SSein Atelier liegt im Hinterhaus eines Gebäudes im Pariser Osten, in der Nähe des berühmten Friedhofs Père Lachaise. Auf dem Glasdach liegt eine schwarze Katze auf der Lauer, sie jagt ein Wesen, das für andere nicht zu sehen ist. Vielleicht darf man das als Symbol lesen, denn dem französischen Künstler JR geht es auch um die Veränderung der Wahrnehmung, um Perspektivwechsel. In der Ecke scheint ein Mann mit Hut und Sonnenbrille bäuchlings auf dem Glasdach zu liegen, die Hände um das Gesicht zu einem Rechteck geformt, so als wolle er den Bildausschnitt verändern. Es ist JR selbst, der da liegt, oder besser gesagt sein schwarz-weißes lebensgroßes Porträt, das ihm und seinem Team bei der Arbeit zusieht.
„JR ist der französische Banksy“, schreiben die englischsprachigen Zeitungen gern. Beide sind Stars des Kunstbetriebes. Ansonsten haben der Franzose und der Brite nicht viel mehr als die Straße gemein. Aber was heißt das heute eigentlich, Street Art? Was ist übrig geblieben von der Rebellion, wenn JR inzwischen von großen Galeristen wie Emmanuel Perrotin vertreten wird und Künstler wie Banksy bei Auktionen Millionen machen mit Werken, die sich vor den Augen der entsetzten Käufer selbst zerstören?
Auch JR fing als Graffiti-Künstler an und suchte deshalb die Anonymität. Was er tat, war illegal. Deshalb benutzt er bis heute nur die Initialen seines Vor- und Nachnamens. Sie sind sein Markenzeichen geworden, genau wie die Sonnenbrille und der Hut, die er immer trägt. Oder die monumentalen Schwarz-Weiß-Collagen, niemals in Farbe. Manche behaupten, JR stehe für Jean-René. Andere sagen, er habe sich von der Figur des Unsympathen J.R. Ewing aus der TV-Serie „Dallas“ inspirieren lassen. Womöglich heißt er auch Jérémie Josephe Rodach. Es spielt keine Rolle, der 43 Jahre alte Franzose ist als JR weltberühmt geworden, macht heute Projekte in Paris, Kairo, Rom, New York, in den Favelas von Rio de Janeiro oder in der Wüste des Death Valley.
Flatterhaft: JR in Paris„Die Straße ist die größte Galerie der Welt“, sagt JR gern. Aber anders als Banksy nutzt der Franzose sie nicht, um zu provozieren. JR will Menschen zusammenbringen, sie ins Gespräch verwickeln, Unsichtbares sichtbar, Leises hörbar machen. Dafür hat er 2007 für „Face 2 Face“ die Porträts von Israelis und Palästinensern auf beiden Seiten der Mauer plakatiert, die beide trennt. Es waren damals viele lachende Gesichter darunter. Zehn Jahre später hat JR Kikito, einen kleinen mexikanischen Jungen, als riesiges Papierkind über den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA blicken lassen.
