Als Elvis Presley in Bad Nauheim seinem Vaterland als Sergeant diente, sang er „Muss i denn zum Städtele hinaus/ Und du, mein Schatz bleibst hier?“ unter dem Titel „Wooden Heart“. In Deutschland hatte sich der King verliebt. „Komm gib mir deine Hand“ sangen die Beatles und „Sie liebt dich“. Ohne ihre Lehrjahre in Hamburg hätten sie es nie zum Weltruhm und zur Meisterschaft gebracht. Auch ihre Haarschnitte stammten aus Hamburg. Die Beatles waren den Deutschen dankbar.

Englisch galt damals noch nicht als Lingua franca der Globalisierung, Deutschland noch als Land des Schlagers. Johnny Cash sang „Kleine Rosemarie“ und „Wer kennt den Weg“, Cliff Richard „Rote Lippen“ und „Ein Sonntag mit Marie“. Die Plattenfirma Motown aus Detroit verwandelte die schwarze, sogenannte Race Music in Weltmusik und übersetzte Hits von den Temptations, den Supremes und Marvin Gaye: „Mein Girl“, „Baby, Baby, wo ist unsere Liebe“ und „Wie schön das ist“.

Aber auch in den Siebzigerjahren, als die Popmusik aus Großbritannien und Amerika die deutschen Hitparaden bereits weitgehend beherrschte und verstanden wurde, sangen Weltstars immer wieder Deutsch. Mehr oder weniger der Sprache mächtig – aus völlig verschiedenen Gründen. Der Versuch einer Top 15 von den Siebzigern bis in die Gegenwart:

Platz 15: „Magie“ von Coldplay

„Jetzt versuche ick, Deutsch zu singen“, liest Chris Martin im Sommer 2022 von den Zetteln ab, die ihm in der Frankfurter Festhalle zu Füßen liegen. Dann versucht er es mit „Magic“, einem seiner Hits mit Coldplay, in der DeepL-Version: „Nenn es Magie, nenn es wahr/ Ick nenne es Magie, wenn ick bei dir bin.“ Chris Martin ist ein netter Mensch. So rücksichtsvoll, dass er sein Bier, wenn er in China ist, auf Mandarin bestellt.

Platz 14: „Du“ von David Hasselhoff

Fünf Jahre, nachdem David Hasselhoff die innerdeutsche Mauer mit „Looking for Freedom“ einfach umsang, nahm er „Du“ auf. Für den weiblichen Teil der Bevölkerung, den er befreit hatte: „Seit wir uns kennen, ist mein Leben bunt und schön/ Und es ist schön nur durch dich/ Was auch geschehn mag, ich bleibe bei dir/ Ich lass dich niemals im Stich.“ Auch seine eigene Welt wurde bunter und schöner in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts. „Du bist alles, was ich habe auf der Welt/ Du bist alles, was ich will“, heißt es im Kehrreim.

Platz 13: „California Über Alles“ von den Dead Kennedys

Als zünftige Politpunks witterten Jello Biafra und seine Dead Kennedys schon 1979 in Amerika faschistische Tendenzen. Seinerzeit strebte der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, das Präsidentenamt im Weißen Haus an. „California Über Alles“ griff, neben dem Chorus („California Über Alles/ California Über Alles/ Über Alles California/ Über Alles California“) im Text auf ein einziges weiteres deutsches Wort zurück. Auf „Führer“. Traten die Dead Kennedys in Deutschland auf, coverten sie gern Heinos „Edelweiß“.

Platz 12: „99 Luftballons“ von Dua Lipa

Als Tochter von Balkankriegsflüchtlingen aus dem Kosovo weiß Dua Lipa, was die Deutschen für ihre Familie und ihr Land getan hatten. In London war sie 1995 zur Welt gekommen. 30 Jahre später sang sie „99 Luftballons“ von Nena während ihrer Tour durch deutsche Mehrzweckhallen. Sie hätte die englische Version vortragen können, „99 Red Balloons“, mit der Nena auch in Amerika die Charts stürmte. Nein, sie bevorzugte das Original als Kosovarin und als Europäerin.

Platz 11: „The Schlager-Hitparade“ von den Pet Shop Boys

Die Pet Shop Boys lieben Berlin. Zeitweise leben Chris Lowe und Neil Tennant in der deutschen Hauptstadt, sie besuchen die Museen und tanzen im Berghain. Deutsch sprechen sie schlecht und bloß aus Spaß wie in „The Schlager-Hitparade“ von 2024 mit Zeilen wie „Glühwein, Wurst and Sauerkraut“ oder „Gesundheit to Europa“. Wie zwei Briten sich eben ein deutsches Stimmungslied vorstellen, aber eines, zu dem sie selbst schunkeln könnten.

