Ein Land, wie den Iran mit seiner fast 3000 Jahre andauernden hochkulturellen Kontinuität zu bombardieren, ohne unersetzliche Kunstschätze zu gefährden, ist unmöglich. Nun erreichen uns die ersten Nachrichten über kulturelle Kollateralschäden.
Der Golestan-Palast in Teheran wurde beschädigt, in der alten Hauptstadt Isfahan traf es den Kaiserpalast Ali Qapu, den „Vierzigsäulenpalast“ Tschehel Sotun und die berühmte Freitagsmoschee. Man muss nicht alle Zahlen glauben, die die Iraner verbreiten, aber Grund zur Sorge gibt es mehr als genug.
Wenn Mullahs diese Angriffe nun als „Krieg gegen die Zivilisation“ rahmen, appellieren sie damit an das Langzeitgedächtnis geschichtsbewusster Iraner. Das alte Land ist oft von Angreifern aus verschiedenen Kontinenten verheert worden. Und die Ursünde der Kulturzerstörung beging ein Europäer: Alexander der Große.
Der makedonische Eroberer ließ 330 v. Chr. die damals seit 200 Jahren stehende Hauptstadt des Achämeniden-Großreichs in Brand stecken: Persepolis, was auf Griechisch einfach „Stadt der Perser“ heißt. Dieser Frevel ist bis heute vielen Iranern präsent, weil die Stadt für sie Fixpunkt ihres kulturellen Sonderbewusstseins ist. Dazu trug auch der letzte Schah bei, der Persepolis in den 1970er-Jahren ausgraben, restaurieren und zum Touristenziel werden ließ. Ihre Pracht vor dem Brand beschrieb Alexanders berühmteste Biograf, der Historiker Johann Gustav Droysen: „Dareios war hier zum Großkönig erhoben worden, hatte sich hier seinen Palast, seinen Säulenhof und sein Grab gebaut; von vielen seiner Nachfolger war mit neuen Prachtgebäuden, mit Jagdrevieren und Paradiesen, mit Palästen und Königsgräbern das Felsental des Bendemir erfüllt.“
Warum Alexander diese Schönheit zerstörte? Die Perser glauben, er habe eben einfach gehandelt wie ein trinkfreudiger Barbar in seiner „epic fury“. Droysen tendierte dagegen in typisch deutscher Weise dazu, brutale Machtausübung zu vergötzen. Er griff die nachträgliche Rechtfertigung des Brandes als Vergeltung auf: „Alexander saß auf dem Throne desselben Xerxes, der einst auf der Strandhöhe der salaminischen Bucht sein Prachtzelt aufgeschlagen, dessen frevelnde Hand die Akropolis Athens niedergebrannt, die Tempel der Götter und die Gräber der Toten zerstört hatte. Jetzt schien die Zeit gekommen, altes Unrecht zu rächen“.
Als er „den Feuerbrand in das Zederngetäfel des Königspalastes“ warf, sei es Alexander auch darum gegangen, den unterjochten Völkern Asien klarzumachen, dass die Macht der Perser endgültig gebrochen sei. Seinen Überlegungen stellte Droysen 1833 noch eine allgemeine Rechtfertigung voran: „Stets ist das stolze Recht des Sieges der Sieg eines höheren Rechts. Siegend baut er auf, indem er noch zerstört, schafft so eine neue Welt, aber aus dem Trümmerfeld, auf dem Trümmerfeld seiner Zerstörungen.“ Nur unwesentlich geschwollener und größenwahnsinniger als das, was man zurzeit aus dem Weißen Haus hört.
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