„Sie müssen wissen, Monsieur, dass von den Deutschen in nur einem Monat von den sechzigtausend négres, die man an die Front geschickt hatte, neunundzwanzigtausend gefangen genommen wurden. Entweder waren die anderen tot oder sie irrten noch in den französischen Wäldern herum, immer die Deutschen im Nacken und von den Franzosen nicht immer gern gesehen. Manche Bauern gaben ihnen etwas Brot, manchmal sogar Medikamente oder Decken; andere verrieten sie an die Feldkommandatur oder an die Gestapo.“

Dies war 1940 geschehen, nach der Niederlage der französischen Armee, in welcher auch Bataillone sogenannter „Tirailleurs sénégalais“ gekämpft hatten, Soldaten aus den afrikanischen Kolonien und von den Antillen. Im kollektiven Gedächtnis waren diese Soldaten späterhin jedoch kaum präsent – und noch weniger die Résistance-Kämpfer unter ihnen. In Tierno Monénembos Roman „Addi Bâ. Der schwarze Terrorist“ – soeben in deutscher Übersetzung erschienen, im französischen Original bereits 2012 publiziert – ist nun einer von ihnen der (historisch verbürgte) Protagonist: Addi Bâ Mamadou, 1916 in Guinea geboren, mit 13 Jahren nach Frankreich gekommen, 1940 Kriegsfreiwilliger und nach dem Zusammenbruch einer der wichtigsten Résistants in den nazi-besetzten Vogesen.

Im Roman reist der (fiktive) Ich-Erzähler, Addi Bâs Onkel, sechs Jahrzehnte nach den damaligen Ereignissen in die dortigen Dörfer, um Erinnerungsfragmente zu sammeln. Jene, die damals als Kinder den auffälligen 23-Jährigen erlebt hatten, der sich schon aus Stolz nur selten der Scharfschützen-Uniform seiner untergegangenen Armee entledigte und in geheimer Mission auf einem Fahrrad von Ort zu Ort kurvte, sind überaus dankbar, ihre Erinnerungen teilen zu können.

Damit bekommt nicht nur der Ausnahme-Charakter jenes Addi Bâ, der als Afrikaner gegen die Deutschen zu kämpfen beschloss, als die Mehrheit der weißen Franzosen sich aufs Kollaborieren verlegte, Konturen. Vielmehr wird auch das denkbar unglamouröse, oft mürrisch in sich verkapselte France profonde, hierzulande wohl lediglich bekannt durch Romane von Georges Simenon, sinnlich sichtbar: als Schauplatz von Familienfehden, Neid und Missgunst, aber auch von Alltagsanständigkeit, wie sie Addi Bâ zugutekam.

Der erste Schwarze im Dorf

„Sie müssen sich das mal vorstellen – der erste Schwarze im Dorf, beeindruckend trotz seiner geringen Körpergröße, lächelnd und gut gekleidet, vornehm. Einer, dem es gelungen ist, eine ganze französische Region zu beeindrucken, und das zu einer Zeit, in der seine Rasse als die nichtswürdigste der ganzen Menschheit galt.“

Tierno Monénembo, einst aus dem diktatorisch regierten Guinea nach Frankreich geflohen und dort vor einigen Jahren für sein Gesamtwerk mit dem renommierten Grand Prix de la Francophonie der Académie Francaise geehrt, lässt all diese ländlichen Bewohner reden, wie ihnen seit jeher der Schnabel gewachsen ist – einschließlich irritierender Bezeichnungen wie „négre“ oder „Rasse“.

„Addi Bâ. Der schwarze Terrorist“ heißt der Roman

Monénembo, der schwarze Romancier und Intellektuelle, weiß solches genauso souverän einzuordnen wie die Entdeckung, dass der todesmutige Addi Bâ nicht nur deutsche Deserteure, abgestürzte englische Piloten und jüdische Kinder vor dem Zugriff der Wehrmacht und der Gestapo bewahrt hatte, sondern auch nicht zu knapp in Affären mit den erotisch ausgehungerten Frauen der Region verstrickt gewesen war.

Ein Roman gegen das Vergessen

Zänkische Puristen könnten in diesem Buch somit kreuz und quer „kulturelle Aneignung“ auffinden und monieren. Aber was bedeutet das schon angesichts dieses doppelten Triumphs: Die Verdienste von Addi Bâ Mamadou, der 1943 schließlich doch noch den Deutschen in die Hände gefallen war und nach schwerster Folter erschossen wurde, sind nach Jahrzehnten rassistisch konnotierten Vergessens in Frankreich nun endlich historisch anerkannt.

Mit Tierno Monénembos polyphonem Roman ist er nun genuiner Teil der französischen Kultur geworden – nicht zuletzt auch Dank der Kino-Adaption „Nos Patriotes“ und der Erinnerungsarbeit des engagierten Ex-Fußball-Stars Lilian Thuram. Und wer’s noch ausführlicher mag, greife zum Buch des Historikers Ètienne Guillermond, in dem „Addi Bâ, résistant des Vosges“ ebenfalls wieder lebendig wird – auch als heutige Mahnung, dass es mit Menschenschindern keine Komplizenschaft geben darf.

Tierno Monenembo: Addi Bâ. Der schwarze Terrorist. Roman. Aus dem Französischen von Gerhard Bierwirth. Transit, 199 Seiten, 24 Euro.

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