Für dieses Projekt und für viele andere hätte ich niemals eine Erlaubnis bekommen. „Ich bin in vielen Ländern verhaftet und ausgewiesen worden“, sagt er. Das ist der Grund, warum er bis heute unter Pseudonym arbeitet und sich hinter seiner Brille und unter seinem Hut versteckt. Ist es womöglich doch ein Filter, mit dem er sich schützt und vor anderen auf Distanz hält? „Nein“, beteuert JR und nimmt seine Brille während des Gesprächs ab. Ein amerikanischer Grenzer habe ihn beispielsweise nicht erkannt und bei der Einreise in die USA gefragt, ob er den französischen Künstler kenne, der das Abbild eines kleinen Jungen am Grenzzaun aufgehängt habe. JR tat ahnungslos. „Ohne Hut und Sonnenbrille erkennt man mich nicht“, sagt er und ergänzt: „Dieselbe Arbeit, die an einem Ort als Verbrechen, als Vandalismus gilt, wird in einem anderen Kontext als Kunstwerk wahrgenommen.“
JR kam in Paris zur Welt, wuchs aber im Vorort Montfermeil auf. Dort begann alles mit Graffiti. Er sah sie damals nicht als Kunst, sondern als Ausdrucksmittel und Möglichkeit, „zu existieren“. 2004 hat JR dort die bröckligen Mauern eines Hochhauses des Problembezirks Le Bosquet mit den Porträts seiner jungen Bewohner plakatiert. Ein Jahr später kamen im Nachbarort Clichy-sous-Bois zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei ums Leben. Es war der Beginn der Jugendaufstände in den Vorstädten, die JRs Freund, der Regisseur Ladj Ly, später verfilmt hat. Lys Film „Die Wütenden“ ist sogar für die Oscars nominiert worden. JR fotografierte weiter die Bewohner von Clichy und Montfermeil. 2017 wurde eine 36 Meter lange Fotofreske eingeweiht, 750 Menschen, still oder in Aktion, ein monumentales Werk, das an die Arbeit des mexikanischen Malers Diego Rivera erinnert und heute in der Sammlung des Pariser Centre Pompidou ist.
Auf dem Tisch im weitläufigen Atelier steht eine gläserne Kanne mit Sobacha, japanischem Buchweizentee, den JR aus New York mitgebracht hat, wo er die Hälfte des Jahres lebt. Daneben liegen Fotos, Zeichnungen und Collagen seines nächsten Projekts, „La Caverne“, die Höhle. Drei Wochen lang, vom 6. Juni an, wird JR den Pariser Pont Neuf verhüllen, wie Christo und Jeanne-Claude vor mehr als 40 Jahren.
Es hatte damals Jahre gedauert, die Stadt von dem Projekt zu überzeugen. Jacques Chirac war noch nicht Präsident, sondern Bürgermeister von Paris, und er war dagegen. Christo ließ nicht locker. Er überredete Chirac und alle anderen, die Bedenken hatten. 1985 war JR zwei Jahre alt, zu jung, um eigene Erinnerungen zu haben. Aber wer die Brücke damals gesehen hat, erinnert sich, als wäre es gestern. Der Zauber der Schönheit gepaart mit der unerwarteten Geste. Viele Tausend Quadratmeter Stoff, etliche Kilometer Seile. Nutzlos, aber poetisch. Warum sollte man schon Gebäude oder Brücken verpacken? Christo und Jeanne-Claude pflegten darauf zu antworten, dass es ihnen Freude macht und man einen Maler auch nicht fragen würde, warum er malt.
Es war Christos Neffe und Nachlassverwalter Vladimir Yavachev, der dem Franzosen vorschlug, den Jahrestag zu feiern. Das Künstlerpaar hatte alle zehn Jahre ein Großprojekt realisiert: 1985 „The Pont Neuf Wrapped“, 1995 der Reichstag in Berlin, 2005 „The Gates“ in New York. Yavachev suchte nach Möglichkeiten, daran zu erinnern.
„Wie kann man dieses Werk neu interpretieren, etwas ganz anderes machen, das aber geistesverwandt ist?“, fragt JR. Monatelang hat er überlegt, ausprobiert und nach einer Antwort gesucht, die in der Reihe mit Christos und Jeanne-Claudes Arbeit steht, aber doch die eigene Signatur trägt. Er wollte eine Antwort, die ebenso bildmächtig ist wie „The Pont Neuf Wrapped“, die Pariser und Besucher der Stadt betört und sich ins kollektive Gedächtnis eingräbt. Er wollte ein Bild, das bleibt, auch wenn der Zauber nach drei Wochen vorbei ist.