Platz 10: „Ring Ring“ von Abba

1973 waren Abba noch besorgt, die Deutschen wären im Englischen nicht so weit wie sie in Schweden. Also sangen sie „Ring Ring“ auch für den wachsenden Musikmarkt zwischen Hamburg und Berlin, München und Köln: „Ich bin ganz allein zu Haus/ Sowas hält doch keiner aus/ Deine Eifersucht, die ist doch blöd/ Und albern und dumm nur/ Baby, treib es nicht zu weit/ Immer wieder machst du Streit/ Kannst du mir mal sagen, du/ Wieso, weshalb und warum nur/ Auch bei mir reißt mal der Draht/ Häng dich an den Apparat/ Ring ring/ Vierzehn-null-sieben-null-drei.“ Auch „Waterloo“ gab es auf Deutsch.

Platz 9: „Du hast“ von Lizzo

Wo auch immer Rammstein auftreten, in Russland, Frankreich, Süd- und Nordamerika: Im Stadion singt man Deutsch. Alle stimmen auch in die krudesten, krassesten Lieder ein. Lizzo brachte „Du hast“ zurück nach Deutschland. Allerdings sang sie „Du hast, du hast misch!“ schon im Februar 2023 auf den Bühnen in Berlin und anderswo. Im Juni eskalierte der Skandal um Rammstein und ihren Sänger Till Lindemann aufgrund von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs. Anklagen wurden erhoben und juristisch beigelegt. Lizzo wehrte sich im August 2023 dann selbst gegen Anwürfe verschiedener Arten der Belästigung und des Mobbings von Mitarbeitern. Auch ihr Fall verlief sich vor Gericht. Bereits Bob Dylan sagte, Songs sollten weiser als ihre Schöpfer sein. „Du hast“ wusste jedenfalls immer mehr als alle, die es anstimmten.

Platz 8: „So ein Mann“ von Phil Collins

Disney wird beherrscht von hauseigenen Dogmen. Eines, das erste und höchste, lautet: Immer an die Kinder denken. Wenn Phil Collins im Film „Tarzan“ für die deutschen Kinder „So ein Mann“ singt, denkt er nicht nur an die Kinder, sondern auch daran, dass aus Jungs einmal Männer werden: „Manchmal fehlen dir die Freunde/ Niemand nimmt dich bei der Hand/ Mit Verständnis und viel Liebe/ Wird aus dir bald ein starker Mann/ So ein Mann setzt alles ein/ So ein Mann ist wie ein Held/ So ein Mann kann alles sein/ So ein Mann ist dann ein Kind der Welt.“ Die Hymne heißt im Original „Son of a Man“, Sohn eines Mannes oder Menschen. Keine künstlerischen Freiheiten gönnt Collins sich dafür bei „You’ll Be in My Heart“ in „Tarzan“. Es heißt „Dir gehört mein Herz“.

Platz 7: „Berghain“ von Rosalía

Als die Katalanin Rosalía mit der Single „Berghain“ im vergangenen Herbst ihr Album „Lux“ ankündigte, war alle Welt, vor allem aber Deutschland, aus dem Häuschen. Was sang die spanische Stimme der Millennials über den, glaubt man den Reiseführern, wichtigsten Berliner Nachtklub? „Seine Angst ist meine Angst/ Seine Wut ist meine Wut/ Seine Liebe ist meine Liebe/ Sein Blut ist mein Blut.“ Die Strophe war schon schwerer zu verstehen: „Die Flamme dringt in mein Gehirn ein/ Wie ein Blei-Teddybär/ Ich bewahre viele Dinge in meinem Herzen auf/ Deshalb ist mein Herz so schwer.“ Noch schwerer als ein Teddybär aus Blei ist nur die deutsche Sprache.

Platz 6: „Where Are We Now“ von David Bowie

Die Berliner sind auch stolz auf David Bowie. Auf seine Berliner Jahre und seine Berliner Trilogie, vor allem aber, weil er „Heroes“ auch auf Deutsch sang mit dem rätselhaften Vers am Schluss: „Und die Scham, fiel auf ihre Seite/ Oh, wir können sie schlagen, für alle Zeiten/ Dann sind wir Helden, nur diesen Tag.“ Zu seinem 66. Geburtstag, 36 Jahre später, schenkte Bowie sich eine Erinnerung daran. „Where Are We Now“ war keine Frage. Das lyrische Ich fuhr und lief noch einmal die Orte ab und streute sie in seine Muttersprache: „Sitting in the Dschungel/ On Nürnberger Strasse/ A man lost in time/ Near KaDeWe.“ Sein Zug kam vom Potsdamer Platz, er ging über die Bösebrücke. Nur drei Jahre später starb er.

