch ist in drei Teile gegliedert, die ersten beiden – auf je 60 Seiten – lassen sich gegensätzlich lesen. Im ersten Teil, „Radom“ überschrieben, versucht die Ich-Erzählerin, ihrer Großvatergeschichte durch eine Reise in die gleichnamige polnische Stadt auf die Schliche zu kommen – allein und intellektuell quasi, mit Lesestoff im Gepäck, etwa Alexander und Margarete Mitscherlichs „Unfähigkeit zu trauern“.
Im zweiten Teil, in „Napoli“, wo ihre Schwester mit italienischem Mann und zwei Kindern lebt, zeigt sich, dass auch Gespräche in der Familie oft wenig klären, denn auf Vergangenheitsbewältigung und Aufklärung haben viele in den Familien gar keine Lust, weil Harmonie oder andere Bedürfnisse dominieren. Der im autofiktionalen Setting etwas zu ausgedacht wirkende Clou, dass die Schwester der Ich-Erzählerin Archäologin ist, also auf Rekonstruktionen verschütteter Sachverhalte spezialisiert, und dass und wie sie in Pompeji arbeitet, fächert weitere Aspekte im Bergen von Vergangenheit auf.
In dieser mehrschichtigen Perspektive liegt eine Stärke von „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, denn familiäre ist mehr als nur individuelle Erinnerung, doch sie ist eben auch weniger als die zeithistorisch informierte, als Schulstoff lehrbare, gedenkpolitische Kollektiv-Perspektive. Hermanns Buch changiert zwischen Memoir und Essay, es schildert auch einen Besuch in einer Wiener Ausstellung über die dritte Generation der als Täter oder Opfer mit dem Holocaust verbundenen Nachfahren.
In „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ spiegelt Hermann diese Konstellation klug und vor allem erzählerisch, atmosphärisch, mit ihren bekannten literarischen Mitteln: dingsymbolisch, spökenkiekerisch, oft szenisch suggestiv – manchmal auch in szenische Suggestion verliebt. Diese Mittel jetzt plötzlich – wie es in einigen Verrissen geschah – als Masche zu entdecken, hieße, Hermanns Stil nicht in ihrer Eigenart gelten zu lassen und ihr plötzlich eine Neue Sachlichkeit abzuverlangen, wo sich diese Autorin – um im Bild der Malerei zu bleiben – doch seit jeher auf Impressionismus (in ihren besten Geschichten) und Stillleben (in ihren schlechteren) spezialisiert hat.
Zwar gibt es über den Großvater keine wirkliche Geschichte zu erzählen, nichts zu „literarisieren“, wie die Mutter der Erzählerin das nennt. Doch dem Leser wird klar, dass es darum gar nicht geht, sondern um den Umgang mit den Leerstellen und dunklen Flecken in Familien.
Der dritte Teil des Buches, mit dem dänischen Wort „Tidslome“ (Zeittäschchen) überschrieben, handelt von der Zeit und was sie ebenso plötzlich wie auf lange Sicht mit uns anstellen kann. Hermanns Buch changiert zwischen Memoir und Essay, es liest sich in Teilen auch wie die Verlängerung ihrer Poetikvorlesungen, die 2023 unter dem Titel „Wir hätten uns alles gesagt“ erschienen sind. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ gehört nicht ins Zeitgeschichtsregal, wo es die Verrisse gerne hätten, es steht besser neben Karolina Kuszyk („In den Häusern der Anderen“) oder Olga Tokarczuk, weil es sich auf die gespenstischen, nicht restlosen klärbaren Dinge einlässt, die in jeder Familie existieren und die am Ende unsere Geschichten und Literatur überhaupt erst stiften.
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. S. Fischer, 156 Seiten, 23 Euro.
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