Ein einmaliger Fall in der Geschichte des Kinos: Mit „The Apprentice“ hat Ali Abbasi 2024 nicht nur einen Film über die frühen Jahre des Donald Trump gedreht – sondern zugleich einen Film über den Mann, der jetzt Abbasis Heimat mit Bomben überzieht. Abbasi kam vor 45 Jahren in Teheran zur Welt, verließ mit 21 sein Land und studierte an der Nationalen Filmschule Dänemarks Regie. Sowohl sein Film „Holy Spider“ über einen Serienmörder in der heiligsten Stadt des Irans als auch „The Apprentice“ wurden nach Cannes geladen. Den Krieg gegen die Islamische Republik beurteilt er höchst zwiespältig – aber er sieht auch ein „Versagen der islamischen Zivilisation“.
WELT: Wo befinden Sie sich?
Abbasi: In Dänemark.
WELT: Haben Sie in den vergangenen Tagen gefeiert – oder eher nicht?
Abbasi: Ich finde es einerseits seltsam, den Tod eines Menschen zu feiern. Andererseits begreife ich es völlig, wenn Menschen den Tod von jemandem wie Chamenei feiern, der drei Jahrzehnte lang für einige der schlimmsten Verbrechen verantwortlich war, die gegen Menschen im Iran begangen wurden. Ich verstehe, dass die Leute sagen, er habe jetzt bekommen, was er verdient habe. Wenn ich den Vorgang aus einer allgemeineren Perspektive betrachte, ist es für mich das Versagen einer Gesellschaft. Ist es eine Lösung für Konflikte, eine Bombe auf den Führer zu werfen und danach noch viel mehr Bomben? Das ist keine Lösung, nicht einmal annähernd. Bin ich erleichtert, dass er nicht mehr da ist? Ich bin es. Hoffe ich, dass sich die Dinge positiv entwickeln können? Ich hoffe es. Aber bin ich glücklich? Ganz und gar nicht.
WELT: Haben Sie noch Verwandte im Iran, und wie geht es ihnen?
Abbasi: Meine Eltern waren bis vor ein paar Monaten noch im Iran. Ich habe lange auf meinen Vater eingeredet, das Land zu verlassen, und er hat zum Glück schließlich auf mich gehört. Von vielen anderen Verwandten weiß ich nicht genau, wie es ihnen geht, weil die Verbindungen abgeschnitten sind. Dies ist keine begrenzte Militäroperation, sondern ein Flächenbombardement. Die Chance, dass jemand zu Schaden kommt, den ich kenne, ist ziemlich hoch.
WELT: Ist der Iran reif für eine Revolution gegen die Islamische Republik?
Abbasi: Die iranische Gesellschaft ist sehr zersplittert, innerhalb des Landes und im Exil. Ein Wendepunkt waren die Massaker an Zivilisten im Januar, dadurch hat das Regime die Unterstützung vieler Bürger verloren, die bis dahin einigermaßen zufrieden gewesen waren.
WELT: Würden Sie eine Voraussage wagen, wie der Iran in einem halben Jahr aussehen wird?
Abbasi: Die Tötung von Schlüsselfiguren der Islamischen Republik hat das System erschüttert. Allerdings gibt es in der Weltgeschichte kein Beispiel dafür, dass ein Regime durch Angriffe aus der Luft gestürzt worden wäre. Das wird auch im Iran nicht gelingen, es ist einfach ein zu großes Land, als dass Luftangriffe diesen Effekt haben könnten. Ich könnte mir vorstellen, dass Elemente in der Islamischen Republik zu einer Art Abkommen mit den Amerikanern bereit wären, um ihre Herrschaft zu erhalten. Oder es kommt doch zu einem Volksaufstand gegen das System. Aber das halte ich für eine eher romantische Vorstellung. Würden Sie auf die Straße gehen, um Revolution zu machen, wenn diese Straßen von oben bombardiert werden?
WELT: Aber muss die Sache nicht doch in den Straßen ausgefochten werden?
