„Alle meine Arbeiten sind autobiografisch“, hat der Künstler Lucian Freud einmal gesagt, „sie befassen sich mit mir selbst und meiner Umgebung.“ Für den Enkel des Erfinders der Psychoanalyse, Sigmund Freud, scheint diese Selbsteinschätzung wenig überraschend: Was sollte Kunst sein, wenn nicht autobiografisch, wenigstens zu einem Teil? Tatsächlich porträtierte Lucian Freud seine engsten Freunde, all diejenigen, die zu seinen bohemistischen Londoner Kreisen zwischen den 1940er-Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2011 gehörten.

Unter ihnen waren Francis Bacon, Frank Auerbach und David Hockney (spät im Leben malte er auch Königin Elizabeth und Kate Moss). Eine eigene Rolle in Freuds Werk spielen die Menschen, mit denen er verwandt war, insbesondere seine Mutter, aber auch viele seiner Frauen und Kinder, von denen es zahlreiche gab: Freud war zweimal verheiratet und hatte Hunderte Beziehungen und Affären, oft mit anderen Künstlerinnen oder seinen Schülerinnen; er hatte zwölf Kinder von sechs Frauen, mindestens.

Das Bild, das Lucian Freud von Frauen in seinem Leben hatte, dürfte komplex gewesen sein. Davon erzählt das herausragende „Memoir of My Father Lucian Freud“ von einer seiner Töchter, Rose Boyt (2024 bei Pan Macmillan erschienen). Sie schildert den Vater als arbeitsbesessenen, oft verschlossenen Mann, dem sie vor allem durch seine Kunst nahekommen konnte. „Er war nie wirklich da, selbst wenn er im Raum war“, heißt es an einer Stelle. Und: „Ich war mir nie sicher, ob ich seine Tochter war oder eines seiner Motive.“ Das Bild, das Freud sich als Künstler von den Frauen machte, ist ein besonderes, das zeigt die Ausstellung „Drawing Into Painting“ in der Londoner National Portrait Gallery.

Zeichnen sei die schwierigste aller Künste, meinte Freud, in jedem Fall sei Zeichnen schwieriger als Malen. Warum, darauf gibt die Ausstellung keine direkte Antwort (auch wenn ein englischer Kritiker die Welle der begeisterten Besprechungen durchbrach und urteilte, Freud sei ein großartiger Maler gewesen, aber ein geradezu peinlich schlechter Zeichner); sie erkundet das Zusammenspiel von Zeichnen und Malen im Werk Freuds.

Lucian Freud gab das Zeichnen im Laufe der 1950er-Jahre nicht zugunsten der Malerei auf, wie manchmal angenommen wird, sondern füllte seitenweise Skizzenbücher, die sich – voll mit Tipps für Wetten, Entwürfen von Liebesbriefen, hingekritzelten Telefonnummern – wie grafische Tagebücher lesen lassen.

Die Ausstellung beginnt mit frühen Zeichnungen des Künstlers als Kind und illustrierten Briefen in Sütterlin – Freud wurde 1922 in Berlin geboren als einer der drei Söhne des österreichischen Architekten Ernst Freud. Die Familie emigrierte 1933, 1939 wurde Freud britischer Staatsbürger. Der Flüchtling aus Berlin schuf in den Londoner Kriegsjahren seltsam klare Bilder, die an die Neue Sachlichkeit erinnern, etwa das strenge, grafische „Portrait of a Young Man“ (1944).

„Girl in Bed“ von 1952

„Portrait of a Young Man“, 1944

Eine Sonderstellung in der Ausstellung und im Werk Freuds nehmen die Porträts von Caroline Blackwood ein. Blackwood, eine junge Frau aus dem Hochadel und Erbin des Guinness-Brauereiimperiums, ließ sich von Freud verführen, der mit ihr aus seiner ersten Ehe nach Paris floh, wo sie 1953 heirateten (1959 wurde die Ehe in Mexiko geschieden): Das Bild „Girl in Bed“ zeigt sie im Bett im Pariser Hotel La Luisiane mit riesigen blauen Augen, die die realistisch-gegenständliche Darstellung seiner sonstigen Zeichnungen zu übersteigen scheinen.

Seine Art der Nahaufnahme hätte ihn manchmal zu einer Art unfreiwilligen Vergrößerung gebracht, sagte Freud dazu. Blackwood, die Autorin wurde, schrieb später über das Porträt: „Das Ergebnis war ich nur zur Hälfte, es war Lucians Vision.“

Vielleicht sind viele der Frauen, die Lucian Freud kurz oder länger an seiner Seite hatte, erst in seiner Kunst zu dem geworden, was er in ihnen sah. Dass für Freud Zeichnungen bei aller Gegenständlichkeit kein Abbild der Porträtierten waren, sondern eher ein Erkenntnisprozess darüber, was die Porträtierten für ihn bedeuteten, auch das zeigt die Ausstellung.

Später in ihrem wilden Leben heiratete Caroline Blackwood übrigens in dritter Ehe den amerikanischen Dichter Robert Lowell. Bei dessen tödlichen Herzinfarkt in einem New Yorker Taxi hielt er das Bild „Girl in Bed“ im Arm.

„Lucian Freud: Drawing into Painting“, National Portrait Gallery London, bis 4. Mai. Vom 10. Juni bis 27. September ist die Ausstellung anschließend im Louisiana Museum für Moderne Kunst in Humlebaek in Dänemark zu sehen.

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