In der goldenen Zeit des britischen Nachkriegs-Spionageromans war Len Deighton einer der wenigen Autoren, die nie selbst für den Geheimdienst gearbeitet hatten – anders als John Le Carré, Frederick Forsyth, Ian Fleming und Ted Allbeury. Sein Blick auf die Agentenszene blieb deswegen immer der eines Außenseiters – und er sah sie als Oberklassenbiotop.

Die Spione in Deightons Romanen waren dagegen proletarische oder kleinbürgerliche Anti-Bonds, denen geschüttelt oder gerührt egal war und die am denkwürdigsten von Michael Caine in „The Ipcress File“ und zwei weiteren Harry-Palmer-Filmen (in den Büchern war der Agent namenlos) verkörpert hat. Sie kämpften nicht nur gegen die Russen, sondern auch gegen unzuverlässige Elitesprösslinge in den eigenen Reihen.

Die britische Oberklasse kannte Deighton, der jetzt im Alter von 97 Jahren gestorben ist, aus nächster Anschauung. Sein Vater war Chauffeur bei einem reichen Erben und Kunsthistoriker. Dass er seine Karriere mit Kochrezepten für den „London Observer“ begann, hatte mit Deightons Mutter, die Köchin war, und mit seiner eigenen krummen Bildungsgeschichte zu tun. Zuvor war er Soldat, Konditor, Kellner, Fotograf und Illustrator.

Deighton mit Michael Caine bei Dreharbeiten für „The Ipcress File“

Der Durchbruch als Schriftsteller kam 1962 mit „The Ipcress File“, als, angefeuert vom Bond-Hype, alle Verlage, Leser und die Filmindustrie wild auf Agentenstoffe waren. Zwischen den Spionageromanen frönte Deighton immer wieder seiner Leidenschaft fürs Kochen. Lieblingstitel: „French Cooking for Men“. Für Männer waren auch seine historischen Sachbücher über die Luftschlacht um England und allgemein über „Bomber“ gedacht. Wenn heute Männer kaum noch Bücher lesen, dann liegt das daran, dass es keine Deightons mehr gibt.

Aus hiesiger Sicht besonders interessant waren seine Romane mit Deutschland-Bezug: In „Funeral in Berlin“ operiert Harry Palmer kurz nach dem Mauerbau. 1966 wurde das mit Michael Caine und sehr vielen deutschen Schauspielern verfilmt. In „SS‑GB“ von 1978 war Großbritannien besiegt und von den Nazis besetzt. Die BBC verfilmte das 2017 mit Lars Eidinger. 1983 kehrte Deighton mit „Berlin Game“ (dt. „Brahms vier“) literarisch nach Deutschland zurück: Wieder ging es darum, die Flucht eines Überläufers zu organisieren. Diesmal gelang es, obwohl der Held Bernard Samson von seiner eigenen Frau verraten wurde. Die stammte aus der Oberschicht und hatte vordergründig aus Idealismus, in Wahrheit aus Snobismus und Überdruss angefangen, für die Russen zu arbeiten.

Das Buch, das als „Berliner Spiel“ im Kampa-Verlag gerade eben wieder auf Deutsch erschienen ist, überzeugt nicht nur mit Kenntnis von Stadtdetails in Ost und West, sondern auch mit Beobachtungen über die Eingeborenen. Beim Anblick eines Agentenkollegen in seinen Fünfzigern, lässt Deighton Bernard Samson darüber sinnieren, warum Deutsche eine Neigung für etwas zu enge Kleidung haben.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.