„Ich bin ja mal gespannt, ob er kommt!“ – „Warum soll er nicht kommen?“ Schon beim Einlass kennt das Publikum nur ein Thema: Wie wird Wolfram Weimer auftreten? Und wie wird er sich schlagen? Der Kulturstaatsminister hat seit Wochen schlechte Presse. Mit der Affäre um den Deutschen Buchhandlungspreis hat er eine ganze Branche gegen sich aufgebracht.
Am Mittwochabend wurde die Leipziger Buchmesse mit einem Festakt im Gewandhaus eröffnet, und schon vorab gaben Proteste draußen den Wutpegel der Branche kund. Transparente zeigen Parolen wie „Kultur schützen – Weimer entlassen“. Flyer mit markigen Sprüchen werden verteilt: „Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei!“
Ein Redner bemüht – in Anspielung auf Kafkas „Prozess“ – sogar Weltliteratur: „Jemand musste den Golden Shop, die Rote Straße und die Schwankende Weltkugel verleumdet haben.“ Das sind die Namen der drei Buchhandlungen, die Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen hat, weil „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ vorlägen. Welcherart diese Erkenntnisse sind, wurde bis heute nicht transparent gemacht. Ein rechtsstaatliches Blackbox-Verfahren, das für größte Irritationen gesorgt hat, und zu dem sich Weimer auch im jüngsten Interview zur Sache in der „Zeit“ nicht erklären konnte oder wollte.
Die Stimmung der Branche ist geladen – so sehr, dass Wolfram Weimer sogar seinen geplanten Buchmesse-Rundgang abgesagt hat. Nur den Auftritt im Gewandhaus zur Eröffnung konnte er nicht schwänzen. Die Anti-Weimer-Vibes im Saal sind spürbar. Proaktiv und dabei ebenso höflich wie kritisch sprechen die anderen Politiker und Redner des Abends die wunden Punkte an. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) schaffen einen klugen, deeskalierenden Rahmen. Deutlich in der Sache bleibt Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: „Wir werden Ihren autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren.“ Tosender Applaus.
„Ich werde für vermeintliche Interventionen kritisiert“
Auftritt Weimer: Buh-Rufe. Natürlich kann er an diesem Abend gar nichts richtig machen. Selbst eine Mea-Culpa-Rede hätte nichts geholfen. Er will sich erklären, hofft auf Applaus mit Habermas, betont dessen „herrschaftsfreien Diskurs“. Sich gegenseitig zuzuhören, das sei das „Habermas-Verfahren“ – hier glaubt der Ex-Journalist Weimer, qua Wording eine Pointe zu platzieren, einen Schritt weg vom „Haber-Verfahren“, dem Terminus Technicus für die Abfrage von Geheimdienstinformationen beim Innenministerium.
Weimer erklärt seinen Punkt: „Ich werde für vermeintliche Interventionen kritisiert.“ Er argumentiert, dass es um zwei Kategorien gehe: die Kategorie der Freiheit (vom Staat) und die Kategorie der Förderung (durch den Staat), und bei letzterer müsse Politik eben sehr wohl eine Handhabe gegen Extremisten haben. Applaus im Saal. Aber auch Zwischenrufer: „Rücktritt!“ Ein Weimer-Satz der insgesamt schnell vergessenen Rede lässt aufhorchen. Er wolle den Buchhandlungspreis mit dem Börsenverein, der Kurt-Wolff-Stiftung „und anderen Stakeholdern“ neu aufsetzen. Aha, wie denn?
Dann findet mal eine Lösung, sagt sinngemäß Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der an diesem Abend wie ein zur Deeskalation gebuchter Mediator auftritt: „Es ist Buchmesse und hier ist was los.“ Bei einer Sache nimmt Kretschmer Weimer in die Pflicht: „Wir hören nicht auf, Bücher zu archivieren, solange es Bücher gibt. Und wir werden das Geld für die Nationalbibliothek nun besorgen“, so Kretschmer. Das spielt auf Weimers zweite aktuelle Affäre an: Der BKM, der sein Amt mit dem Versprechen angetreten war, die nationalen Leuchttürme der Kultur zu stärken, hat vorige Woche die Deutsche Nationalbibliothek infrage gestellt: Ob die Einrichtung, die jedes in Deutschland und in deutscher Sprache erscheinende Buch für die Nachwelt sammelt, ihren längst geplanten Erweiterungsbau in Leipzig wirklich brauche. Weimers Tenor: Muss man gedruckte Bücher noch sammeln – wenn es doch längst Digitalisate gibt?
Mit diesem Hinweis könnte man argumentativ sämtliche Museen, Objekte und Archive erledigen – digitalisieren und abschaffen. Die Deutsche Nationalbibliothek als PDF-Datenbank? Inzwischen bemüht sich die BKM-Pressestelle um Schadenbegrenzung.
Sebastian Guggolz (links), der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, zeichnet Miljenko Jergović mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausSonst noch was, neben dem ganzen Polit-Zirkus? Ja, zum Glück auch Literatur! Und zwar solche, die über den bis dahin sehr deutschen Abend hinausreichte. Der bosnisch-kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović erhielt den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und hielt als Protagonist des Abends eine Rede, die alle erhitzten Gemüter nur wieder beruhigen und daran erinnern konnte, was Europa und was Literatur ist. „Eine Vielfalt der Welten, die sich der Vielfalt seiner Sprachen verdankt.“
Europa sei, so Jergović im zentralen Bild seiner Rede, wie ein Dutzend Paar alter Schuhe, das man zu Hause habe. Manche seien schon richtig abgelatscht, an der Ferse heruntergetreten. Und doch schmeiße man sie nicht weg. Weil man in ihnen mal eben zum Nachbarn huschen kann. „Die Hoffnung, dass aus Altem Neues werde, nennt man Tradition, europäische Tradition.“ Und es müssten mindestens ein Dutzend Paar Schuhe sein, „auch wenn nur drei Menschen im Haus wohnen, denn Auswahl ist wichtig. Ohne Wahlmöglichkeit gibt es weder menschliche Freiheit noch Demokratie.“ Zuvor hatte die österreichische Autorin Barbi Marković in ihrer Laudatio auf Jergović den vielleicht schönsten Satz des Abends gesagt, den auf einer Buchmesse ohnehin kein Politiker zu hören bekommt: „Und ich dachte mir nur, was für ein Hero.“
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