Ist das noch Demokratie oder schon Faschismus? Immer wieder, ob bei Donald Trump in den USA oder der AfD in Deutschland, wird die F-Frage gestellt. Nach dem Motto: Ist es schon wieder kurz vor 1933? Doch solche historischen Schablonen führen zu einer Inflationierung und Entleerung des Faschismusbegriffs, der selbst eine schillernde Geschichte hat. Sollte man heute besser gar nicht mehr vom Faschismus sprechen?
Seit seinen Anfängen hat die Rede vom Faschismus etwas Widersprüchliches. Zunächst handelte es sich um eine Selbstbezeichnung der italienischen Faschisten. Weil jedoch Benito Mussolinis Machtübernahme zur Nachahmung inspirierte, war es nur logisch, auch dann vom Faschismus zu sprechen, wo Regime eindeutig dem italienischen Beispiel nacheiferten, selbst wenn sie sich – wie die deutschen Nationalsozialisten oder die spanischen Klerikalfaschisten – selbst anders nannten. So wurde aus der Selbstbezeichnung ein Sammelbegriff. Und zwar einerseits für die politischen Bewegungen und andererseits für die Herrschaftssysteme, die sie installierten.
Verkompliziert wurde die Angelegenheit, als die Kommunistische Internationale den Begriff des Sozialfaschismus in den Ring warf. Dahinter stand die nicht völlig abwegige Beobachtung, dass selbst Leute ohne Mussolini-Faible dem Faschismus den Weg an die Macht bereiteten. Keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder, lautete damals die auf Sozialdemokratie und Faschismus gemünzte Formel der Familienähnlichkeit. So zerfiel der Faschismusbegriff in eine objektive Lesart („Sozialfaschismus“ als unbewusste Koalition entgegengesetzter Kräfte) und zudem noch eine subjektive Lesart, die sich beispielsweise in der Erkundung unbewusster Einstellungen („F-Skala“) manifestierte.
Im Ergebnis hatte man es bald schon mit einer beachtlichen Menge konkurrierender Faschismusbegriffe zu tun. Und als mit Franco in Spanien auch die letzten Ausläufer der historischen Epoche des Faschismus verschwanden, war der Faschismus längst ein Kampfbegriff und etwas wie eine politische Metapher geworden. Entsprechend konnten „Neue Linke“ wie Pier Paolo Pasolini vom „Konsumfaschismus“, Jürgen Habermas vom „Linksfaschismus“ oder Gilles Deleuze und Félix Guattari vom „Mikrofaschismus“ sprechen, ohne dabei historisch oder begrifflich allzu streng sein zu müssen. Und für die RAF war Faschismus alles, was mit dem Westen und der Bundesrepublik zu tun hatte.
Und heute? Haftet am Begriff des Faschismus vor allem noch die affektive Mobilisierung und moralisierende Abgrenzung („Brandmauer“), die sich allerdings umso mehr erschöpft, je offensichtlich willkürlicher der Anwendungsbereich ist. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Merkur“ konstatiert Gunnar Hindrichs eine „Veränderung des Faschismuskonzepts zum Etikett“. Der Basler Philosophieprofessor argumentiert, dass die älteren linke und auch konservativen Faschismustheorien von einem gemeinsamen Problem ausgingen, nämlich den sozialen und transzendentalen Defiziten der bürgerlichen Gesellschaft, die der Faschismus mit neuen Mythen zu beheben antrat.
Ab den 1980er Jahren hat sich nach Hindrichs der Faschismusbegriff völlig von dem bisherigen historischen und begrifflichen Rahmen gelöst, der zutiefst mit der Einsicht in die „Unwucht der bürgerlichen Gesellschaft“ verbunden war. Der Faschismus versprach die Sozialintegration zu leisten, die bei der Systemintegration auf der Strecke blieb. Oder anders gesagt: Wo der Liberalismus zerstörte und gestörte Bindungen hinterließ, wollte der Faschismus neue Bindungen schaffen, ohne die soziale Frage zu stellen. Deswegen konnte der Faschismus verschiedene und sich teils widersprechende ideologische Versatzstücke neu kombinieren, solange eine mythische Einheit im Zentrum stand – gestiftet durch Gewalt bis hin zum kollektiven Massenverbrechen der Judenvernichtung.