Die Konstruktion aus zwei mit Luft gefüllten Schichten ist 12 Meter, an manchen Stellen bis zu 17 Meter hoch. „Der Pont Neuf wird dadurch von Stellen aus zu sehen sein, von denen man ihn normalerweise nicht sieht. Zwischen Gebäuden werden auf einmal Felsen auftauchen“, beschreibt JR die Erfahrung. „Wer auf der Seine drunter durchfährt, wird einen wieder ganz anderen Blick haben.“
Das Werk soll nicht nur von außen bezaubern. Man wird es auch begehen und durchqueren können. 140 Meter Labyrinth auf einer insgesamt 120 Meter langen Brücke, eine Immersion, wie man das heute nennt, ein Eintauchen in eine von JR erdachte Welt. Thomas Bangalter, besser bekannt als Daft Punk, einer der Musiker mit Helm der französischen French-House-Gruppe, hilft mit. Er wird keine Musik komponieren, aber die Brücke „mit Tönen verpacken“.
Aus seinem Atelier im Osten der Stadt ist JR mit seinem Fatbike in wenigen Minuten am Pont Neuf. Viel weiter südlich aus der Stadt raus, in einem Hangar des Flughafens von Orly, wird gerade die Struktur getestet, die täuschend wie Papier aussieht. „Es ist gigantisch“, sagt JR, „es ist vollkommen verblüffend, obwohl wir nur ein Modell von zehn Metern Länge testen.“
Während des Gesprächs ist JR fast immer in Bewegung, auch wenn er sitzt, springt er immer wieder auf, holt eine Zeichnung, ein Foto, um etwas zu erklären. Es kann Energie im Überfluss sein oder auch Nervosität. „Ça va bien se passer“ steht in geprägter Goldschrift auf einem langen Schild, das über seinen Archivschränken lehnt, „Alles wird gut gehen“. Das hat sich JR öfter sagen müssen, wenn er vor Großprojekten stand. Auf den Etiketten der Archivschubladen liest man „Opéra“, „Louvre“, „Valeriia“, das ist der Name des ukrainischen Mädchens, das 2022 lächelnd auf dem Asphalt in Lwiw hüpfte, ein 45 Meter großes Banner, das für die russischen Kampfpiloten gut sichtbar war.
2019 hat JR die Pyramide im Innenhof des Louvre durch eine optische Täuschung mit Schwarz-Weiß-Collagen aus der Erde wachsen lassen. Ein Team aus 400 freiwilligen Helfern hat die 2000 Papiere geklebt. Als 2023 die Fassade der Pariser Garnier-Oper für die Renovierung hinter einem Gerüst versteckt war, hat er sie mit einer Papierinstallation in einen Höhleneingang verwandelt. Mit Stirnlampen beleuchteten die Besucher die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts, die aus dem Nichts auftauchten.
Platons Höhlengleichnis hat in seinen Augen in einer Welt, die von Algorithmen diktiert wird, eine neue Aktualität bekommen. „Egal, ob ich im amerikanischen Sicherheitsgefängnis Tehachapi oder in der Pariser Oper arbeite, ich versuche, den Leuten klarzumachen, dass sie nicht die Realität sehen“, sagt JR. Er sei in der Schule kein Ass in Philosophie gewesen, aber das, was wir heute mit unseren Smartphones in den sozialen Netzwerken erleben, habe Platon in seinem Höhlengleichnis vorweggenommen. „Wir bewegen uns in Blasen und halten das, was wir dort sehen, für die Wirklichkeit“, sagt JR. Sich auszutauschen mit anderen werde immer schwieriger, den Blick und die Perspektive zu verändern, eine Seltenheit. Die Höhle führe außerdem zum Ursprung zurück, zu den Höhlenmalereien und zum Mythos, dass alles Leben aus einer Erdspalte kam.
„Ich will diese Fragen in das Zentrum der Stadt holen, ins Herz von Paris“, sagt JR. Inkognito, ohne Sonnenbrille und ohne seinen Fedora, will er sich unter die Menschen mischen und ihnen zuhören, wenn sie in die Höhle zurückkehren. Er ist gespannt auf das, was sie dort sehen.
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