Bis 1938 war Wien als eine Metropole jüdischen Lebens bekannt. In Wissenschaft, Kunst oder Presse tummelten sich Berühmtheiten jüdischer Herkunft, deren Großeltern oder Eltern nicht selten noch im kleinen Schtetl am Rande des Habsburgerreiches aufgewachsen waren. In Wien begründete Sigmund Freud die Psychoanalyse, ersann Theodor Herzl den Zionismus, schuf Arthur Schnitzler eine neue Literatur und Arnold Schönberg eine neue Musik. Nicht zu vergessen der „Fackel“-Herausgeber Karl Kraus, der die Wiener Moderne als kritischer Chronist begleitete und prägte. Mit „Isidor“ und „Zemlinsky“ gibt es zwei neue Theaterstücke über Glanz und Elend jener Zeit zu sehen.
„Isidor“ ist die Geschichte eines nahezu unglaublichen Aufstiegs, die Regisseur Philipp Stölzl als geradlinig erzähltes Biopic auf die Bühne bringt. Und eine wahre Geschichte: Die Berliner Journalistin Shelly Kupferberg hat das schillernde Leben ihres Urgroßonkels recherchiert und niedergeschrieben. Entstanden ist das Porträt eines Menschen und einer Epoche, die von den Nazis zerstört wurden. Stölzl macht aus Kupferbergs Buch eine rasante Folge von Szenen, verteilt knapp 30 Rollen auf das neunköpfige Ensemble. Im Mittelpunkt steht Stefko Hanushevsky als Isidor, der vom galizischen Dorf über Lemberg in die Hauptstadt der Donaumonarchie und dort zu einem Vermögen kommt.
Mit Videoeinspielern, die sehr nach KI-Einsatz ausschauen, und einem Erzählerduo zeigt Stölzl, wie sich sein Protagonist assimiliert. Er nennt sich Isidor statt Israel und ersetzt die Synagoge durch das Café Schwarzenberg. Die Juden standen zwar unter dem persönlichen Schutz des Kaisers, doch vor allem mit dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger feierte der politische Antisemitismus einen unheimlichen Aufschwung, was damals nicht zuletzt bei einem gescheiterten Kunstmaler namens Adolf Hitler tiefe Spuren hinterließ. Für Isidor geht es jedoch aufwärts, in die besten Kreise der Wiener Gesellschaft. Er verdient am Ersten Weltkrieg, ist ein Freund der Oper und Kaffeehäuser. „Wer sich anstrengt, der kann aufsteigen“, sagt Isidor zu seinem Neffen Walter. Als Beweis dient der mondäne Kronleuchter, der sein Stadtpalais schmückt.
Szenenbild aus „Isidor“am Wiener AkademietheaterWas Isidor jedoch nicht sehen will, sind die bösartigen Kräfte, die das millionenfach gebrochene Versprechen von Aufstieg und Wohlstand entfesselt hat. „Das wird vorbeigehen, das ist immer vorbeigegangen“, sagt er, als die Gestapo schon fast vor seiner Tür steht. Ist es Verblendung oder Realitätsverweigerung? Als heutiger Zuschauer ist das einfach gesagt, zudem Stölzl alles auf die schmerzhafte Tragik der Verkennung zulaufen lässt. Doch sprengte die Niedertracht der Nazis damals tatsächlich die Grenzen des Vorstellbaren.
Als seine große Liebe, eine ungarische Operettensängerin (großartig: Nina Siewert), nach Hollywood geht, kommt Isidor nicht mit. Er wird von seinen Angestellten verraten, enteignet und stirbt nach Haft und Folter. Nackt baumelt Hanushevsky kopfüber an einem Seil, die Bühne des zum Burgtheater gehörenden Akademietheaters hat sich von seinem glanzvollen Anwesen in ein düsteres Gefängnis verwandelt. Die Welt von gestern bricht zusammen, nur seinem Neffen gelingt in letzter Minute die Flucht nach Palästina.
Wie eine Parallelgeschichte zu „Isidor“ wirkt „Zemlinsky“. Für das Theater in der Josefstadt hat Felix Mitterer ein Stück über den vergessenen Komponisten Alexander von Zemlinsky geschrieben, das Stephanie Mohr zu Uraufführung gebracht hat. Auch hier taucht man in einem raschen Wechsel der Szenen und Figuren in die Wiener Moderne ein: Der junge Zemlinsky, gespielt von Martin Vischer, trifft seinen Förderer Johannes Brahms, freundet sich mit Arnold Schönberg an und verliebt sich in Alma Schindler, die aber Gustav Mahler vorzieht (und später noch Franz Werfel und Walter Gropius zu ihren Gatten macht). Feine Musikeinlagen lockern das dichte kulturhistorische Panorama auf.
„Zemlinsky“ in der Josefstadt
Zemlinsky ist jüdischer Herkunft und wie viele seiner ebenfalls jüdischen Kollegen konvertiert er. Im alltagsantisemitischen Wien von Lueger & Co. ist dieser Schritt der Assimilation ausreichend, dem Rassenwahn der Nazis kann man sich damit jedoch nicht entziehen. In letzter Minute flieht Zemlinsky in die USA, wo er als gebrochener Mann – gespielt von Günter Franzmeier – 1942 stirbt. Dass er neben Schönberg und Anton Webern einst einer der wichtigsten Komponisten der Wiener Moderne war, weiß so gut wie niemand mehr. Seiner Frau, einer ehemaligen Schülerin von ihm, trägt er auf dem Totenbett noch einen allerletzten Wunsch an: „Bring meine Asche nach Wien.“
Der Komponist und Dirigent Alexander von Zemlinsky, um 1925Erst 1985 kommt Zemlinskys Urne nach Wien, der vertriebene Komponist erhält ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. So endet Mitterers „Zemlinsky“, als Rückkehr eines verstoßenen Sohns, dem erst im Tod die Ehre zukommt, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb. Auch das gehört zum Schicksal der jüdischen Berühmtheiten von Wien. „Isidor“ zeigt ein anderes Ende: Walter Grab, der überlebende Neffe, kommt in den 1950er Jahren nach Wien. In seiner alten Wohnung lebt nun die Hauswartfamilie. Als er klingelt, rufen sie erschrocken: „Der Jud’ ist wieda doa!“ In dem kurzen Moment, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuwerfen, sieht er noch die alten Möbel seiner Familie.
Es sind zwei Theaterabende, die über ihre Protagonisten hinaus von der jüdischen Emanzipation im Rückenwind der bürgerlichen Aufklärung erzählen. Und auch von den „Grenzen der Aufklärung“ (Detlev Claussen), vom Judenhass und der systematischen Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung. Die Abende zeigen allerdings auch, dass ein Biopic auf der Theaterbühne gewisse genrespezifische Schwierigkeiten mit sich bringt, die der Film mit seinen Mitteln einfacher bewältigt bekommt. So balancieren „Isidor“ und „Zemlinsky“ am Rande der historischen Kolportage. Wer das verschmerzen kann, wird nicht mit der größten Theaterkunst, aber mit interessanten Geschichten belohnt.
„Isidor“ läuft am Akademietheater Wien und „Zemlinsky“ am Theater in der Josefstadt Wien
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