„Acht Leben sind weg jetzt, echt jetzt. Bin ’n Dummy, immer bereit für den nächsten Crashtest.“ Mit diesen Worten beginnt „9 Leben (Eins übrig)“, der Opener von „Zum Glück in die Zukunft III“. Anschließend zählt Marteria ein paar Nahtoderfahrungen auf. Ein beinahe tödlicher Badeunfall in der Ostsee als Kind. Irgendwann mal mit dem BMW überschlagen. Diese Pillen auf der Loveparade 1998, die knallten wie Kreuzberg an Silvester. Einige Male Ärger mit der Liebe. 2015 schließlich die Sache mit dem Nierenversagen und der anschließenden Dialyse.

Zwei Jahre danach sah es ganz so aus, als würde der gebürtige Rostocker die Dinge langsamer angehen lassen, ein Leben, ohne den Rausch anstreben. In zahlreichen Interviews schwor Marteria, der mit bürgerlichem Namen Marten Laciny heißt, 2017 dem Alkohol und weiteren, harten Rauschmitteln ab. Das Absolute an dieser Aussage nahm er in den folgenden Jahren sukzessive zurück, was vollkommen Sinn ergab: Die Musik von Marteria war immer eine, in der die Grenzüberschreitung mitgedacht wurde – vielleicht aus dem schlichten Grund, dass Hip-Hop kulturhistorisch ohne Grenzüberschreitungen gar nicht denkbar ist.

Vielleicht aber auch, weil Marteria stets, nun ja, erlebnisorientiert war, zumindest implizieren das frühere Songs. „Verstrahlt“ oder sein wohl größter Hit „Kids (2 Finger an den Kopf)“ aus dem Jahr 2014 zeigen einen Mann, den man sich nur schwer mit dem Matcha Latte in der Hand vorstellen kann. Eineinhalb Jahre, so sagte er einmal im Interview-Podcast „Hotel Matze“, sei die Nüchternheit sehr schön gewesen. Danach hätte sich das aber gedreht. „Ich hab’ damals meine größte Show in Berlin gespielt. 17.000 Leute in der Wuhlheide, danach große Platinfeier. Danach bin ich in den Nightliner gegangen, hab ’ne Folge ‚Wikings‘ geguckt, und alle haben gefeiert. Da dachte ich so: Ist doch scheiße alles.“

Marteria weiß also um die Ambivalenzen, die mit dem Exzess einhergehen. „Zum Glück in die Zukunft III“ ist vielleicht auch deshalb über weite Teile ein Werkstattblick in eigener Sache. Das Album hält die Balance zwischen Introspektive und Ausblick, zwischen dem reflektierten Marten und dem, der so angeknipst ist wie ein Halogenstrahler auf einem Massenrave. Das war schon auf „Zum Glück in die Zukunft II“ so, über zehn Jahre ist das her.

Die Welt mag sich seither in jeglicher Hinsicht verändert haben. Doch, Achtung, weitere Botschaft des Albums: Selbst, wenn alles brennt, die prinzipiellen Troubles bleiben seit Generationen ähnlich, lediglich ihre Ausformungen verändern sich. „L.I.E.B.“ kreist um die Verführungen einer problematischen Beziehung, beleuchtet aber vor allem deren Alternativlosigkeit. Ein paar Songs später wirkt „Sad Holiday (Schwarzer Sand)“ wie die Fortsetzung.

Hier wirft Marteria kurz die Namen „John Mayer, Taylor Swift“ in den Raum. Die beinahe vergessene Beziehung der Popkönigin zum Songwriter als Referenz für das eigene „gebrochene Herz im Rental Car“ zu nehmen: Da muss wirklich einiges schiefgelaufen sein. Der zweite Gruß an den US-Pop kommt mit deutlich mehr Leichtigkeit daher: „Mariah Carey“ ist ein selbstironischer Blick auf seine Momente als Diva und Egoist – und die vermutlich erste popkulturelle Verwurstung von „I Don’t Do Stairs“, dem wohl berühmtesten Satz der Sängerin.

An anderer Stelle blickt er mit Wortwitz, aber vollem Ernst auf das, was gerade in der Welt passiert. „Captain Europa“ heißt der Track, der recht direkt die kulturellen Realitäten des Kontinents verhandelt – beziehungsweise darauf hinweist, dass dessen Hegemonie Vergangenheit ist. Das einzige Feature gehört seinem Sohn Louis: In „Platz für uns“ zieht Marteria Bilanz, berichtet davon, wie er mit Anfang 20 Vater wurde, wie er seinen Sprössling das erste Mal mit auf die Bühne nahm und wie stolz er mittlerweile auf ihn ist.

Kurzum: Das Kind war seine eigene Reifeprüfung, jetzt wird ihm der Staffelstab überreicht. Der Junior, der unter dem Künstlernamen Luzey im April sein Debütalbum veröffentlichte, stellt in seinem Part klar: „Über’m Bett kein Poster von mei’m Dad, sondern von Ufo, aber ich bin trotzdem stolz auf mein’n Dad auf dem Schulhof.“

Klar, das ist kitschig. Aber gleichzeitig wird dieser Kitsch warm und mit einem zärtlichen Blick Richtung Soul und R&B in Szene gesetzt, was alten Bekannten zu verdanken ist. Als Producer fungierten erneut The Krauts. Die sind Klangkönige, die um die Geschichte des Genres Hip-Hop wissen, den Blick aber gleichzeitig in alle Richtungen schweifen lassen.

So kommt das abschließende „Das Ende vom Lied“ mit einem mächtigen Wave-Bass daher. Und „Problemarten“, einer der prägnantesten Tracks, läuft auf einem hübsch dengelnden Maschinenbeat, an den sich irgendwann ein paar Post-Disco-Flächen schmiegen. Sie geben dem Song einen zärtelnden Schmelz, der sich zu den Lyrics wie ein Kontrastmittel verhält. In denen berichtet Marteria zwar zunächst von seinem neuen Pinterest-Leben mit Solarpanels auf dem Dach, der Hollywoodschaukel und dem silbernen Mercedes. Aber irgendwann klingelt eben der andere Marten an der Tür. Der, der raus möchte. Was sehen will. Gerne mal das System fickt und manchmal aus Versehen in den Nachrichten landet.

In eingangs erwähntem „9 Leben (Eins übrig)“ stellt Marteria übrigens auch die Frage nach seiner nächsten Inkarnation. Wie die aussieht, weiß er nicht, aber er wagt eine Prognose. Die Wiedergeburt, so rappt er, erfolge als Hering oder Haifisch. Marteria ist übrigens Hochseefischer, aber das nur am Rande.

„Zum Glück in die Zukunft III“ erscheint am 17. April 2026 bei Marsmusik/BMG

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