Platz 5: „Frag Mich Nicht Immer“ von Peter Gabriel

„Ich bin ein Niemand, ohne Behördenstempel/ Kein Ausweis sagt dir, wer ich bin/ Nimm mich doch so, wie du mich jetzt hier vorfindest/ Ich steck’ ganz tief in der Scheiße drin“, singt Peter Gabriel auf seinem ersten „Deutschen Album“. Zwei komplette Platten hat er übersetzt und aufgenommen, „Melt“ von 1980 und „Security“ von 1982. Unterstützt hat ihn der Regisseur Horst Königstein. „Frag Mich Nicht Immer“ setzt aus zwei Songs zu einem Lied zusammen, aus „Start“ und „I Don’t Remember“. Ein Sänger, der schon als Fuchs und Blume auf der Bühne stand, schlüpft in die fremde und sperrige Sprache wie in ein Kostüm.

Platz 4: „Laut Und Hart Stark Und Schnell“ von Manowar

Ohne die Deutschen gäbe es, so Ozzy Osbourne, keinen Heavy Metal. Mit Black Sabbath will der Fürst der Finsternis das Schwermetall der Rockmusik aus den Weltkriegsruinen und den Blindgängern von Birmingham geschürft haben. Als lauteste Vertreter ihrer Art haben sich immer Manowar gefühlt. Dafür liebten die Deutschen sie besonders. So schloss sich der Kreis, wenn Manowar für ihre treueste Gemeinde „Herz aus Stahl“ spielten und „Laut Und Hart Stark Und Schnell“: „We’re laut und hart stark und schnell/ Manowar played giants fell/ Laut und hart stark und schnell/ If you don’t like us go to hell.“ Die letzte Zeile heißt so viel wie: Geh zur Hölle, wenn du uns nicht magst.

Platz 3: „Scheiße“ von Lady Gaga

Von der so berühmten wie berüchtigten Berliner Clubkultur ließ sich auch Lady Gaga inspirieren und zu einem derben deutschen Wortsalat hinreißen. Im Refrain geht ihr Lied „Scheiße“ so: „Oh, oh, oh, oh, oh, without the Scheiße yeah/ Oh, oh, oh, oh, oh, without the Scheiße yeah/ Oh, oh, oh, oh, oh, without the Scheiße yeah/ Oh, oh, oh, oh, oh.“ Den Rest lässt sie für ihre Ohren dann irgendwie deutsch klingen: „Ich schleiban austa be clair, es kumpent üske monstere/ Aus-be aus-can-be flaugen, fräulein üske-be clair.“ Im Text selbst drückt sie aber auch auf Englisch ihr Bedauern aus darüber, dass sie kein Deutsch kann, es aber sehr gern können würde.

Platz 2: „Sofa No. 2“ von Frank Zappa

Deutsch war für Frank Zappa eher ein Sound als eine Sprache – und vor allem eine sexuelle Obsession. In „Stick It Out“ von 1979 singt er sich als Frau in eine Fantasie hinein: „Fick mich, du miserabler Hurensohn!“ Es ist nichts anderes als gespielte und gesungene Pornografie und endet mit der Bitte, nicht das Sofa zu beschmutzen, das schon vier Jahre zuvor von ihm in „Sofa No. 2“ besungen wurde: „Ich bin der Dreck unter deinen Walzen/ Ich bin dein geheimer Schmutz und verlorenes Metallgeld/ Metallgeld!/ Ich bin deine Ritze/ Ich bin deine Ritzen und Schlitze/ Ich bin der Autor aller Falten und Damastpaspeln/ Ich bin alle Tage und Nächte/ Ich bin hier und du bist mein Sofa.“ Zappa muss für seinen „Sofa“-Zyklus mit Begeisterung im Deutschen Wörterbuch geblättert haben. Dass er seinen Schmutz und seine Schweinereien, wie Gerichte in Amerika und Großbritannien befanden, durch sein Deutsch vor der Zensur bewahren wollte, stimmt allerdings nicht. Er sang es auch auf Englisch.

Platz 1: „Skandal im Sperrbezirk“ von Metallica

Am 26. April 2018 in der Münchner Olympiahalle gönnten sich Metallica den Spaß und feierten ein bayerisches Heimatlied. Die halbe Band verneigte sich tief vor der Spider Murphy Gang. Kirk Hammett und Robert Trujillo coverten „Skandal im Sperrbezirk“. Trujillo sang vom Blatt. Vielleicht hat ihm jemand die Ode an die Hure namens Rosi in der Stadt des lustigen Hofbräuhauses und der lästigen Freudenhäuser lautmalerisch übersetzt, vielleicht auch nicht. Was hier auf Deutsch geknödelt wird, ist jedenfalls schon rein phonetisch interessant. Ein Kauderwelsch, das sich wie eine Sprache anhört, die sich überall von allen sprechen und verstehen ließe. Auf der ganzen, weiten Welt.

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