Abbasi: Ja, zum Teil. Auf jeden Fall ist das Herangehen der Europäischen Union – „Lasst uns über Frieden und Stabilität reden!“ – dümmlich. Die EU ist so irrelevant, wie man sich das nur vorstellen kann. Leider fehlt den Iranern auch eine Vorstellung davon, unter welchem Banner sie einen Konsens erreichen könnten; mit Sicherheit nicht unter dem Sohn des früheren Schahs. In den ersten Stunden des Kriegs wurden durch einen israelischen Angriff mehr als 100 Kinder einer Mädchenschule getötet. Wo ist der Oppositionsführer, der die Stimme erhoben und gesagt hätte: „Wir sind gegen diese Regierung, aber solche ‚Kollateralschäden‘ sind auch nicht akzeptabel!“? Das israelische Militär weiß genau, wo sich die Führer des Regimes zu welcher Minute aufhalten, aber es weiß nicht, dass dies eine Mädchenschule war!? Es ergibt keinen Sinn.
WELT: Was wollen Amerikaner und Israelis erreichen?
Abbasi: Ich bin kein politischer Analyst, aber meiner Meinung nach haben sie unterschiedliche Ziele. Die israelische Agenda ist expansionistisch. Hamas ist eine faschistische und terroristische Organisation – aber die Art und Weise, wie Israel sie bekämpft, erweckt nicht den Eindruck von Verteidigung, sondern von Ausdehnung. Im Iran hofft es auf eine israelfreundliche Regierung, zum Beispiel mit dem Schah-Sohn, aber vorsichtshalber bombt es alle militärischen Kapazitäten des Landes in Grund und Boden. Das ist einfach zu durchschauen. Bei den Amerikanern ist es schwieriger. Ich glaube, dass Donald Trump wirklich nicht genau weiß, was er tut. Was nicht heißen soll, dass es falsch ist, was er tut. Es wirkt wie das Vorgehen von Putin in der Ukraine: Wir schicken Hunderte von Flugzeugen, killen die Führung, und dann gehen wir wieder raus. Der Nahe Osten ist für die Amerikaner nicht mehr so wichtig, wie er es einmal war. Öl haben sie selbst, und solange die Scheichs ihren Reichtum in den USA investieren, ist alles in Ordnung. Die Amerikaner sind in diesen Krieg nicht hauptsächlich aus Eigeninteresse gegangen, sondern im Interesse Israels.
Das klingt, als sei ich ein Gegner der USA und Israels, was ich nicht bin. Ich sehe vielmehr ein Versagen unserer islamischen Zivilisation. Wir waren nicht in der Lage, Gesellschaften zu errichten, die auf Vermittlung und Koalitionen beruhen. Wie viele politische Parteien gibt es im Iran? In Saudi-Arabien? Wir müssen dringend unseren Kurs ändern, und dieser Krieg könnte einen Wendepunkt darstellen. Aber was für einen? Wie in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, das eine Demokratie wurde, oder wie im Irak nach dem Zweiten Golfkrieg mit einer chaotischen Desaster-Show?
WELT: Sie haben ja versucht, „Holy Spider“ mit offizieller Genehmigung im Iran zu drehen und sind gescheitert. Können Sie sich vorstellen, dorthin zurückzukehren?
Abbasi: Absolut, ja. Iran ist weiter eine cineastische Großmacht, trotz Zensur, trotz Sanktionen, trotz des Fehlens von Kapital. Ich habe den Behörden mein Projekt „Holy Spider“ vorgestellt, habe meine Bereitschaft erklärt, gewisse rote Linien nicht zu überschreiten und die Gesetze des Landes zu respektieren, selbst wo ich sie für dumm halte. Sie haben nicht reagiert. Also habe ich die andere Option gezogen und bin nach Jordanien gegangen. Um wieder im Iran zu arbeiten können, muss das Land keine liberale Demokratie sein. Es muss nur weniger faschistisch und chauvinistisch werden.
WELT: Kennen Sie Kollegen, die zurückgehen?
Abbasi: Jafar Panahi hat immer gesagt, er wolle zurückkehren, sobald die Oscar-Kampagne für seinen Film vorbei sei, also Ende März. Andere, wie Bahman Ghobadi und Mohammad Rasoulof, leiden darunter, nicht in ihrer Heimat arbeiten zu können. Ich habe es leichter, weil ich sowohl im Iran als auch außerhalb gearbeitet habe. Selbst wenn sich dieser Krieg hinziehen sollte, glaube ich, dass Kollegen zurückgehen werden.
