Gemessen an der Ewigkeit sind 20 Jahre nur ein Wimpernschlag. Doch nach der Logik irdischer Kulturrezeption stellen zwei Jahrzehnte in etwa die Grenze dar, ab der ein künstlerisches Werk unter dem Namen „Klassiker“ firmieren darf. Ein Klassiker, das ist etwas, das die Zeit überstanden hat. Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ von 2004 ist ein solcher Fall. Wer sich zu Ostern, dem Fest der Auferstehung, diesen verfilmten Exzess der Zerstörung ansieht, merkt: Der Film hat die Zeit nicht nur überdauert, er hat zugleich auf eine Gegenwart vorausgedeutet, in der Pathos, Opfermythen und identitäre Narrative wieder verstärkt Konjunktur haben.
Seine Radikalität machte den Film damals zum Skandal und Erfolg gleichermaßen. Geistliche rieten vom Kinobesuch ab, die damalige Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch empfand nur „Abscheu“ und beklagte den Verbrauch von „Unmengen Ketchup der Visagisten“.
Blut, Staub, Haut – eine Ästhetik des Kampfs durchbohrt den ganzen Film wie ein rostiger Nagel das Holzkreuz. Erzählt werden die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu von Nazareth. Doch „Die Passion Christi“ ist kein Film über den Glauben, sondern über dessen Krise. Gibson stellt seinen Jesus als Ikone der Standhaftigkeit im Schmerz dar, für einen zweifelnden oder ambivalenten Erlöser ist kein Raum. Damit nimmt der Film eine Form der Bildpolitik vorweg, die sich erstaunlich nahtlos in die visuelle Kultur des zeitgenössischen MAGA-Kults einfügt: grell, eindeutig und emotional übercodiert.
Trump selbst inszeniert sich seit Jahren genauso: als Märtyrer, als verfolgter Gerechter und Leidender, der im Zentrum eines permanenten Kreuzwegs aus juristischen Anklagen und Medienattacken steht. Auch das berühmt gewordene Foto des Attentats auf ihn folgt dieser Ikonografie: ein von unten abgelichteter Trump mit blutverschmierter Wange, die Faust nach oben gereckt, der Mund kämpferisch zum Ruf geformt, hinter ihm nur die US-Flagge und der große weite Himmel.
Auf die nur knapp entgangene Kreuzigung folgt die unmittelbare Auferstehung. Und während es in der „Passion Christi“ das ehemalige Supermodell Monica Bellucci in der Rolle der Maria Magdalena ist, die das Blut Jesu mit Tüchern wegwischt, steht in der politischen Gegenwart das Ex-Fotomodell Melania Trump in ostentativer Ruhe an der Seite ihres Mannes. Schönheit und das Leiden gingen im Christentum immer schon Hand in Hand.
US-Präsident Donald TrumpAngesichts dieses Kults des Kampfes war es nur folgerichtig, dass der Kulturkämpfer Trump nach seinem zweiten Amtsantritt den Regisseur der „Passion Christi“ zum „Sonderbotschafter Hollywoods“ ernannte. Gibson als Stellvertreter Donalds in Los Angeles – der „Stadt der Engel“. Nebenbei werkelt der 70-jährige Gibson, mittlerweile mit alttestamentarischem Rauschebart, am Ewigkeits-Epos weiter: Für das Frühjahr 2027 ist der erste Teil der zweiteiligen Nachfolger-Saga „Die Passion Christi: Auferstehung“ angekündigt, die Dreharbeiten begannen vergangenen Oktober – in Rom.
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