Älter als der Gastgeber ist an diesem Abend nur die Location. Das Haus Schwärzetal in Eberswalde ist ein traditionsreiches Kulturzentrum; Kenner nennen es liebevoll den „Schuppen“. Es blickt auf eine über 150-jährige Geschichte zurück. Da passt es gut, dass Dieter Birr sein Programm „Was bislang geschah“ damit beginnt, von der gemeinen Fälschung seiner Geburtsurkunde zu erzählen. Darin stünde, der Puhdys-Sänger sei 82 Jahre alt. Applaus. In Reihe 20 springen sogar zwei auf, die als Letzte kamen.
„Maschine“, so nennt Birr jeder, auch er sich selbst, hat sich den Beifall der 600 Zuschauer schnell verdient. Sein Anblick weckt nicht nur Erinnerungen, er weckt auch Sehnsüchte: Hose, Shirt, das offen getragene Hemd, alles in Schwarz, die Haare lang. Er spricht schnell, berlinert. Jeder im Saal würde mit 82 gerne so ein Bild abgeben. „Wenn ein Mensch lange Zeit lebt.“ Der Puhdys-Klassiker wandert von Kopf zu Kopf. Man stelle sich vor: Gerhard Schröder, Frank Elstner, Sepp Maier, das ist der Jahrgang Birr. Vielleicht stimmt die Geschichte mit seiner Geburtsurkunde ja wirklich.
Maschine blickt an dem Abend nicht nur auf ein langes Leben, sondern auch auf über 50 Jahre Bühnenpräsenz zurück. Er hat mehr als 22 Millionen Tonträger verkauft, über 4500 Konzerte gespielt und selbstgeschätzte 500 Songs geschrieben. Den „Echo“ fürs Lebenswerk hat er schon lange zu Hause im Regal stehen. 47 Jahre lang, bis zu deren Auflösung, war er Herz und Kopf der Puhdys, der erfolgreichsten Band der DDR-Musikgeschichte.
Weil ihre lebensnahen Texte nie systemkritisch waren, nannten sie einige „Staatsrocker“. Auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall wird Maschine keine brisanten Geschichten von damals erzählen, als Musiker die „Pappe“, also eine staatliche Spielerlaubnis benötigten. Er reist gekonnt zwischen Ost und West umher, genauso, wie er es seit 1974 mit den Puhdys getan hat.
Man erfährt an dem Abend sympathische Details aus dem Leben eines Mannes, der bodenständig und doch geheimnisvoll geblieben ist. Dass er als Junge Mutti in der Küche beim Abtrocknen des Geschirrs geholfen hat. Dass er nach der Schulzeit Universalschleifer gelernt und sein erster Auftritt in der Werkzeugfabrik Treptow stattgefunden hat, also an seiner Arbeitsstätte. Er sang den 50er-Jahre-Hit „Marina“ von Rocco Granata. Maschine greift zur bereitgestellten Akustikgitarre und spielt seine erste eigene Komposition „Susi Baby-Twist“. Geschrieben hat er den Song 1960, erschienen ist er erst 1994.
Die Puhdys 1981 im Hamburger Stadtpark. Am Mikrofon (M.): Dieter BirrDie Puhdys verdanken ihre Karriere dem Film „Die Legende von Paul und Paula“, einer lebensbejahenden Liebesgeschichte im geteilten Berlin, für den sie 1973 den Soundtrack beisteuerten. Textzeilen wie „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“ wurden zwar zuvor staatlich hinterfragt, doch Maschine erzählt, wie unwissend er und die anderen Musiker gegenüber dem Kontrollgremium taten. „Einen Drachen steigen zu lassen, war doch nichts anderes als seine Briefmarkensammlung zu zeigen oder gemeinsam Schulaufgaben zu lösen – also alles, was in der DDR damals schön war“, sagt Maschine und spricht von „echter Pionierarbeit“, die die Puhdys da geleistet hätten. Im Westen wurde dem Bayerischen Rundfunk hingegen das Abspielen von „Geh zu ihr“ untersagt, weil es zu sexistisch war.
Obwohl die Puhdys in Ost und West gleichermaßen gehört wurden, sorgte der Fall der Mauer für einen Knick in der Erfolgsgeschichte der Band. „Nach der Wende wollte man nichts mehr von Ostartikeln wissen“, sagt Maschine. „Die Leute hatten kein Geld mehr, weil sie für ein paar Schnürsenkel plötzlich das Zigfache zahlen mussten.“ Doch die Puhdys kamen wieder auf die Beine und landeten 1997 mit „Hey, wir woll’n die Eisbär’n sehn!“ einen ihrer größten Hits, der sich als Après-Ski- und Ballermann-Hymne etabliert hat.
Brisant wird es, als Maschine von Morddrohungen berichtet. Ein offensichtlich verwirrter Fan war der Meinung, nicht Dieter Birr, sondern er sei das Original von Maschine. Er plante deshalb, die Fälschung in Rahnsdorf aus dem Weg zu räumen, was ihm zum Glück misslang. Noch ruhiger wird es im Saal, als Maschine erzählt, wie er 2003 nach einem unbemerkten Zeckenbiss schwer an Borreliose erkrankte: „Ich war im Gesicht gelähmt, erst auf einer Seite und am nächsten Tag auf beiden.“ Drei Wochen lang lag er im Krankenhaus, wurde mit Antibiotika vollgepumpt. „Ich hatte wirklich großes Glück, dass nichts zurückgeblieben ist.“ Bis auf dies: „Durch die Gesichtslähmung“, sagt Maschine, „habe ich quasi zwangsweise mit dem Rauchen aufgehört.“
Von den hinteren Reihen ruft jemand: „Sing mal wieder!“ Maschine fragt noch mal nach, weil er es nicht verstanden hat, da ruft auch schon ein anderer: „Du sollst singen!“ Zimperlich gehen die Fans mit ihrem Star nicht um. Aber Maschine umarmt sie, indem er zur Gitarre greift und ein paar echte Puhdys-Klassiker spielt: „Auf Lebenszeit“, „Geh zu ihr“. „So, jetzt seid ihr dran“, ruft er dem Publikum zu, und alle singen gemeinsam „Alt wie ein Baum“. Der „Schuppen“ kocht. Maschine kündigt rasch eine große Tour mit Band für 2027 und 2028 an, da ist er ja erst 84, außerdem verrät er, dass er im Sommer beim Heavy-Metal-Festival in Wacken auftreten wird – als ältester Rocker aller Zeiten.
Jetzt singt der Saal: „Hey, wir woll’n die Eisbär’n sehn!“ Einige springen auf und gehen rechts und links die Gänge nach vorne. Auch, um bessere Fotopositionen zu haben. Den Abschluss macht „Was bleibt“, ein wunderbares Ende für einen Abend, an dem Maschine noch eine Zugabe an seinem Merchandising-Stand gibt, um Autogramme auf Bücher und CDs zu schreiben. Im letzten Lied heißt es: „Was bleibt, was uns bleibt, sind Freunde im Leben“.
Am 25. April tritt Dieter Birr mit dem Programm „Was bisher geschah“ in Hoyerswerda auf.
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