Die „Etikettfunktion“ des Faschismus resultiert nach Hindrichs nicht nur in einer begriffsgeschichtlichen, sondern auch in einer gesellschaftsgeschichtlichen Veränderung. Heute verliert das politische System zwar auch merklich an Integrationskraft, so Hindrichs, doch es gibt keine großen, mythischen Gegenentwürfe einer sozialen Integration und kein konformistisches Aufbegehren gegen die transzendentale Obdachlosigkeit. Die Legitimationskrisen der Gegenwart entfesseln nicht mehr die brutalen Gegenkräfte wie im „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawm). „Desintegration wird zum Zustand“, folgert Hindrichs. Und Zynismus, so könnte man mit dem Philosophen Vladimir Safatle hinzufügen, wird zur herrschenden Ideologie.
Das Etikett Faschismus blockiert heute Erkenntnis, anstatt sie zu fördern, so Hinrichs. Wie man mit diesem Problem umgeht? Die übliche Verlegenheitslösung ist die Vorsilbe Post-, mit der man beim „Postfaschismus“ landet. Das signalisiert Kontinuität und Bruch zugleich und hilft immerhin zu erklären, warum der heutige Rechtspopulismus immer wieder den historischen Faschismus zitieren kann, ohne deswegen – wie die aufgeschreckten „wehrhaften Demokraten“ stets vermuten – mit ihm wesensgleich zu sein. Einen anderen Vorschlag macht Patrick Eiden-Offe in der gleichen Ausgabe vom „Merkur“: Der Berliner Literaturwissenschaftler spricht von der „Faschisierung“, um das Etikett Faschismus zu vermeiden – und um wieder genauer auf die Details zu schauen.
Dass der Faschismusvorwurf als Wunderwaffe der öffentlichen Kritik ausgedient hat, beschreibt Eiden-Offe an einer beispielhaften Szene. Da ist der frisch gewählte New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani für einen Pressetermin mit Donald Trump im Oval Office. Gefragt, ob er den US-Präsidenten noch immer für einen Faschisten halte – was in den USA auch bekannte Publizisten wie Timothy Snyder behaupten –, fängt Mamdani ausweichend an zu antworten, bis ihn der lächelnde Trump auf den Arm klopft und einfach sagt: „It’s okay. It’s easier than explaining it. I don’t mind.“ Es ist egal, und es ist auf jeden Fall einfacher, als irgendetwas zu erklären. Nach dem Verlust der analytischen Kraft hat Trump dem Faschismusvorwurf auch noch die performative Kraft genommen.
Während in Wissenschaft und Öffentlichkeit mit überraschender Selbstverständlichkeit der alte Faschismus mit neuen Attributen versehen wird und vom „demokratischen Faschismus“ (Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey) oder „neuen Faschismus“ (Rainer Mühlhoff) die Rede ist, plädieren Hindrichs und Eiden-Offe für einen Abschied vom inflationären und entleerten Faschismusetikett und für eine neue theoretische Anstrengung im Umgang mit dem Begriff. Selbst wenn das nur mit Hilfskonstruktionen wie Postfaschismus oder Faschisierung möglich ist. Was der „Merkur“ anstößt, ist eine dringend benötigte Debatte, in der man nichts zu verlieren hat als ein „spektakuläres Faschismus-Gezische“ (Hindrichs), aber kritische Einsichten gewinnen könnte. Auch wenn das Besitzstandswahrern des billigen Faschismusvorwurfs nicht gefallen wird.
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