Tote werden nicht unbedingt ansehnlicher davon, wenn man sie länger liegen lässt. Das weiß eigentlich jeder, der die vergangenen – sagen wir – vier Jahrzehnte nicht auf einer einsamen Insel ohne Fernsehen und Trivialliteratur verbracht hat. Und deswegen so gar keine Ahnung hat, was Forensiker oder Gerichtsmediziner so tun.
Spätestens seit in Patricia Cornwells erstem Roman „Post Mortem“ die elegante, kühle, kluge Dr. Kay Scarpetta in Richmond ihren Dienst als Chefpathologin des Bundesstaates Virginia aufgenommen hat, haben nämlich Leichenbeschauer den Privatdetektiv als Zentralfigur in Kriminalliteratur und -film abgelöst. Von Richmond bis Münster lassen Boerne und Co. die Stryker-Sägen nach Herzenslust kreischen, es spritzt Hirnmasse, Gedärme und Geschosse werden aus Leichen gepult.
Man muss nicht lange nachdenken, um auf mindestens ein Dutzend Serien zu kommen, in denen Leichenbeschauer in ständiger Kompetenzüberschreitung den Ermittler geben. Das führte so weit, dass manch echter Pathologe die Seiten wechselte und plötzlich Knochensägen-Bestseller schrieb. Michael Tsokos zum Beispiel, der fast zwei Jahrzehnte lang das Institut für Rechtsmedizin an der Berliner Charité leitete, bis er anfing mit Sebastian Fitzek (und später allein) erfolgreich Bücher mit ziemlich hohem Blutverlust zu verfassen.
Ein bisschen tragisch ist, dass ausgerechnet Patricia Cornwell und Kay Scarpetta, sozusagen der Ur-Meter der Pathologie-Literatur, vom Pathologenboom in Film und Fernsehen so gar nichts hatten. Cornwell schrieb mit schöner Regelmäßigkeit Thriller mit gewaltigen Spannungskurven und eher flacher literarischer Qualität. Dreißig sind es mittlerweile, und Pläne zur Verfilmung gab es genug. Erst sollte Demi Moore Kay Scarpetta spielen (das war in den Neunzigern), dann Angelina Jolie (das war Anfang der Nullerjahre). Zwischendurch – hat sie unlängst verraten – hat Patricia Cornwell bei Jodie Foster und Helen Mirren nachgefragt.
Es ist also das Ende einer – zu Cornwells leidensreichen Büchern durchaus passenden – Schmerzensgeschichte, wenn Kay Scarpetta ihren Dienst jetzt endlich bei Amazon Prime aufnimmt – und tatsächlich so aussieht, wie wir sie uns immer vorgestellt haben, weil Nicole Kidman sie jetzt spielt. Zumindest – und hier wird es leider ein bisschen kompliziert – zur Hälfte. „Scarpetta“ ist nämlich zwei Thriller. Showrunnerin Liz Sarnoff verschränkt Cornwells „Post mortem“ von 1990 mit „Autopsy“, einem Roman von 2021. Und erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen und mit gleich zwei Scarpettas.
Los geht es 2025. Scarpetta (Nicole Kidman) kehrt zurück nach Richmond. Eine Frauenleiche wird gefunden, nackt, gefesselt, ihre fehlen die Hände, eine plattgedrückte Münze liegt herum. Der Mord erinnert Kay an jenen drei Jahrzehnte zurückliegenden Fall, dem sie ihre Karriere verdankt. Scarpetta (Rosy McEwen, die tatsächlich wie ein Klon der jungen Nicole Kidman aussieht) hatte den Mörder, dessen Opfer ähnlich zugerichtet waren, mit den damals noch beschränkten forensischen Mitteln dingfest gemacht. Gegen einen machistischen Polizeiapparat, in einem wahren Intrigenstadl. Zumindest glaubt sie das.
Zum Glück spielt Jamie Lee Curtis mit
Doch der alte Fall ist auch die Wurzel ihres üblen Familienlebens. Ihren undurchsichtigen Mann – FBI-Agent (Ex-„Mentalist“ Simon Baker) – lernte sie damals kennen, und einen Cop (Bobby Cannavale), der heimlich Kay liebte, später aber deren ziemlich durchgeknallte Schwester Dorothy (Jamie Lee Curtis) geheiratet hat.
Unter Schwestern: Kay Scarpetta (Nicole Kidman) und Dorothy Farinelli (Jamie Lee Curtis)Jetzt sind sie aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände alle in Kays gigantischer Villa versammelt, inklusive Dorothys nerdiger, lesbischer Tochter Lucy (Ariana DeBose), die sich einem digitalen Avatar ihrer an einem Aneurysma gestorbenen Frau erschaffen hat, mit dem erst sie spricht und dann auch alle anderen reden. Tatsächlich vergeht keine halbe Folge, bis die Fetzen der Familientraumata fliegen. Was Kays Gesamtsituation nicht besser macht, weil es den Intrigantenstadl von damals auch noch gibt und der auf Fehler von ihr wartet.
„Scarpetta“ ist leider einer jener Fälle, an denen Pathologen manchmal verzweifeln: ein Puzzle mit zu vielen Teilen. Aus eigentlich ganz vielversprechenden Plotpartikeln wird eine Geschichte, die leider lahmt. Es kommt alles vor, was in Serienkillerserien heutzutage so vorkommt – latenter Rassismus und toxische Männlichkeit, uralte Homophobie und genetische Raketenwissenschaft, Trauer und Traumata. Agenten tun ihre Arbeit und Betriebsspione gehen um. Die Polizei ist ein klandestiner Haufen, Männer sind Schweine und Frauen ist nicht zu trauen. Einmal regnet es auch Körperteile vom Himmel.
Sarnoff und Cornwell haben Seifenoper und Serienkiller zusammengeschraubt. Und springen wie die Teufel zwischen den Zeitebenen hin und her. Schön wird es eigentlich nur, wenn die herrlich überdrehende Jamie Lee Curtis, die auch als Co-Produzentin wirkte und deren Hartnäckigkeit sich „Scarpetta“ verdankt, in den Infight gegen die Titelheldin geht.
Am Ende steht Nicole Kidman blutbespritzt mit jenem Baseballschläger in der Hand da, mit dem Rosy McEwen ein paar Stunden vorher vor Wut auf ein Skelett eingedroschen hatte. Sie blickt auf, starrt jemanden erschrocken an. Und wir wissen nicht, ob wir wirklich wissen wollen, wer es ist. Werden es aber wohl erfahren. Die zweite Staffel von „Scarpetta“ ist schon abgedreht.
„Scarpetta“ läuft auf Amazon Prime.
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