WELT: Was wurde mit Ihren „Holy Spider“-Schauspielern, die alle aus dem Iran kamen?
Abbasi: Die Hauptdarsteller mussten ins Exil. Mehdi Bajestani lebt nun in Frankreich, Zar Amir Ebrahimi ebenfalls, Arash Ashtiani lebt in London, und auch unser Editor Hayedeh Safiyari konnte nicht zurück. Aber das System hat wesentlich größere Probleme als uns Filmleute.
WELT: Was wird aus all den Künstlern, die jahrelang mit dem System gearbeitet haben?
Abbasi: Darunter sind einige der größten Stars des iranischen Kinos, und sie haben sich wirklich auf die Seite des Regimes geschlagen. Das heißt, sie blieben stumm, als die Demonstranten starben, als Kollegen auf die Schwarze Liste kamen, als Filme beschlagnahmt wurden. Viele von diesen Leuten waren bei großen Festivals wie in Cannes oder Berlin und haben dort Preise gewonnen.
WELT: Darf ich Ihnen einen Namen hinwerfen, den von Asghar Farhadi, zwei von dessen Filmen Oscars gewannen und der sich nie von dem Regime distanziert hat?
Abbasi: Ich kenne Asghar nicht sehr gut, habe ihn nur ein paar Mal getroffen. Ich glaube, das Bedauernswerte an seiner Lage ist, dass er in ein enorm politisiertes Land hineingeboren wurde, selbst aber nicht politisch sein möchte. Ich fühle mit ihm. Als Künstler musst du einerseits das Recht haben, an solchen Dingen nicht interessiert zu sein. Andererseits wäre ich nicht fähig, mich so zu verhalten, wie er es getan hat. Ich hätte nicht in einem Regime arbeiten können, das blutgierig war und Menschen verstümmelt und getötet hat. Ich habe keinen einzigen Spielfilm im Iran zustande gebracht – und er sieben. Darunter sind großartige Filme. Die Frage ist, wie sie vor der Geschichte altern werden.
WELT: Sie haben von der großen Berlinale-Kontroverse gehört …
Abbasi: Die Jury wurde gefragt, ob das Festival nicht nur über das Leiden der Menschen in der Ukraine und dem Iran reden solle, sondern auch über das Leid in Gaza. Meiner Meinung nach hat Wenders in seiner Antwort versucht, der Frage auszuweichen. Auch hier gilt: Es ist absolut nichts Falsches daran, als Künstler unpolitisch oder desinteressiert zu sein, aber das ist an sich schon eine politische Entscheidung. Außerdem waren diese Leute in ihrer Eigenschaft als Jurymitglieder anwesend, nicht als Künstler, und vertraten einen Ort, der historisch gesehen eine Arena des politischen Filmemachens war. Und das macht für mich den Unterschied. Es ging nicht so sehr darum, „sich an die Kunst zu halten und die niederen Geschäfte der Politik anderen zu überlassen“, sondern eher darum, „wenn Sie die Party ruinieren wollen, indem Sie bei unserem schönen Abendessen über Politik reden, müssen wir Sie zum Schweigen bringen“. Das entspricht definitiv nicht der Tradition der Berlinale.
WELT: Nun ist Tricia Tuttle gegen Widerstände aus der deutschen Politik als Berlinale-Leiterin bestätigt worden. Einige Regisseure hatten angekündigt, ihre Filme nicht mehr zur Berlinale zu geben, falls sie abgesetzt werden sollte. Würden Sie Ihren nächsten Film auf der Berlinale laufen lassen?
Abbasi: Ich besitze eine enge Verbindung zu diesem Festival, mein erster Film wurde dort uraufgeführt. Und ich liebe das deutsche Kino von Wenders und Fassbinder und Herzog, was mich umso trauriger macht, wenn ich seinen derzeitigen Zustand ansehe. Wollte ich mit meinen Filmen an einen Ort, wo Zensur stattfindet, sei es Cannes oder Berlin oder Teheran? Nein. Ich habe mein Land verlassen und mich zu einem Heimatlosen gemacht, weil ich prinzipiell gegen Zensur bin. Es muss Raum für alle Meinungen geben.
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