Frauen verhüllten ihre Gesichter vor mir mit schwarzen Stofftüchern, ein Mann spuckte mir auf die Schuhe, ein anderer drängte ihn weg, nahm mich in den Arm, drückte und küßte mich auf beide Wangen, immer wieder.“ Christian Krachts bemerkenswert fremdartiger Roman „1979“ beginnt mitten in den Wirrungen der iranischen Revolution, der Beginn der bis heute andauernden Schreckensherrschaft der Mullahs.

Das schmale, kaum 200 Seiten lange Buch beschreibt eine Selbstauslöschung in zwei Akten. Ich-Erzähler ist ein schwuler Innenarchitekt, der in Teheran auf dekadente Partys geht, während der Pfauenthron schon wackelt und „Death to Israel, Death to America, Death to the Shah“ skandiert wird. Er verliert seinen kranken Partner in einem schäbigen Krankenhaus und erhält von einer obskuren Figur namens Mavrocordato den verhängnisvollen Auftrag, einen tibetischen Berg zu umrunden.

Heute lässt sich der Roman auch lesen als Erinnerung daran, dass auch die scheinbar so feste Herrschaft der Theokraten im Iran ganz plötzlich kollabieren kann, so wie 1979 die des Schahs. Trump hat das iranische Volk dazu aufgefordert, sich sein Land zurückzuerobern, er wolle dabei helfen. Aber wie kann so eine revolutionäre Zeit aussehen? Kracht schildert den Umsturz von 1979 als einen Strudel, „in den alles hineingezogen wurde, was nicht festgezurrt war, und selbst diese Dinge waren nicht mehr sicher.

Es schien, als gäbe es kein Zentrum mehr, oder gleichzeitig nur noch ein Zentrum und nichts mehr darum herum.“ Krachts Beobachter ist ahnungslos. Er weiß nicht, was die Menschen tun werden und warum. Wie er sehen wir gerade dabei zu, wie sich der uralte, riesige Iran in eine unvorhersehbare Richtung entwickelt.

„Ich ließ mich, wie man sagt, von der Menge treiben, überall sah ich in glückliche, weit aufgerissene Gesichter, Autos standen quer auf der Straße, die Menschenmassen brandeten die Alleen hoch, ich sah in die Luft gehaltene Gewehrattrappen aus bemaltem Holz, Kinder trugen Handgranaten aus Pappmaché an ihren Gürteln, grüne Luftballons flogen in den verhangenen Winterhimmel hoch, ein Fernsehapparat, den irgendjemand aus einem Hochhaus geworfen hatte, zerschellte auf dem Asphalt.“

Die seltsamen ideologischen Koalitionen, die sich damals innerhalb der Linken bildeten, entgehen Kracht nicht. Eine der großen Fragen der Gegenwart ist nun, wer den Ayatollahs folgen könnte – der Sohn des letzten Schahs? Eine Riege pragmatischer Autokraten? Kracht beschreibt am Vorabend der eigentlichen Machtübernahme einen Reigen antiwestlicher, radikaler Ideologien, der durch die Straßen der iranischen Hauptstadt wogt – und baut kleine, historisch eher unwahrscheinliche Vignetten ein wie Jugendliche, die Plakate mit dem Namen Pol Pots und der „Bater-Meinhof“-Gruppe (sic!) vor sich her tragen.

In einer so instabilen Situation, so suggeriert der kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center vom September 2001 erschienene Roman, ist vieles denkbar. Hoffen wir, dass es diesmal besser ausgeht als 1979.

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